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Song 03: "What Lies Ahead" (3. März 2026)
Auf den dritten Track für o\i wird eigentlich schon seit drei Jahren gewartet. Mindestens. Wir klären auf…
Bright-Side Mix
Dark-Side Mix
Bandcamp Version
Video: live in Verona – i/o The Tour
Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe
Ein erstaunlich kurzes Stück ist das dritte für o\i, bekannt bereits seit 2014, als eine unfertige Version noch ohne wirklichen Text auf den letzten 12 Konzerten der Back To Front Tour gespielt wurde. Da es in kompletter Fassung dann 2023 auch einige wenige Male während der i/o Tour gegeben wurde, rechneten viele damit, dass es zum letzten Vollmond desselben Jahres als Bonustrack im Bandcamp Abo veröffentlicht werden würde. Offenbar hatte Gabriel aber andere Pläne mit dem Abo und auch mit dem Stück. So erscheint es jetzt erst.
Es wirft einen recht entrückten Blick auf alle Erfinder, auf alle Visionäre, die kreativ in die Zukunft zu schauen versuchen, um sie unermüdlich zu gestalten. Wem fällt da nicht ein, dass Gabriel seinen Vater immer als technischen Innovator beschrieben hat, der etliche Entwicklungen bereits früh vorweggenommen hat? Gabriel bestätigt diesen Zusammenhang auch – und da zusätzlich der Beginn der Gesangsmelodie von Gabriels Sohn Isaac stammt, kann man What Lies Ahead durchaus als drei-Generationen-Song betrachten.
Grundsätzlich verweist Gabriel aber auch darauf, dass sich der Song allgemein auf Menschen bezieht, die kreativ die Welt gestalten wollen. Dabei ist für ihn auch eine gewisse Spiritualität beteiligt.
Lyrics
Recht assoziativ bleibt der Text. Gibt weniger ein klares Statement ab, erschafft mehr lyrische Skizzen.
Das Stück besteht aus lediglich zwei Strophen. Die erste zieht uns in eine Momentaufnahme: Auf dem Hügel, heißt es, steht eine Werkstätte. Ein Mast reicht vom Dach in den Himmel, fängt Blitze und Lichtkränze ein, leitet sie durch Kupferspulen bis in den Grund.
Die zweite Strophe wechselt Situation und Beschreibung völlig, spricht mit "du" eine Person an, die "aus dem nirgendwo" kommend und "im Scheitern geschmiedet" gegen den Strom schwimmt. Gesagt wird, dass sie ganz klar sehe, "was voraus liegt (what lies ahead)".
Kurz wird auch wieder das o\i Generalthema angerissen: "Du siehst die Welt jetzt vollständig verbunden, fließend als ein Gehirn."
Alle Gedanken verdichten sich dann im Schlussteil, in dem es bewegt heißt: "Was vor dir liegt, formt sich in deinen Händen."
Kunst
Verschlungene Ornamente in dunklem Rot zeigt das Kunstwerk zu What Lies Ahead und offenbart danach erst die Darstellung einer Frau mit überweit aufgerissener Vulva. Eine Geburt wird gezeigt in dem Werk Birth Tear/Tear der US-amerikanischen Künstlerin Judy Chicago.
Sie wurde 1939 geboren und ist seit den 70er Jahren eine Vorreiterin feministischer Kunst. Birth Tear/Tear stammt von 1982 und gehört zur Reihe Birth Project, die sich unterschiedlichen Aspekten des Geburtsvorgangs widmet. Seiner Großartigkeit, seiner Gewalt.
Bedeutend ist auch Chicagos Installation The Dinner Party (1974-79), die bekannte Frauen aus Mythologie und Geschichte herausstellt, oder ihr Holocaust Project (1985-93), in dem der Völkermord an den Juden und die universale Verletzlichkeit des Menschen aufgezeigt werden.
Judy Chicagos Webseite gibt weitere Eindrücke über ihr jahrzehntelanges, umfangreiches Schaffen.
Völlig unterschiedlich sind Birth Tear/Tear und What Lies Ahead in der Dimension des Leids und des Schmerzes, die erzählt werden. Auch geht es um eine ganz andere Art, etwas ins Leben zu bringen. Trotzdem gibt es seltsame Berührung, die für Gabriel das Kunstwerk passend macht.
Mehr zu den o\i-Kunstwerken und den Künstlern dahinter findet sich in unserem separaten Artikel.
Bright-Side Mix – 3. März 2026
Written by Peter Gabriel
Published by Real World Music Ltd / Sony Music Publishing
Produced by Peter Gabriel
Mixed by Mark 'Spike' Stent
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Dom Shaw, Richard Chappell
Assistant engineering by Faye Dolle, Dom Shaw
Additional engineering by Stefano Amerio
Orchestral engineering by Lewis Jones
Orchestral assistant engineering by Tom Coath, Luie Stylianou
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London, British Grove, London, ArteSuono Studio, Cavalicco (UD), Alfvénsalen, Uppsala, Sweden
Bass – Tony Levin
Trumpet – Paolo Fresu
Cello – Linnea Olsson
Backing vocals – Peter Gabriel
Vocals – Peter Gabriel
Orchestral arrangement by John Metcalfe, with Peter Gabriel
Choir arrangement by Dom Shaw, with Peter Gabriel
Violin – Everton Nelson, Richard George, Natalia Bonner, Cathy Thompson, Debbie Widdup, Odile Ollagnon, Ian Humphries, Louisa Fuller, Martin Burgess, Clare Hayes, Charles Mutter, Marianne Hayne
Viola – Bruce White, Rachel Roberts, Fiona Bonds, Peter Lale
Cello – Ian Burdge, Caroline Dale, Tony Woollard, Chris Worsey, William Schofield, Chris Allan
Double bass – Chris Laurence, Lucy Shaw, Stacey Watton
Choir – Orphei Drängar
Länge 2:52
Als Download bei amazonMP3* erhältlich
Der Bright-Side Mix des Stücks bestätigt auf jeden Fall schon einmal, dass für Gabriel im Zentrum des Stücks Melodie und Harmonien stehen sollten, nicht Rhythmus, wie sonst so oft bei ihm. Zusätzlich zieht What Lies Ahead seine Wirkung aus seiner Knappheit, die fast radikal daherkommt.
Musik
Die Struktur des Stücks ist simpel. Zwei Strophen gibt es mit je acht Zeilen, von denen jeweils zwei einen Melodieverlauf bilden, der sich in den beiden folgenden Zeilen wiederholt. Mehr ist da nicht. Kein Refrain, keine Bridge – nur noch ein trennender Instrumentalteil in der Mitte, sowie eine schlichte Schlussphase.
Dem repetiven Aufbau folgt das Arrangement nicht streng, sondern es erfährt (mal wieder) über den Verlauf hinweg eine kontinuierliche Fortentwicklung. Vom Beginn mit tief summenden Männerchorstimmen geht es über gezupfte Zusätze der Streicher und Bass-Einwürfe bis hin zu bewegter Begleitung und dann zurück zu liegenden Linien am Ende.
Gabriels Stimme sitzt dabei weit vorne, wirkt klar und mit dem deutlichen Hall auch feierlich.
Das Zwischenspiel wird vom Orchester getragen und von übereinander verlaufenden Cellofiguren. Zunächst bleibt die Begleitung in ausschließlich tiefen Lagen angelegt. Erst zur zweiten Strophe bringen die Streicher mehr Höhen ein und dazu eine beweglichere und verschlungenere Untermalung.
Im Gesamteindruck bleibt das Stück weich und freundlich, behält durchgehend eine wehmütige Stimmung, die aber nicht bis in dunkle Abgründigkeit führt.
Besetzung
Die Idee, den Beginn mit männlichen Gesangsstimmen zu gestalten, kam von Brian Eno. Ausgewählt dafür wurde der schwedische Chor Orphei Dränga, der auch schon bei This Is Home auf i/o zu hören war. Dort nur kurz, hat er hier jetzt seinen eigentlichen Auftritt und schafft eine Atmosphäre, die Gabriel "fremdartig, kraftvoll und emotional" nennt.
John Metcalfe hat wieder das Orchesterarrangement beigetragen, das zwar bescheiden bliebt, aber unverkennbar seine Handschrift trägt.
Neben diesen beiden Klangkörpern werden nur noch drei weitere Musiker gelistet: Tony Levin trägt die markanten Bassfiguren bei. Dann ist noch einmal Linnea Olsson zu hören, die schon bei der Back To Front Tour Teil von Gabriels Begleitband war. Ihr warmer Stil auf dem Cello gefällt ihm sehr gut, wie er sagt. Sie durfte gleich etliche Schichten des Zwischenspiels beitragen.
Und dann wird auch noch einmal Paolo Fresu genannt. Der ist zwar nicht wirklich zu hören, aber er darf hier wohl nicht fehlen. Gabriel wurde 2020 ja auf ihn aufmerksam, weil er eine gefühlvolle Instrumentalversion von eben genau What Lies Ahead online stellte, die dann bewirkte, dass Gabriel ihn schon bei i/o dabeihaben wollte.
Gabriel sagt übrigens noch, dass er hier ganz bewusst auf sein Stamminstrument Klavier verzichten wollte.
Dark-Side Mix – 18. März 2026
Words and Music by Peter Gabriel
Published by Real World Music Ltd / Sony Music Publishing
Produced by Peter Gabriel
Mixed by Tchad Blake
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Dom Shaw, Richard Chappell
Assistant engineering by Faye Dolle, Dom Shaw
Additional engineering by Stefano Amerio
Orchestral engineering by Lewis Jones
Orchestral assistant engineering by Tom Coath, Luie Stylianou
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London, British Grove, London, ArteSuono Studio, Cavalicco (UD), British Grove, London, Alfvénsalen, Uppsala, Sweden
Bass – Tony Levin
Trumpet – Paolo Fresu
Cello – Linnea Olsson
Backing vocals – Peter Gabriel
Vocals – Peter Gabriel
Orchestral arrangement by John Metcalfe, with Peter Gabriel
Choir arrangement by Dom Shaw, with Peter Gabriel
Violin – Everton Nelson, Richard George, Natalia Bonner, Cathy Thompson, Debbie Widdup, Odile Ollagnon, Ian Humphries, Louisa Fuller, Martin Burgess, Clare Hayes, Charles Mutter, Marianne Hayne
Viola – Bruce White, Rachel Roberts, Fiona Bonds, Peter Lale
Cello – Ian Burdge, Caroline Dale, Tony Woollard, Chris Worsey, William Schofield, Chris Allan
Double bass – Chris Laurence, Lucy Shaw, Stacey Watton
Choir – Orphei Drängar
Länge 2:54
Etwas überraschend erscheint der Dark-Side Mix von What Lies Ahead schon am 18. März und damit 24 Stunden früher, als es eigentlich zu erwarten gewesen wäre.
Da dieses Stück noch aus der Produktionszeit von i/o stammt, und die beiden Mixe sehr wahrscheinlich bereits 2023 fertig waren, fallen die Unterschiede zwischen ihnen diesmal wieder nicht so deutlich aus. Keine voneinander abweichende Gimmicks wie Ausblenden oder Beschneiden von Passagen. Die Unterschiede liegen wieder in den Details, die aber was ausmachen.
Musik
Die Gesamtstruktur des Stücks ist im Ganzen identisch zum Bright-Side Mix. Auch hier der Beginn nur mit den Männerstimmen, das Hinzufügen von Bass und gezupften Streichern, Cello-Zwischenspiel und die etwas hervortretendere Streicherbegleitung in der zweiten Hälfte. Doch alles ist milder in der Bearbeitung, fügt sich mehr ineinander.
Der Bass von Levin ist weicher im Klang, bleibt auch unauffälliger, da er aus dem Übrigen nicht so hervortritt. Der Gesang steht ebenfalls deutlich weniger im Vordergrund, ist breiter ins Panorama gesetzt und weniger laut dadurch. Das hatten wir als Unterschied auch in den beiden bisherigen o\i-Stücken so ähnlich.
Das Cello-Zwischenspiel macht einen aufgeräumteren Eindruck, da seine verschiedenen Schichten klarer voneinander getrennt sind. Hier übrigens ist in der oberen Lage im zweiten Durchgang auch tatsächlich die Trompete von Fresu zu hören.
Die Streicherelemente dann in der zweiten Hälfte erscheinen weniger herausgekehrt, vor allem die kleinen Schnörkel, die immer wieder aufblitzen. Auch sie wirken im ganzen weicher.
Man hat bei What Lies Ahead fast ein bisschen das Gefühl von verkehrter Welt: Ist es sonst der Bright-Side Mix, der alle Elemente ineinanderfließen lässt, und der Dark-Side Mix, der sie nach vorne holt und freistellt, ist es hier andersherum. Diesmal bildet hier die Begleitung eher eine Einheit. Im Ergebnis ist der Dark-Side Mix nicht so spitz in der Wirkung. Und auch nicht so lieblich. Er erscheint versammelter. Was ihm keinesfalls die Bewegtheit nimmt.
Bandcamp Version – 24. März 2026
Words and Music by Peter Gabriel
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Dom Shaw, Richard Chappell
Pre-production engineering by Richard Chappell
Produced by Peter Gabriel
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London
Bass – Tony Levin
Trumpet – Paolo Fresu
Cello – Linnea Olsson
Piano – Tom Cawley
Keyboards – Peter Gabriel
Backing vocals – Peter Gabriel
Vocals – Peter Gabriel
Länge 2:56
Knapp vor zunehmendem Halbmond erscheint die Bonusvariante von What Lies Ahead. Sie trägt den Namen Bandcamp Version, was die Möglichkeit eröffnet, dass sie nur für das Abonnement erstellt worden ist.
Musikalisch ist sie eine Zwischenfassung, die schon viel vom Endgültigen enthält, aber auch noch um einiges anders gestaltet ist.
Musik
Sehr zurückhaltend beginnt diese Bandcamp Version. Nur mit Piano und bekannt erscheinendem, tiefem Summen. Doch es ist noch nicht die abschließende Chorfassung, sondern in weiten Teilen ein simplerer Stimmensatz. Die Pianobegleitung dazu wirkt zart. Recht anders als etwa bei der Livefassung von 2014. Das liegt sicher auch daran, dass sie mit Tom Cawley von einem professionellen Pianisten eingespielt wurde, der seine Töne nur zu tupfen versteht.
Die Instrumentalpassage zwischen den Strophen teilen sich interessanterweise Cello und eine gedämpfte Trompete gleichwertig. Beide spielen nur eine Stimme. Anders als in der endgültigen Version, in der das Cello gleich mehrere Schichten übereinanderlegt und die Trompete nur ein weiteres Element darin ist. Hier kommen beide Instrumente zur Wirkung und das in einmütiger Ergänzung. Sie haben am Ende der zweiten Strophe und im Schlussteil auch noch einen weiteren Auftritt.
Durch diese im Ganzen schlichte Begleitung wirkt der Song nochmals anders, als in den finalen Fassungen. Sachte, luftiger, sphärischer.
Besetzung
Reduzierter ist auch die Menge der Beteiligten. Vor allem ist da kein Orchester – und kein Männerchor. Die Stimmen, die man zu Anfang hört (und auch später gelegentlich), stammen laut Credits ausschließlich von Gabriel. Das Ensemble Orphei Drängar ist noch nicht dabei, woraus man schließen kann, dass die Aufnahmen mit ihm erst nach Oktober 2022 entstanden.
Linnea Olsson am Cello ist aber bereits zu hören (noch nur "remote eingespielt", wie zu lesen ist) – und zum ersten Mal wurde auch Paolo Fresus Trompete in dem Mix eingefügt.
Dass für das Klavierspiel Tom Cawley gewählt wurde (er ist ja bereits bekannt von Scratch My Back und auch von i/o), ist eine gute Entscheidung gewesen. Sein Beitrag kommt in den letztendlichen Mixen nicht mehr vor, da – wie bereits erwähnt – Gabriel für den Song bewusst auf sein Stamminstrument verzichten wollte. Schön, dass er in dieser Bandcamp Version dann doch noch zu hören ist.
Video: live in Verona – i/o The Tour – 27. März 2026
Überraschend veröffentlich Gabriel noch eine Liveversion des Stücks als Video. Der Clip wurde 2023 während der i/o Tour in Verona aufgenommen. Von daher darf man ihn nicht als Preview auf den sehnlichst erwarteten Konzertfilm von Anna Gabriel auffassen, denn der wurde in den USA mitgeschnitten. Ersichtlich wird das auch aus dem Bildmaterial, das fast nur aus Nahaufnahmen besteht und vermutlich zusammengestellt ist aus den Einstellungen für die Livescreens. Zusätzliche Kameras für Bühnentotale und Hallenambiente waren nicht vorhanden.
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Autor: Thomas Schrage
Links
Einführungsvideo zu What Lies Ahead:
Song-Hintergrund auf petergabriel.com
Webseite von Judy Chicago
Paolo Fresus Instrumentalversion von What Lies Ahead (2020) auf Youtube.
Diskutiert mit über den Song hier im Forum.
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