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Mangelnde Würze in der Kürze?

  • townman
  • 10. Januar 2011 um 13:03
1. offizieller Beitrag
  • townman
    Giant Hogweed
    Beiträge
    7.036
    • 10. Januar 2011 um 13:03
    • #1

    Falls du männlich bist und dein Blick gerade unwillkürlich an deiner Frontseite nach unten gleitet - darum geht's mir nicht.

    Nein, was mich schon länger hier im Forum beschäftigt (und letztlich auch ausgelöst durch den SdW-Thread zu "Undertow"), ist die Frage, ob Genesis früher unfähig waren, kurze, aber musikalisch überzeugende Songs zu schreiben. Schon häufiger wurde hier im Forum der Eindruck (z.T. auch durch Aussagen der Musiker selbst provoziert) geschildert, Genesis hätten früher verkrampft versucht, "Hits" zu schreiben, und dabei im Gegensatz zu den kommerziellen Erfolgszeiten ziemliche Gurken produziert.

    Sicherlich: Wenn es um "Hits" geht, dann haben die Jungs früher definitiv nicht so gut funktioniert und abgeliefert, das steht wohl unbestritten fest.

    Allerdings bin ich als bekennender "For absent friends"-, "Harold the barrel"-, "Dusk"-, "Please don't ask"-, "I know what I like"-, "The lamb lies down on broadway"-, "Anyway"-, "In the rapids"-, "No reply at all" und "Keep it dark"-Fan mit einer solchen Sichtweise nicht ganz zufrieden. Dafür gehen mir diese Songs zu nahe - und ich halte sie auch für sehr gelungen (das Kriterium "Hit"-tauglich interessiert mich da wenig).

    Und es gibt ja auch Aussagen aus dem Genesis-Lager, wie z.B.: "(...) aber Hits interessierten uns auch nicht so besonders, also machten wir uns auch keine weiteren Gedanken darum. (...) wir hätten sogar die Möglichkeit gehabt, bei TOP OF THE POPS aufzutreten. Wir lehnten ab." (Tony über "I know what I like" in "Chapter & Verse", S.145).

    Wie seht ihr das? Welche früheren "Shorts" mögt ihr, welche haltet ihr für misslungen? Und woran lassen sich derartige Urteile womöglich auch festmachen? Ich wäre sehr gespannt auf eure Gedanken dazu.


  • Prophet
    Moderator
    Trophäen
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    amyristom
    • 10. Januar 2011 um 13:31
    • Offizieller Beitrag
    • #2

    Also zuerst einmal sollte man hier definitiv etwas differenzieren: kurzer Song ist nicht gleichbedeutend mit "potentielle Single", "Hit", "Pop" oder "kommerziell".

    Songs wie "Dusk" oder "Anyway" sind definitiv "Shorts" um mal in die Begrifflichkeit von townman zu bleiben, aber haben mit einer typischen Radiosingle oder einem kommerziellen Popsong ziemlich wenig zu tun (u.a. sind sie hierfür zu sperrig und ja progressiv vom Stil her).

    Darüberhinaus vertrete ich schon die These, dass Genesis in den 70er Jahren und auch bis in die Anfänge der 80er Jahre hinein mehrheitlich keine wirklich aus "mainstream-sicht" her "guten" Pop-Singles schreiben konnten. Single-Versuche wie "Happy the man", die Single-Version von "Watcher of the skies", "Counting out time", "A trick of the tail" und ja auch "I know what I Like" sind unter mainstream-aspekten betrachtet ziemlich schlechte Singles. Zu sperrig, keine wirklich gute Hookline, usw. "I know what I Like" hat zwar eine sehr gute Hookline, verliert aber dann wieder massiv durch die sehr sperrigen und verqueren Strophen und endet dann etwas zerfasert. Wie gesagt, alles unter der "Mainstream-Kompatibilitäts-Brille" betrachtet.

    Dann wiederum gibts Singles, wo man eindeutig sagen muss, dass hier das Arrangement viel "kaputt" gemacht hat - wenn man mit dem Song denn damals auf die Hitparaden geschielt hätte. "Your own special way" ist hier ein sehr gutes Beispiel. Der Song ist ein 1a Popsong, hätte durchaus ein Hit werden können, wenn die Strophen vom Arrangement her nicht so zäh wie Kaugummi wären und die E-Piano-Bridge den ganzen Fluß zerstören würde. Welches Hit-Potential in Wahrheit drin schlummert, hat dann ja ausgerechnet Steve Hackett 1996 auf Genesis Revisited gezeigt. Viele sagen ja, er hat durch diese "weichgespülte" Version und die Tatsache, den Song von Carrack singen zu lassen, den Song vollends zerstört. Ich halte aber dagegen, dass er aus dem Song endlich KONSEQUENT das gemacht hat, was er immer war: ein 1a Popsong. Hackett hat sozusagen das eigentliche Wesen des Songs nur klar herausgearbeitet.

    Und zu guter letzt gibt es da die wirklich guten Singles in den 70ern, die keine wurden, weil man sie nicht als Singles veröffentlicht hat.
    "Time Table" z.B. ist ein wirklich guter und kommerzieller Popsong. Warum haben sie den nicht als Single veröffentlicht und stattdessen "Watcher" kastriert? Warum wurde "Counting Out Time" als Single veröffentlicht aber ein solcher potentieller Hit wie "Carpet Crawlers" nicht? Hier gehen selbst einem Nicht-Prog-Hörer die Strophen ins Ohr, der Refrain hat Ohrwurmcharakter. Hätte ein Hit werden können.

    Ich denke also, in den 70ern war es eine Mischung aus "nicht konsequent auf 'Hit' komponieren", teils unpassendem Arrangement und einer schlechten Songauswahl für die Singles, die dazu führte, dass Genesis erst '78 einen wirklichen Hit landen konnten (und zur "Hitfabrik" wurden sie ja eh erst ab dem Genesis-Album).

    Now our end has come so near
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  • March Hare
    Banjo Man
    Trophäen
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    Beiträge
    1.208
    • 10. Januar 2011 um 13:58
    • #3

    Dem kann man kaum was hinzufügen, Prophet. Sehr durchdacht und nachvollziehbar, sehe ich auch so!

    http://www.favni.de

  • Sebastian
    Squonk
    Beiträge
    3.846
    • 10. Januar 2011 um 17:04
    • #4

    Für mich der Prototyp eines gelungenen, kurzen Prog-Stückes: Can-Utility And The Coastliners. Da steckt alles drin, was ein "großer" Titel braucht, nur eben in 5 Minuten statt in 24 wie bei Supper's Ready. Sozusagen Punk-Prog, voll auf die 12. ;)

    1. Vorsitzender des Deutschen Mike Rutherford Fanclubs

    Pure Vernunft darf niemals siegen!

  • Colonyslipperman
    Gast
    • 10. Januar 2011 um 17:28
    • #5

    [quote='Sebastian','RE: Mangelnde Würze in der Kürze?']Für mich der Prototyp eines gelungenen, kurzen Prog-Stückes: Can-Utility And The Coastliners.

    ich liebe dieses Lied, schon immer, finde das es von anderen völlig unterbewertet und übersehen (~hört) wird und daher meine volle Zustimmung "Bye Bye Johnny".........

    :topp:

  • tom
    Moderator
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    7.991
    • 10. Januar 2011 um 19:14
    • Offizieller Beitrag
    • #6
    Zitat von Prophet

    ...Warum wurde "Counting Out Time" als Single veröffentlicht aber ein solcher potentieller Hit wie "Carpet Crawlers" nicht? Hier gehen selbst einem Nicht-Prog-Hörer die Strophen ins Ohr, der Refrain hat Ohrwurmcharakter. Hätte ein Hit werden können..

    Wurde es aber nicht - obwohl es als Single veröffentlicht wurde! Vielleicht lags an der B-Seite ("Evil Jam")? ;)

    Mein Blog: Rockworte
    Mein Solo-Album: "Geduld, meine Herren, Geduld! (Die Grundig-Demos 1980-83)"

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  • Aprilfrost
    Giant Hogweed
    Beiträge
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    • 10. Januar 2011 um 19:22
    • #7
    Zitat von Sebastian

    Für mich der Prototyp eines gelungenen, kurzen Prog-Stückes: Can-Utility And The Coastliners. Da steckt alles drin, was ein "großer" Titel braucht, nur eben in 5 Minuten statt in 24 wie bei Supper's Ready. Sozusagen Punk-Prog, voll auf die 12. ;)

    Irgendwo hab ich mal gelesen, dass dies der am meisten unterschätzte Song von Genesis sei. Dem kann ich mich anschließen, ebenso wie Sebastian, dessen Meinung ich teile.

    Ein anderer noch kürzerer Shorttrack ist "Horizon". Auch wenn das ein Hackett-Solo-Titel ist, so drückt er doch die Foxtrot-Stimmung aus und ist daher ein gelungener und sehr schöner Genesis-Shortest-Track. (Der im übrigen durch mehr Länge auch nicht großartiger geworden wäre.)

  • Prophet
    Moderator
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    amyristom
    • 10. Januar 2011 um 19:32
    • Offizieller Beitrag
    • #8
    Zitat von TM Productions

    Wurde es aber nicht - obwohl es als Single veröffentlicht wurde! Vielleicht lags an der B-Seite ("Evil Jam")? ;)

    Danke für die Info. War mir nicht bekannt, dass sie auch "Carpet Crawlers" damals ausgekoppelt hatten. Wußte nur, dass es mal seinen Weg auf eine Kuschelrock CD gefunden hatte (glaube aber da in der Seconds Out Version mit Phil).

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  • martinus
    Giant Hogweed
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    • 10. Januar 2011 um 21:00
    • Offizieller Beitrag
    • #9

    prophet hat's ja schon fast alles gesagt; ich möchte noch diesen Gedanken ergänzen: Möglicherweise konnten Genesis das, was er "auf 'Hit' hinkomponieren" nennt, mindestens in der ersten Hälfte der 70er überhaupt nicht. Nicht im dem Sinne, dass ihnen die entsprechenden Fähigkeiten fehlten; das mögen andere beurteilen - sondern in dem Sinne, dass sie dazu nicht in der Lage waren, weil sie ihre progressive Musik auslebten, und in die Bewegung der progressiven Musik ging eben im Gegenteil weg von der Drei-Minuten-Hit-Single, und daher waren sie eben auf etwas ganz anderes geeicht. Wie Geoff Nicholson es so schön formulierte: "Progressive rock was what happened in the early 70's when certain brilliant instrumentalists got fed up with playing three-and-a-half minute long songs about teenage love. Unfortunately, this led them to start playing ten-and-a-half minute long songs about nothing in particular." ("Progressive Musik passierte in den frühen 70ern, als bestimmte brilliante Instrumentalisten die Nase voll davon hatten, Dreieinhalbminuten-Stücke über Teenagerliebe zu spielen. Das führte unglücklicherweise dazu, dass sie anfingen, Zehneinhalbminuten-Stücke über nichts Besonderes zu spielen.")

    Auf der Songbook-DVD kann man ja auch noch einmal nachhören, dass I Know What I Like der Band damals quasi als Geschenk des Himmels erschien: "Da ist dieser Vierminuten-Song - oder wie lang er nun auch ist - da ist dieser Viereinhalb-Minuten-Song, den wir als Single veröffentlichen können. Menschenskinder, was für ein Glücksfall" (so Phil Collins). Die Singleveröffentlichung scheint damals etwas gewesen zu sein, was man halt machte, um die Plattenfirma zufrieden zu stellen, aber eben nicht, weil man es besonders wichtig fand. Und darin stimme ich dann wieder townman zu: Schade, dass man das so merkt. Jedenfalls bei den Singles der 70er. Manch anderer Song (z.B. Time Table oder Horizons) wäre möglicherweise eine mainstreamkompatiblere Wahl gewesen.

    ... cried a voice in the crowd.

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  • Rob Plant
    Lurker
    Beiträge
    486
    • 11. Januar 2011 um 18:30
    • #10

    Naja, ich denke schon das Genesis fähig gewesen wären Hits zu schreiben wenn sie denn gewollt hätten. Man schaue sich nur einmal FGTR an. Da ist ja alles voll von eingängigen Melodien mit Hitpotenzial (man höre sich als Beispiel mal One Day an, eine wunderbares Stück Musik, jedoch auch nicht länger als 4 Minuten), aber sie sagen ja selbst, das das nicht das gewesen ist was sie wollten...

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