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Song 04: "Till Your Mind Is Shining" (2. April 2026)

Der vierte Song für o\i ist – wie schon bei i/o – eine gutgelaunte, eher kurze Nummer. Lässig ist sie, auch irritierend – und nicht wirklich belanglos.

Dark-Side Mix
Bright-Side Mix
Bandcamp Version

Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe


Auch dieser Song beschäftigt sich mit den Themen Wahrnehmung und Hirnfunktion. Es zeigt sich immer mehr, dass dies offenbar das Leitthema für das ganze Album ist.

Konkret sagt Gabriel, es gehe im Song um 'den Geist öffnen' und in ihn einzutauchen. Das Hirn sei noch immer ein enorm unerforschtes Territorium. Mit den zukünftigen Möglichkeiten werden Menschen immer mehr an ihrem Geist arbeiten, ähnlich wie sie seit langem schon an ihren Körpern arbeiten. Durch KI Unterstützung werde es möglich sein, Lernentwicklung mehrerer Jahre in kürzerer Zeit zu absolvieren. Was – so hofft Gabriel – zu besserem Selbstverständnis führt und dazu, Entscheidungen verantwortungsbewusster und mitfühlender zu treffen.

Interessant auch: Gabriel sagt, "für meine Ohren ist dieses Stück das, womit ich einem Popsong am nächsten komme auf dem Album". Der Song hat auch im Gesamtgefüge eine ähnliche Funktion wie i/o (der Song) auf i/o (dem Album): Beide sind eher knappe, leichte Nummern zu Beginn des zweiten Viertels. Till Your Mind Is Shining steuert aber zweifelsfrei keinen so großen Gestus an, ist auch deutlich weniger leichtgängig.

Lyrics

Der Text ist eigentlich eine Reihung gutgelaunter Beschreibungen von rasantem Daten- oder Gedankenfluss. Die unklare Trennung ist gewollt. Auch Metaphern aus dem Bereich Meer, Wasser, strömen kommen beständig zum Einsatz. Und um der Musikalität willen werden dabei auch mal ganze Zeilen wiederholt.

Die allem innewohnende Begeisterung fasst der Refrain zusammen: "You look, you learn, you see it – Illumination – you look, you learn, you listen – till your mind is shining (Du schaust, du lernst, du siehst es – Erleuchtung – du schaust, du lernst, du hörst – bis dein Geist erstrahlt)".

Kunst

Das Bildmotiv des Songs besteht aus einem Foto des Kunstwerks Warp Time with Warp Self No. 2 (LED, Microchip, Elektrokabel, Spiegelglas, Stahl, 105 x 150 x 15,5 cm). Eigentlich zeigt es nur eine Momentaufnahme dieses Objekts, denn es ändert sich ständig. Das betrifft nicht nur die angezeigten Zahlen der LEDs, sondern auch deren Hintergrund, der aus spiegelndem Glas besteht, das nicht vollkommen eben ist. Es gibt die Umgebung verzerrt wieder und dadurch immer anders, je nachdem, wo man steht.

Erschaffen wurde das Objekt von Tatsuo Miyajima, einem japanischer Bildhauer und Installationskünstler. Geboren wurde er 1957, studierte Malerei in Tokyo bis zum Masterabschluss 1986. Bald danach begann er, mit Performance-Kunst zu experimentieren, bevor er zu lichtbasierten Installationen überging. Häufig arbeitet er dabei mit Ziffern, die auf LEDs erscheinen oder auch mal an ganze Hochauswände projiziert werden.

Dabei steht für ihn vor allem die Funktion und Bedeutung von Zeit und Vergänglichkeit im Mittelpunkt. Die LEDs in seinen Arbeiten zählen zyklisch von 1 bis 9, zeigen aber nie die Null, die für Miyajima Stillstand und Tod repräsentiert. Eine Rolle spielen in diesen Konzepten buddhistische Sichtweisen um Unausweichlichkeit, Universalität und Sterblichkeit.

Viele Eindrücke von Miyajimas Schaffen kann man auf seiner Webseite bekommen.

Gabriel gefällt am ausgewählten Kunstwerk der Mix aus Kühlheit und Struktur sowie Weichheit und Selbstreflexion. Es gäbe darin eine Interaktion (nicht nur durch den spiegelnden Hintergrund) von Mensch und Mechanik. Die Entscheidung für Warp Time with Warp Self No. 2 fühlte sich für ihn richtig an.

Mehr zu den o\i-Kunstwerken und den Künstlern dahinter in unserem separaten Artikel.


Dark-Side Mix – 2. April 2026

Words and Music by Peter Gabriel
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Faye Dolle, Dom Shaw
Assistant engineering by Charles Hughes
Pre-production engineering by Richard Chappell
Produced by Peter Gabriel
Mixed by Tchad Blake
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London

Drums – Manu Katché, Oli Jacobs
Rhythm Programming – Peter Gabriel, Oli Jacobs, Mike Elizondo, Faye Dolle, Richard Chappell
Bass – Tony Levin
Electric Guitar – David Rhodes
Acoustic Guitar – Katie May
12-String Acoustic – Richard Evans
Mandolin – Richard Evans
Piano – Peter Gabriel
Synth – Peter Gabriel
Additional Synth – Katie May
Backing vocals – Peter Gabriel, David Rhodes
Vocals – Peter Gabriel

Länge 5:09
[Radio Edit 3:53 – Intro zur Strophe halbiert, erste Strophe und Refrain fallen weg – und verwunderlicherweise um 1% schneller]

Als Download bei amazonMP3* erhältlich

Wie schon bei i/o ist der vierte Song des Albums eine kleine, alberne Nummer. Gabriel sagt zudem, dass ihn dieses Stück zurück in seine Schulzeit getragen hat, als er noch versuchte, Popsongs zu schreiben im Stil von Soul und R&B. Zumindest im (auffällig kurzen) Refrain kann man auch derartige Bezüge wahrnehmen.

Musik

Der Song steigt sofort steil und lebhaft mit dem Refrain ein, fährt dann erstmal wieder zurück. Den Strophen unterliegen Elektro-Sprengsel vielfältiger Art. Levins Bass blitzt dazwischen immer wieder auf. Die Gesangsmelodie lässt sich kaum vorausahnen. Tastend und neckend wird herumgeschlichen.

Der hohe Schrei dann bildet einen ungewöhnlichen Übergang zum Refrain. Dazu wird zu geregelter Bandbegleitung gewechselt. Insbesondere ein Piano setzt ein, das den Song zu guter Laune hebt und einen eigentümlichen Retro-Charme hat. Das ganze tänzelt lässig voran, wobei die Gesangsmelodie weiterhin vertrackt bleibt, aber durchaus geschmeidig wirkt.

Zurückgekehrt wird für die zweite Strophe zum Electrosound. Ebenso für das instrumentale Zwischenstück, das – so knapp es ist – sehr pointiert seine Klänge aufeinanderschichtet.

Der ganze Song in seiner kauzigen Verspieltheit wirkt vergnügt, manchmal geradezu überbordend, auch etwas verschroben, lässig und wenig widerhakend. Und ist gerade deshalb auch irritierend. Interessant dazu, dass er kürzer wirkt, als er mit seinen 5 Minuten tatsächlich ist.

Im Übrigen: Nein, das ist kein gefälliger Popsong.

Besetzung

Ein starker Fokus liegt bei Till Your Mind Is Shining auf dem Rhythm Programming, für das ein Gros des Real World Studiopersonals zeichnet und das offenbar über einen langen Zeitraum ausgearbeitet wurde. Außerdem daran beteiligt war Mike Elizondo, der erfolgreicher Musikproduzent im Rap-Bereich ist. Eine Berührung zu Gabriel gab es bereits 2024, als Digging in the Dirt in einer von Elizondo produzierten Coverversion mit Sheryl Crow erschien, bei der auch Gabriel mitsingt.

Bemerkenswert zudem, dass neben Manu Katché auch Oli Jacobs Schlagzeug spielt. Da Jacobs nur während der ersten Aufnahmephase von i/o Chef-Studiotechniker bei Real World war, lässt seine Beteiligung darauf schließen, dass Aufnahmen für den Song bereits 2021 stattfanden. Jacobs sagte in den sozialen Medien, von Manu würden die Grooves stammen, von ihm das Drumfill, vermutlich im Instrumentalteil. Was zeigt, wie kleinteilig Gabriel gerne arbeitet.


Bright-Side Mix – 17. April 2026

Words and Music by Peter Gabriel
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Faye Dolle, Dom Shaw
Assistant engineering by Charles Hughes
Pre-production engineering by Richard Chappell
Produced by Peter Gabriel
Mixed by Mark 'Spike' Stent
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London

Drums – Manu Katché, Oli Jacobs
Rhythm Programming – Peter Gabriel, Oli Jacobs, Mike Elizondo, Faye Dolle, Richard Chappell
Bass – Tony Levin
Electric Guitar – David Rhodes
Acoustic Guitar – Katie May
12-String Acoustic – Richard Evans
Mandolin – Richard Evans
Piano – Peter Gabriel
Synth – Peter Gabriel
Additional Synth – Katie May
Backing vocals – Peter Gabriel, David Rhodes
Vocals – Peter Gabriel

Länge 5:07

Als Download bei amazonMP3* erhältlich

Anders als von Gabriel Anfang des Jahres angekündigt, sind die Unterschiede der beiden Mixe von Till Your Mind Is Shining wieder nicht groß. An musikalischen Bestandteilen sind im Grunde überall die gleichen da. Die vorhandenen Unterschiede sind aber dann doch ausschlaggebend für ein anderes Gesamtfeeling.

Musik

Gleich mit dem eröffnenden Refrain fällt auf, dass die Snare, die im Dark-Side Mix noch als harter dunkler Schlag in Erscheinung tritt, hier anders aufbereitet und zu einem trockenen Zischklang reduziert wurde. Ob das wirklich nur an Filterung und Equalizing liegt, oder ob im Dark-Side Mix doch noch eine zusätzliche Aufnahme beigemischt ist, lässt sich nicht eindeutig benennen.

In den Strophen tritt zentral ein Shaker hervor (vermutlich elektronisch), der stärkere Groovebetonung herstellt. Dagegen sind andere Elemente klar zurückgenommen, wie etwa der Bass. Was noch deutlich betont wurde, sind alle rhythmusgebenden Electronics, die im Stereobild auch weit nach außen gesetzt sind. Im Ganzen ergibt das mehr Fluss, aber auch einen synthetischeren Klang und wenig Band-Gefühl.

Der schrille Schrei klingt in den beiden Mixen kaum anders, ist hier im Bright-Side Mix aber weniger grell im Equalizing, was ihn minimal natürlicher wirken lässt.

Das kurze Zwischenspiel dann ist im Vergleich zum Dark-Side Mix spürbar weniger pointiert aufbereitet. Es will auch gar nicht herausstechend sein, eher ein kleiner Ausflug in andere Gefilde. Die sich im ersten Mix auftürmenden Elektronics sind hier einem handgemachten Drumming gewichen (wenn das klanglich auch noch immer deutlich bearbeitet ist), alles fällt nicht ganz so überbordend aus.

Auch die Schlussphase des Stücks entwickelt sich nicht so dynamisch. Auch hier sind weniger zusätzliche Beielemente enthalten (was für den Bright-Side Mix ja eher ungewöhnlich ist). Es wird damit untermauert, dass die Entwicklung über den Verlauf des gesamten Songs viel gleichbleibender ist.

Im Ganzen also wirkt der Bright-Side Mix flirrender, aber auch weniger drangvoll.


Bandcamp Version – 1. Mai 2026

Words and Music by Peter Gabriel
Engineering by Oli Jacobs, Katie May
Assistant engineering by Faye Dolle, Dom Shaw
Pre-production engineering by Richard Chappell
Produced by Peter Gabriel
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London

Drums – Manu Katché
Rhythm Programming – Peter Gabriel, Oli Jacobs, Richard Chappell
Bass – Tony Levin
Guitar – David Rhodes
Piano – Peter Gabriel
Synth – Peter Gabriel
Vocals – Peter Gabriel

Länge 5:13

Mit dem ersten Mai-Vollmond reicht Gabriel auch noch die Zusatzfassung für Abonnenten von Till Your Mind Is Shining nach, die im April nicht kam.

Sie nennt sich Bandcamp Version, was wieder darauf hindeutet, dass sie extra für die Veröffentlichung zusammengefügt worden ist. Und tatsächlich wird gesagt, dass sie vornehmlich auf der Bandaufnahme vom 17. Dezember 2021 beruht, aber Bassloop und Teile des Rhythmprogrammings von 2019 stammen.

Musik

Die Gesamtstruktur entspricht im Wesentlichen schon den Endfassungen, weicht aber in Einzelheiten doch auch deutlich ab. So steigt der Song nicht gleich mit dem Refrain ein, sondern mit vier Takten Bassloop und Rhythm Programming. Die wirken treibend und energisch, bilden auch das ständig wiederkehrende Fundament dieser Fassung. Der Einstieg ist aber dadurch ganz anders. Es folgt dann auch zunächst die erste Strophe und zu Beginn des Stücks ist hier also keine positive Stimmung da. Erst mit dem Refrain bricht sie ein, der dann im Übrigen wiederholt wird.

Der instrumentale Zwischenteil dann ist erstens um die Hälfte länger, zweitens noch deutlich unfertig. Man ahnt, dass die Absicht besteht, hier irgendwelche Electrospielereien einzufügen, zu hören ist aber eher statisches Geplänkel.

Zum Schlussteil schließlich reduziert sich die Begleitung auf E-Piano und ein paar eingeworfene Soundfragmente. Das wirkt dadurch rein gar nicht wie die finale Verdichtung für das Ende. Erst zur zweiten Hälfte, wenn erneut die Band einsetzt, kommt wieder etwas Leben auf.

Trotz all dieser Grenzen hat diese Bandcamp Version aber erstaunlich Drive und eigenen Charakter.

Zum Schluss sei noch gesagt, dass diese Version minimal langsamer ist – und es damit wieder einen Edit von TYMIS gibt mit einen anderen Grundbeat.

Besetzung

Das Rhythm Programming ist noch nicht so ausgearbeitet und spätere Ergänzungen von Faye Dolle und besonders Mike Elizondo fehlen noch. Alles wirkt deshalb statischer und flacher. Außerdem fehlen Beiträge von Katie May und Richard Evans, wodurch das Arrangement ungefüllter bleibt. Das muss alles nicht zwingend schlecht sein und ergibt hier durchaus einen eigenen Charme.

Auch noch nicht vorhanden ist Oli Jacobs mit den vieldiskutierten Drum Fills. Vermutlich liegt das zumindest auch daran, dass der instrumentale Zwischenteil hier gar nicht vorkommt. Viel später als zum Zeitpunkt dieser Aufnahme kann die Einspielung aber auch nicht gemacht worden sein, da Jacobs im folgenden Frühjahr eine eigene Karriere begann und bei den i/o Sessions nicht mehr dabei war.

Autor: Thomas Schrage


Links
Einführungsvideo zu Till Your Mind Is Shining:

Song-Hintergrund auf petergabriel.com
Webseite von Tatsuo Miyajima
Digging in the Dirt mit Sheryl Crow, produziert von Mike Elizondo auf Youtube

Diskutiert mit über den Song hier im Forum.


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