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  4. Song der Woche / Track Of The Week

SdW [04.-10.04.11]: PETER GABRIEL - Biko

  • Christian
  • 4. April 2011 um 08:25
  • Christian
    Administrator
    Beiträge
    22.834
    • 5. April 2011 um 07:54
    • Offizieller Beitrag
    • #11

    Für mich ist Biko einer der Songs, die Gabriel nicht mehr los wird. Und anders als in vielen anderen Fällen ist das für ihn ein Glücksfall.
    Man mag es immer kritisch betrachten, wenn sich Rockmusiker politisch äußern, Gabriels Beitrag zur Menschenrechtssituation am Beispiel des Schicksals von Biko war sicher einer der gelungensten Beiträge.

    Rein musikalisch ist der Song sehr simpel gestrickt. Aber es muss nicht immer gleich aufwändig mit 25 Akkorden und zig ungeraden Takten zu Werke gehen, um einen grandiosen Song zu produzieren. Manchmal ist weniger mehr - wie auch zB bei Mama.

    Biko ist in seiner Wirkung einzigartig. Was anderes als 15 Punkte geht hier für mich nicht.

    Als ich Gabriel zum ersten Mal sah (1993 in Dortmund), da war Biko für mich der Grund, warum ich Gabriel-Fan wurde. Zuletzt sag ich Biko nun in London mit Orchester. Das wiederum ist für mich die definitive Version.

    Grandios.

    Christian
    it-Redaktion

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  • Lamm1955
    Lurker
    Beiträge
    372
    • 5. April 2011 um 10:11
    • #12

    Beim ersten Hören von Biko auf seiner dritten LP war ich ob der Musik schon ein wenig irritiert. So etwas hatte ich nicht erwartet.
    Aufgrund der Wirkung dieses Songs habe ich 14 Punkte gegeben.

  • martinus
    Giant Hogweed
    Beiträge
    5.754
    • 5. April 2011 um 19:35
    • Offizieller Beitrag
    • #13

    Biko ist, glaube ich, das einfachste Stück, das Peter Gabriel jemals geschrieben hat: Eine Stimme, eine Schlagzeug. Schon die Gitarre ist beinahe nur schmückendes Beiwerk.

    Die Gesangsmelodie ist simpel, die Zeilen kurz - und einprägsam: Das ist ein Text, den man sich gut merken kann. Mehr noch: Das ist ein Text, den man gut verstehen kann, bestens geeignet für ein Lied, mit dem jemand eine Botschaft vermitteln will.

    Die erste Strophe führt den Hörer in die Situation ein: Wir befinden uns im Jahr 1977 in Port Elizabeth, einer Stadt im südafrikanischen Apartheidsstaat. Die Bemerkung "it was business as usual" kann man zunächst auf Handel, Wandel und den allgemeinen Tagesablauf in der Stadt beziehen - und dann taucht der "police room 619" auf: Im "Polizeiraum 619" ist alles wie immer. Aber diese Ortsangabe sendet ein Signal - sie ist nämlich ungewöhnlich: Weder ist hier die Rede von einem Verhörraum ("interrogation room") oder einer Zelle ("police/prison cell"), sondern von einem Raum, den die Polizei nutzt, aber der nicht eigentlich zu ihren Gebäuden gehört.

    Warum erzählst Du mir das, könnte der Hörer nun fragen, und Gabriel gibt ihm gleich die Antwort und nennt einen Namen, ohne dass der Hörer das gleich merkt, denn der Refrain könnte (wenn man ihn gesungen hört) auch lauten: "oh becau- , becau-, because ..." Dass die beiden Zeilen aber jeweils bei "becau-/Biko" stehenbleiben, führt den Namen von Steve Biko sehr markant ein. Und dann kommt die nüchterne Feststellung: "Der Mann ist tot." In einem Raum der Polizei. In dem das offenbar "business as usual" ist.

    Die Farbwelt der zweiten Strophe ist bemerkenswert: Der Sänger träumt nur in Rot - und um ihn herum ist alles Schwarz und Weiß, aber nur eine Farbe davon ist tot. Hier ist die damalige südafrikanische Gesellschaftssituation in drei Farben genannt: Es gibt Weiße, es gibt Schwarze, und die einen kommen eben ab und zu mal im Polizeigewahrsam zu Tode. Wie Biko: Der Mann ist tot.

    Die dritte Strophe ist dann keine Beschreibung mehr, sondern ein (wenn das Wortspiel erlaubt ist) flammender Appell: Ja, ihr könnt einzelne Aktivisten umbringen und ihnen das Lebenslicht ausblasen, aber wenn es genügend Aktivisten gibt, seid ihr machtlos gegen sie und ihr Begehren; dann wird der Wandel vom (Scorpions-Verächter mal weggelesen) "Wind Of Change" beschleunigt und erfasst alles.

    Eben auch wegen Biko, der tot ist.

    Ans Ende gestellt ist ein Satz, der an das Regime gerichtet eine Drohung ist: Die Welt beobachtet euch. Für die Regimekritiker ist es eine Botschaft der Hoffnung: Die Welt beachtet euch. Und für "die Welt" ist es die Botschaft, nun auch wirklich hinzusehen; ein wenig klingt Ernst Reuters berühmter Satz aus der "Luftbrückenrede" hier mit: "Völker der Erde, seht auf diese Stadt!"

    Das ist in all der Einfachheit, in der Klarheit der Aussage saubere politische Tendenzarbeit, oder, wenn einem die Richtung nicht behagt: Propaganda.

    Gabriels persönliches Engagement (u.a. für Amnesty International und Witness) zeigt, dass Biko kein Lied ist, das er "mal so geschrieben hat, weil es opportun schien", sondern dass er es aus Überzeugung geschrieben hat, damals dahinter stand, heute noch dahinter steht.

    Und es soll nicht vergessen sein, dass Gabriel dieses Stück nicht als pures Lippenbekenntnis seinerseits verstanden wissen wollte und auch nicht wollte, dass das Konzertpublikum es nur als Rausschmeißer mit Ohrwurmqualitäten auffasst. Regelmäßig hört man ihn am Ende des Stückes die wichtigste Botschaft aussenden: "The rest, as always, is up to you. - Alles weitere liegt bei euch."

    ... cried a voice in the crowd.

    Förderer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

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  • Zy
    Giant Hogweed
    Beiträge
    4.902
    • 6. April 2011 um 00:19
    • #14

    Oh, Mann! Martinus das ist schlichtweg genial! Ich gebe dafür 15 Punkte.

    Zy
    ------
    "The music is the true currency. It's more valuable than the accolades or the money. The relationship is with the invisible muse and you know if she's pleased or if she ain't." - Steve Hackett

  • martinus
    Giant Hogweed
    Beiträge
    5.754
    • 6. April 2011 um 06:17
    • Offizieller Beitrag
    • #15
    Zitat von Zy

    Oh, Mann! Martinus das ist schlichtweg genial! Ich gebe dafür 15 Punkte.


    Ich hoffe, Du meinst den Song und nicht mein Geschreibsel. Über Biko und seine Zusammenhänge kann man locker eine Doktorarbeit schreiben, die dann vielleicht aufsehenerregend sein wird.

    ... cried a voice in the crowd.

    Förderer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

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  • Blende-Jochen
    Lurker
    Beiträge
    156
    • 6. April 2011 um 13:45
    • #16

    Klasse Song, einer von Peters besten, klare 15 Punkte.
    Kleiner Tipp: "Schrei nach Freiheit" mit Denzel Washington und Kevin Kline von Richard Attenborough.
    Ach ja, als alter Simple-Minds-Fan finde ich ihre Version auf "Streetfighting Years" auch gut.
    Kommt trotzdem nicht ans Original heran...

  • littlewood
    Banjo Man
    Beiträge
    1.328
    • 24. Juni 2017 um 01:10
    • #17

    Mittlerweile vollführte Gabriel beinahe immer etwas Besonderes. Am 6.Oktober [1970] in der British Legion Hall in Princes Risborough versagte ihre [Genesis‘] Ausrüstung. "Es war einer der ersten Gigs mit Collins", sagt [David] Stopps. "Pete begann diesen Gesang anzustimmen, nur er und sein Tamburin am Mikro. Später sollte daraus "Biko" werden. Das ging wahrscheinlich zehn Minuten so dahin." Bei Gabriel wurde nie etwas verschwendet. […]

    (Ca. 1980):
    Eines Morgens wollte Gabriel sein geliebtes Radio 4 hören, aber der Sender hatte zur Langwelle gewechselt, weswegen er quer durch die anderen Radiostationen surfte. Er stolperte über einen niederländischen Sender, der den Soundtrack zum Film “Dingaka" spielte. Gabriel war geplättet vom Rhythmus, den er hörte. Schnell nahm er einen Teil aus dem Radio auf, bevor er schließlich das Soundtrack-Album bei einem Londoner Händler erstehen konnte. Es war das Gefühl, das der Rhythmus transportierte, das ihn faszinierte. […]

    Gabriel war sich seiner mangelnden Authentizität bewusst, wenn es darum ging, als Aufdecker von Missständen in weit entfernten Ländern aufzutreten. […] Auch war er sich zuerst nicht sicher, ob er den Song überhaupt veröffentlichen sollte. Schlussendlich war es sein Freund Tom Robinson, der ihn dazu drängte, es zu tun. Zum Glück, denn es war eine seiner besten Entscheidungen, und sie eröffnete ihm eine vollkommen neue Richtung.
    Gegenüber Sounds erklärte er 1980: "Da ist dieser weiße, der Mittelschicht entstammende, gezähmte Engländer, der früher die Privatschule besucht hat und seine eigene Reaktion aus der Ferne beobachtet." […]

    Gabriel wusste genau, was er tat, als er den Song veröffentlichte: "Ich möchte auch nicht, dass mir Musiker die ganze Zeit etwas vorpredigen, aber ich denke, dies ist die erste universelle Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Junge Leute hören Rockmusik. Wenn man also von ihnen die Aufmerksamkeit bekommt und sie nur dazu nützt, ihnen mitzuteilen, wen man gestern flachgelegt hat, ist das in meinen Augen eine Verschwendung." […]

    "Biko" stellte die Weichen, um aus Gabriel einen der passioniertesten Menschenrechtsaktivisten der Popmusik zu machen. […] Via Sounds verkündete Phil Sutcliffe, dass Gabriel sich von nun an Gehör verschaffen würde. "Die Aufrichtigkeit von 'Biko' lässt einen riskieren, es Wahrheit zu nennen. Wahrscheinlich ist es Gabriels bestes Werk - und spiegelt den Mann dahinter genau wieder. Es ist ein Balance-Akt zwischen seiner Zurückhaltung und seiner Offenheit - die Vereinigung zweier entgegengesetzter Kräfte. Durch 'Biko' sagt Gabriel: 'Hier bin ich.'"

    Daryl Easlea - Das Leben und die Musik von Peter Gabriel (2013), S. 84; 243 ff.

    [FONT=&WCF_AMPERSAND"]Berlins schönste Bibliotheken[/FONT]

  • SGU
    Banjo Man
    Beiträge
    1.520
    • 27. November 2018 um 06:28
    • #18

    Ein weißer Europäer beschäftigt sich ernsthaft, dazu noch musikalisch, mit dem Schicksal eines südafrikanischen Farbigen.

    Warum?: Weil er Peter Gabriel ist und heißt!

    - So meine spätere Erkenntnis, als ich z.B. von Peters Engagement für Amnesty International, seiner Mitgründung von Witness und seiner "Mitgliedschaft" bei The Elders hörte bzw. las. Da schloß sich wie ein Kreis für mich, aus dem heraus dann so ein Song wie Biko nur konsequent war.

    Ich weiß gar nicht mehr, wann ich Biko tatsächlich das erste Mal hörte. Ich weiß aber noch, daß er mir von Anfang bis Ende und bis heute Gänsehautfeeling bescherte bzw. beschert.

    Im Gegensatz zu "Sledgehammer" konnte ich mir Biko nie überhören (...geht auch kaum bei jedes Mal Gänsehautfeeling...). Und ich denke auch, es ist ein Lied für die Ewigkeit, wo immer auf der Welt noch Menschen diskriminiert werden, mit der klaren Botschaft: "Die Welt beobachtet euch".

    Alles andere Wichtige dazu haben ja besonders schon Christian und martinus geschrieben. Da ich nicht mehr als 15 Punkte dafür geben kann, muß ich mich damit begnügen.

    Hier vielleicht noch ein Konzertmitschnitt des Songs von 1986 von einem amnesty Konzert in den USA, den ich besonders beeindruckend finde, wo Peter immer wieder zwischendurch wie stark ins Mikro ein hoch-hoch "hineinhaucht":

    https://youtu.be/hIyuzXn1Jkw

    Sehr beeindruckend für mich und meinen Sohn auch der Liveauftritt von Peter 2007 in Dresden, wo Biko als letztes Stück gebracht wurde.:topp:

  • chandelier
    Giant Hogweed
    Trophäen
    1
    Beiträge
    5.963
    • 27. November 2018 um 12:46
    • #19

    Noch nicht bewertet? Kann man das so ohne Weiteres? Soll man noch Worte verlieren, wenn doch martinus wirklich schön den Nerv trifft?

    Biko ist in seiner "Einfachheit" hypnotisch. Der Rythmus lässt dein Herz im Takt des Songs schlagen, der simple Text so herrlich rauh, verzweifelt, sinnlich, hoffnungsvoll von PG interpretiert (gesungen ist zu wenig gesagt), alles andere an Instrumentierung ist nur Beiwerk.

    Stimme und Schlagzeug, Stimme und Schlagzeug prügeln die Botschaft in dein Herz, ähnlich wie Biko geprügelt wurde.

    Du bist ein Mensch, wie Biko, du hast es in deinen Händen, die Welt besser zu machen. Steh auf und lasse es nicht zu, dass es noch mehr Biko´s in dieser Welt geben muss. Er war allein seinen Peinigern ausgesetzt, aber nicht allein in der Welt. So wie du mit anderen Menschen zusammen nicht allein bist und die Faust für Gerechtigkeit hebst. Stimme und Schlagzeug, Stimme und Schlagzeug......

    Eine naive Heilsbringerversion? Christlicher Erlösermythos? Lippenbekenntnisse eines Künstlers, der es sich leicht macht, soziale Betroffenheit zu schildern?

    Wir wissen, dass dies bei Peter Gabriel nicht der Fall ist. Der Künstler ist ein sich einmischender politischer Mensch geworden. Manch ein Zuhörer, sei es im Privaten, sei es im Öffentlichen, auch.

    Da sag mal Einer, Musik bewegt nichts - Biko ist der gegenteilige Beweis dafür! Es ist erreicht, Apartheit ist verschwunden, aber nicht der menschliche Wahn.

    Stimme und Schlagzeug, Stimme und Schlagzeug....15 Punkte.

  • sussudio
    Squonk
    Beiträge
    4.625
    • 12. September 2024 um 19:01
    • #20

    "Biko" hat Peter in zweierlei Hinsicht mehr als gelungen hinbekommen. Zum einen der Text, der trotz seiner Simplizität - oder vielleicht auch gerade deswegen - eine Aussage trifft, die mit viel mehr Worten nicht deutlicher würde. Zum anderen die Verknüpfung von südafrikanischen und europäischen folkloristischen Klängen mit moderner, elektronisch erzeugter Musik.

    Und von seiner Aktualität hat das Lied bis heute nichts verloren. Es gibt leider immer noch genug Intoleranz auf der Welt und es passiert auch genug Gewalt aus rassistischen Motiven. Es sind also auch die ganz allgemeinen Werte, für die Steven Biko gestanden hat und für die man mit Sicherheit nach wie vor singen kann.

    Erstmals richtig mächtigen Eindruck hat dieses Lied bei mir übrigens während des Abspanns des Films "Cry Freedom - Schrei nach Freiheit" von Richard Attenborough (mit Denzel Washington als Steven Biko) hinterlassen (Szenen aus diesem Film sind ja auch im offiziellen Video von Peter enthalten). Der Film an sich ist schon sehr beklemmend und dieser Song hat diesen Eindruck bei mir noch verstärkt.

    Weils gerade passt, noch etwas aus der Kategorie "Gefährliches Halbwissen": Ist euch der Begriff "Mandela Effekt" bekannt? Falls nicht: als "Mandela-Effekt" wird ein psychologisches Phänomen bezeichnet, das auftritt, wenn viele verschiedene Menschen dieselbe Sache falsch in Erinnerung haben. Er bezieht sich auf die weit verbreitete falsche Erinnerung, dass Nelson Mandela in den 1980er Jahren im Gefängnis starb, obwohl er ja nachgewiesenermaßen zwischen 1994 und 1999 der erste Präsident Post-Apartheid-Südafrikas war (möglicherweise liegt hier sogar eine Verwechslung mit Steven Biko vor.)

    Zum Mandela-Effekt hier noch ein paar interessante Videos. Dürfte vor allem diejenigen interessieren, die sich noch haargenau daran erinnern, wie Genesis 1978 in Hannover "Many Too Many", oder 1986 in Philadelphia "Mad Man Moon" oder 1998 in Pöngjang "Happy the Man" zum Besten gaben.;)

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