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Günter Grass - Anti-Semit oder einfach nur ehrlich?

  • Turn It On Again
  • 8. April 2012 um 16:01
  • Fripp
    Slipperman
    Beiträge
    2.071
    • 8. April 2012 um 22:34
    • #11

    Für mich hat die ganze Diskussion in seiner ganzen Dimension schon lächerliche Züge.

    Onkel Günther mischt wieder mal erfolgreich den Laden auf, und bekommt wieder die Aufmerksamkeit, die er ja so gerne hat. Alte Weggefährten wie Hochhuth und Intimfeinde wie Reich-Raniki dürfen auch ihren Senf dazugeben. Herr Broder, der Meister der inhaltlosen Provokation, kriegt auch mal wieder Presse.
    Und ganz nebenbei überschlagen sich so ziemlich alle Kommentatoren in ihrem Bemühen, möglichst hieb- und stichfest den Antisemitismus bei Herrn Grass nachweisen zu können.
    Und als Sahnehäubchen wird Grass von der hochnervösen und wenig souveränen Regierung Israels zur unerwünschten Person erklärt.
    Wirklich nicht schlecht für nen alten Mann....

    Meiner Ansicht sind Grass "Verbrechen" bei diesem Gedicht, fürchterlicher Pathos, ein arg hölzerner Stil und eine zu starke Vereinfachung eines hochkomplexen Konflikts.
    Wenn man von dem Spruch "Viel Feind viel Ehr"ausgeht, würde ich sagen, viel zu viel Ehre für Herrn Grass.

  • Monti
    Banjo Man
    Beiträge
    1.080
    • 9. April 2012 um 00:24
    • #12

    Länder und die darin lebenden Menschen unter einen Kamm scheren ist nicht meine Art!
    Ich habe mich aber auch schlecht ausgedrückt. Vielmehr hasse ich diese Regierung und deren krasse Anhänger welche Palestinenser erschiessen und in aller Welt ihre Unschuld verkünden.
    Und zu jung zum hassen? Finde ich nicht. Ich hasse Verbrechen und vor Allem Kriegsverbrechen. Krieg ist schon schlimm genug.

    Ist natürlich blöd wenn man sagt man hasst alle Israelis. Schwachsinn!
    Was ich mit "Ich hasse Israel" eigentlich ausdrücken wollte war mehr darauf bezogen was sich das Land, also der Staat und seine Mächte so alles erlauben.
    Atomwaffen, Schulbuse in die Luft sprengen, Väter vor den Augen der Kinder erschiessen... Und das Alles mit der Meinung, dass es ihr Land sei! Wer bin ich, dass ich behaupten kann mir gehöre ein Stück Land!! Und dieses religiösen Fanatismus finde ich ebenfalls sehr schlimm.

    Was Herr Grass gesagt hat ist sicherlich nicht falsch. Wohl denke ich auch, dass er Aufmerksamkeit gesucht hat. Den jeder weiss, dass man als Deutscher das Wort "Jude" oder "Israel" nur mit Bedacht wählen sollte. Ihm war klar, dass es solch ein medialen Aufschwung deswegen gibt. Der ZdJ mischt sich eh in jeden Dreck ein. Hat sich eigentlich das Schleimhaar von Friedmann schon eingemischt? :D

    Nee, Spaß beiseite. Das Ganze soll nicht rassistisch klingen oder so. Mir geht es darum, dass dieser Staat und der ZdJ keinerlei Kritik vertragen. Aber wirklich gegen Null! Und solch ein Verhalten finde ich einfach sehr beschissen. Sowas macht mich richtig grandig! :mad::mad::mad:

    Einerseits tobt sich jetzt die SS ganz schön aus. Bei uns in Göppingen sind se wieder aufmarschiert. Ekelhaftes, stinkendes Pack! Wenn man seine Meinung sagt dann bitte richtig. Und nicht mit dem Hintergedanken unsere Kinder (Ach herrje, ich rede schon wie ein alter Mann :gruebel::gruebel::blah:) mit diesem Geschwafel zu vergiften und nicht mit der eigentlichen Meinung auf Meinungsfreiheit aufzumarschieren sondern nur um ein "4. Reich" noch ein Stück näher zu bringen. Verlogenes Pack!
    Diese Welt wird von Tag zu Tag verrückter..

    It requires that you leave behind everything of human ways, human behaviour, human ignorance, human disinformation.

    Last Chance to evacuate Planet Earth before it is recycled

  • charles bukowski
    Gast
    • 9. April 2012 um 00:54
    • #13

    Israel und Deutschland, ein schwieriges Thema. Wenn ich behaupte, dass Israel mit den Palestinensern in abgeschwächter, also Light-Version, das macht, was Adolf mit den Juden in Deutschland gemacht hat, bin ich dann Nazi oder Antisemit?
    In vielen Augen wahrscheinlich ja, aber man muss so etwas ansprechen dürfen ohne gleich als Faschist abgestempelt zu werden. Immer schwierig gegen die Totschlagargumente vom Holocaust was zu erwidern.

  • RiverOfChange65
    Lurker
    Beiträge
    719
    • 9. April 2012 um 02:08
    • #14
    Zitat von charles bukowski

    Israel und Deutschland, ein schwieriges Thema. Wenn ich behaupte, dass Israel mit den Palestinensern in abgeschwächter, also Light-Version, das macht, was Adolf mit den Juden in Deutschland gemacht hat, bin ich dann Nazi oder Antisemit?
    In vielen Augen wahrscheinlich ja, aber man muss so etwas ansprechen dürfen ohne gleich als Faschist abgestempelt zu werden. Immer schwierig gegen die Totschlagargumente vom Holocaust was zu erwidern.




    So, da ist sie wieder, die (alte) "Antisemistismus-Diskussion"...

    Dass ein Herr Grass diese "Brandbombe" nicht ohne ein gewisses "Kalkül", gerade zu diesem Zeitpunkt "gelegt" hat... Man/frau sollte meinen: Er hat ja schon "Erfahrung" darin...?! :teufelgrins:
    Nur: Zu welchem Zweck?
    Und: Warum gerade jetzt?! O.k., "es-ostert": "Urbi et Orbi!", "Friedens-Märsche" und so.... :rolleyes:

    Zunächst ging es in der Kritik seines "künstlerischen-Ausdrucks" ja vordergründig um die "Form":
    Angebl. ein "Gedicht", das keines sei, sondern eher seine ganz persönliche, politische Meinungs-Äusserung (Diskurs in: Deutschlandradio-Kultur, gleich nach "Veröffentlichung").
    Er selbst räumte ja ein paar Tage später dann auch ein, er würde dies SO heute nicht mehr formulieren, sondern deutlicher seine Kritik an der Politik, der derzeitigen Israelischen Regierung, in der Vordergrund stellen.

    Dass die "üblichen", m.E. schon fast "reflexhaften-Abwehrreaktionen", von seiten Israelischer/ bzw. Jüdischer "Eminenzen" derartig heftig ausgefallen sind, zeugt m.E. doch schon von einer gewissen Ironie. :rolleyes:
    Denn auf mich wirkt dies gewissermassen wie eine Art "Selbstentlarvung".
    Ich bin geneigt zu denken: Nur wer sich (zumindest in Teilen) derart "angesprochen" fühlt, hat auch ausreichend Grund sich immer wieder- quasi "Gebetsmühlenartig"- für sich selbst und sein Handeln zu rechtfertigen. :( :gruebel:
    M.a.W: Geniesst DER STAAT ISRAEL eine quasi "Immunität-auf-Lebenszeit", gegenüber jeglicher Kritik an seinem Vorgehen (von deutscher Seite), aufgrund des Genozids an den EUROPÄISCHEN JUDEN, während des Hitler-Regimes.

    Ok.: Schon wieder so ein "Brandsatz"... :eek:

    Allerdings wurde ein noch viel "explosiverer", (vor über 55 Jahren bereits!) von einer- zu diesem Thema wahrhaft berufenen- veröffentlicht und ich habe das "wertvolle-Stück" aus aktuellem Anlass mal wieder aus dem Regal geholt:
    Hannah Arendt: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft- Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft".
    Eine brilliante Analyse, nicht nur zu den begrifflichen Ursprüngen des "Antisemitismus", "das jüdische Volk" (an sich) und "die Rolle des Staates Israel"...

    Und: Darüber hinaus erlebe ich dieses (Mammut-) Werk, insgesamt (schon fast "weltpolitisch") wieder "beklemmend" hochaktuell. (V.a. wer "zwischen-den-Zeilen-lesen" kann, ist dabei klar im Vorteil: "Mene-Tekel"!:teufelgrins:).

    "...A mother sreams and a baby cries, the memory gone before the blood has dried... - ...The options are ever viewer on the ground these days... - ...Credo, it don't mean nothin' to me!". FISH/ Credo

    Nordlichter Stargast ´2012 + 2013 !

    7 Mal editiert, zuletzt von RiverOfChange65 (9. April 2012 um 02:21)

  • charles bukowski
    Gast
    • 9. April 2012 um 02:23
    • #15
    Zitat von RiverOfChange65


    M.a.W: Geniesst DER STAAT ISRAEL eine quasi "Immunität-auf-Lebenszeit", gegenüber jeglicher Kritik an seinem Vorgehen (von deutscher Seite), aufgrund des Genozids an den EUROPÄISCHEN JUDEN, während des Hitler-Regimes.


    Anscheinend ja, und das finde ich so bedenklich. Nicht nur von deutscher Seite. Die Politiker der Amis kriechen den Juden in Amerika ja auch in den Arsch, weil sie Schiss haben, entscheidende Wählerstimmen zu verlieren. Um Gottes Willen, keine Kritik an Israel auch zur Siedlungspolitik.:mad:.
    In der UNO ist dazu immer von den Amis ein Veto gegen entsprechende Resolutionen garantiert:wuetend:.

  • brecher
    Slipperman
    Beiträge
    2.556
    • 9. April 2012 um 02:25
    • #16
    Zitat von charles bukowski

    ...... aber man muss so etwas ansprechen dürfen ohne gleich als Faschist abgestempelt zu werden. Immer schwierig gegen die Totschlagargumente vom Holocaust was zu erwidern.


    Wer den Holocaust für seine Zwecke mißbraucht handelt in meinen Augen zutiefst widerwärtig. Jeder muß darüber reden dürfen-ganz gleich ob er das Erbe des Opfers oder des Täters trägt. Sollte man dies durch eine normierte Moral verhindern wird es niemals die Möglichkeit geben aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

    Wie dem auch sei, bei mir ist´s 5 vor 3

    http://www.myspace.com/progtronaut

  • Eric
    Squonk
    Beiträge
    4.755
    • 9. April 2012 um 03:07
    • #17

    Ob nun "hölzern" die richtige Wortwahl ist - ich habe mich seit jeher mit Grass' Stil schwer getan, seine Bücher wiederholt angefangen und doch wiederholt aufgegeben zu lesen. Zu mühselig war mir die Lektüre. Aber ich muss schon zugeben, dass der Literaturnobelpreisträger wie kaum ein zweiter die deutsche Sprache einzusetzen vermag. Auch wenn mir sein Stil nach einigen Seiten Kopfschmerzen bereitet, brennen sich die Worte ein, so prägnant, so reich ist die Sprache.

    Grass ist klug genug um zu wissen, dass er sich mit diesem Gedicht keine Freunde macht. Das mag er nicht, er will lieber geliebt als gehasst werden. Dennoch nimmt er die Reaktionen, die er vorhersehen musste (und in seinem Gedicht bereits expressis verbis antizipierte), in Kauf. Ein reiner PR-Gag? Das glaube ich nicht. Es mangelt Grass sicherlich nicht an Eitelkeit, aber wenn es nur um PR ginge, wäre diese leichter zu haben. Auf seine alten Tage scheint Aufrichtigkeit (oder was Grass dafür hält) zunehmend an Bedeutung für ihn zu gewinnen.

    Israel und seine Nachbarn - das Thema ist ein Dauerbrenner in den Nachrichten: Neuer Siedlungsbau, Selbstmordattentat in Tel Aviv, Verhandlungen beginnen, Verhandlungen scheitern, werden wieder aufgenommen, neuer Terror... Kaum eine Woche verging in den letzten Jahrzehnten, in der nicht irgendetwas über das Thema berichtet wurde - mal in den Headlines, mal unter ferner liefen. Israel gehört längst zum Hintergrundrauschen in den Nachrichten. Man nimmt es kaum noch richtig war. Man sieht die Bilder im Fernsehen, schüttelt resigniert den Kopf - und hat es in dem Moment schon wieder vergessen. Mir ging es jedenfalls so. Grass hat es immerhin geschafft, dass das Thema wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt wurde, dass sich das Hintergrundrauschen wieder in ein klares Signal wwandelte - Signal to Noise! Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde mir schlagartig bewusst, welche Gefahren dort ein paar Tausend Kilometer von uns entfernt drohen.

    Richtig ist, dass der "Irre von Teheran" seit geraumer Zeit den Staat Israel nicht anerkennt, den Holocaust leugnet/verharmlost und mit der Auslöschung Israels und seines Volkes droht. Es ist nur verständlich, wenn den Israelis bei solchen Worten Angst und Bange wird - und wenn sich ein derart bedrohtes Land zur Wehr setzen will. Aber über die Art und Weise, wie eine solche Gegenwehr aussehen kann und soll, darf und muss man sich auch in Deutschland und anderen Bündnisländern Israels Gedanken machen. Denn Israel ist eine Atommacht, verfügt über eine Vielzahl von Atomsprengköpfen. Und Israels Regierung denkt anscheinend auch mehr oder weniger laut über die Möglichkeit eines Präventivschlags nach. Es geht hier nicht um eine rein hypothetische, sondern eine sehr reale Gefahr, die aus diesem Konflikt droht. Ich kann nicht beurteilen, ob "Dritter Weltkrieg" nun maßlos übertrieben ist oder nicht. Aber mir ist sehr unwohl bei dem Gedanken an einen Krieg, bei dem eventuell Atomwaffen eingesetzt werden könnten.

    Dass sich ein deutscher Schriftsteller Sorgen über diesen Konflikt macht und diese z.B. in Gedichtform zu Papier bringt, ist zunächst noch nichteinmal erwähnenswert. Heikel wird die Angelegenheit dadurch, dass das Gedicht deutliche Kritik an Israels Politik enthält. Zu behaupten, dass dies in Deutschland ein Tabubruch wäre, halte ich für übertrieben. Dass man sich in Deutschland damit aber zumindest schwer tut, lässt sich kaum bestreiten. Und natürlich kommt es immer darauf an, WER die Kritik äußert. Einen Hinterbänkler hätte man notfalls gänzlich ignorieren können und auch bei den meisten Schriftstellern hätte es wohl nicht zu einem solchen Medienecho gereicht. Aber wenn sich der einzige noch lebende deutsche Literaturnobelpreisträger, der noch dazu eine unrühmliche Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS hat, zu diesem Thema kritisch zu Wort meldet, dann muss die veröffentlichte Meinung überkochen.

    Es wird laut krakeelt. Die Kommentare überschlagen sich förmlich dabei, Grass als bornierten, ewiggestrigen Querulanten darzustellen (bis hierhin kann ich sogar teilweise zustimmen). Teilweise wird aber auch noch ergänzt, dass Grass antisemitische bzw. faschistische Meinungen vertritt (und ab hier beginnt für mich eine unerträgliche Hetze).

    Den Vorwurf des Antisemitismus halte ich für blanken Unsinn. In seinem Gedicht findet sich kein Wort der Judenfeindlichkeit, nichts was die Israelis in ihrer Religion, ihrer "Rasse" oder sonstwie in irgendeiner Form diskreditieren, angreifen oder beleidigen würde. Auch nach mehrfachem sorgfältigem Lesen kann ich in Grass' Zeilen nichts derartiges hineininterpretieren. Im Gegenteil beteuert der Autor sogar seine Verbundenheit mit Israel. Es gibt lediglich eine deutliche und scharfe Kritik an der Politik Israels. Grass bedauert mittlerweile, diesen Punkt nicht deutlicher herausgearbeitet zu haben, dass er nicht klar geschrieben habe, dass er nicht Israel an sich, sondern nur die Politik der jetzigen Regierung verurteilen wolle. Ich persönlich halte diese Konkretisierung für entbehrlich, da sich das Gedicht ganz eindeutig mit einem politischen Thema auseinandersetzt. Im übrigen bezweifel ich, dass es etwas genützt hätte.

    Es bleibt der Vorwurf, dass Grass die politischen Realitäten verkennt, wenn er Israel und Iran auf eine Stufe stellt. Schließlich stelle der Iran das Existenzrecht Israels in Frage und nicht umgekehrt.

    Mir persönlich ist es sehr wichtig, diese beiden Vorwürfe (1. Antisemitismus, 2. Verkennung der politischen Realität) getrennt voneinander zu behandeln. Nicht nur, weil der Vorwurf des Antisemitismus in meinen Augen absurd ist, er ist auch das Ende jeder sinnvollen Diskussion. Jemanden als Antisemit oder Nazi zu beschimpfen ist ein extrem schwerwiegender Vorwurf, der schon sehr gut begründet sein muss. Ansonsten riskiert man einerseits, dass kritische Themen/unbequeme Meinungen nicht mehr frei geäußert werden (wer will sich schon in die rechte Ecke drängen lassen). Und andererseits relativiert man "echten" Antisemitismus - oder um es endgültig ad absurdum zu führen: Man stellt Antisemiten auf eine Stufe mit Nobelpreisträgern.

    Muss sich Grass aber den Vorwurf gefallen lassen, dass er hier den falschen rügt, dass er Ursache (Bedrohung durch den Iran) und Wirkung (Selbstverteidigung Israels) durcheinander wirft? Zumindest ist das ein Vorwurf, mit dem man sich sinnvoll auseinander setzen kann.

    Das Gedicht hat keinen Adressaten. Es ist nicht explizit "an Israel", "an den Iran" oder sonstwen gerichtet. Es wird niemand direkt angesprochen. Grass schreibt stattdessen seine Gedanken nieder. Trotzdem enthält das Gedicht auch implizite Aufforderungen:

    Zitat

    [...] zudem ist zu hoffen,
    es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
    den Verursacher der erkennbaren Gefahr
    zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
    gleichfalls darauf bestehen,
    daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
    des israelischen atomaren Potentials
    und der iranischen Atomanlagen
    durch eine internationale Instanz
    von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

    Alles anzeigen



    Grass fordert hier dazu auf, dass auch andere, die seine Meinung teilen, ebenfalls ihr Schweigen brechen. Damit macht Grass sich zur laut gewordenen Stimme einer größeren schweigenden Gruppe. Seine Meinung ist aus seiner Sicht keine Einzelmeinung, aber alle schweigen. Rhetorisch sehr geschickt; so erhält seine Meinung gleich mehr Gewicht. Hier wird ein Dissens zwischen der öffentlichen Meinung und der veröffentlichten Meinung unterstellt. Gewissermaßen vereinnahmt Grass sogar alle, die nach seiner Aufforderung nicht klar Stellung bezogen haben. Wer Grass nicht widerspricht, steht im Verdacht zu den "vielen" zu gehören, die wie Grass bisher geschwiegen haben (und jetzt weiter schweigen, obwohl sie Grass' Meinung teilen).

    Israel wir hier als Verursacher der "erkennbaren Gefahr" genannt. Damit lässt Grass die Tatsache, dass Israel sich gegen eine Bedrohung zur Wehr setzen will, komplett unter den Tisch fallen. Ursache der Gefahr ist für Grass nicht der Iran, sondern Israel. Ist Grass der Meinung, dass vom Iran keine Gefahr ausgeht? Sollten die Äußerungen Achmadinedschads lediglich leere Drohungen sein, ein "Säbelrasseln", um Irans Präsidenten z.B. innenpolitisch zu stärken? Glaubt der Schriftsteller tatsächlich daran oder ignoriert er die Bedrohung durch den Iran absichtlich? Vielleicht meint Grass mit "erkennbar" aber auch, dass wir von Israel wissen, dass das Land die Atombombe hat. Beim Iran hingegen wird lediglich vermutet/unterstellt, dass an der Bombe gearbeitet wird. Daraus aber zu folgern, vom Iran ginge keine "erkennbare Gefahr" aus, ist zumindest fragwürdig, eher unglaublich naiv. Mich wundert es jedenfalls nicht, dass Grass hierfür scharf kritisiert wird. Ich vermute stark, dass Grass sich einfach nur ganz konkret auf die Gefahr eines Präventivschlags Israels bezieht und die Gefahr durch den Iran hier nicht nocheinmal extra zum Thema machen will bzw. diese möglicherweise als bekannt/anerkannt voraussetzt. Insgesamt scheint er sich mit dem Iran gar nicht groß befassen zu wollen, er schreibt eigentlich fast ausschließlich über Israel. So soll auch nur Israel zum Verzicht auf Gewalt aufgefordert werden. Er spricht gar nicht davon, diese Aufforderung auch an den Iran zu richten. Mich wundert es nicht, dass er hierfür Schläge einstecken muss.

    Im letzten hier zitierten Teil des Satzes fordert Grass die Weltöffentlichkeit auf, von beiden Ländern, Iran und Israel die Kontrolle der Atomanlagen und Atomwaffen einzufordern. Das sieht auf den ersten Blick wertneutral aus, da ja von beiden Ländern das gleiche gefordert werden soll. Tatsächlich aber geht es bei dieser Forderung nur um Israel! Denn vom Iran verlangt die Weltölffentlichkeit ja schon seit langem die komplette Offenlegung und Zugänglichmachung des Atomprogramms (was leider nicht gewährt wird). Von Israel hingegen nicht. Grass macht das sehr geschickt, die Weltöffentlichkeit dazu aufzurufen, von beiden Ländern das gleiche zu fordern. Tatsächlich ist diese Forderung aber nur für Israel neu.

    Den häufig erhobenen Vorwurf, dass Grass jetzt Applaus von den "falschen" Seiten erhält, lasse ich nicht gelten. Es käme einem Denk- und Redeverbot gleich, wenn man Meinungen, die man für richtig hält, für sich behalten müsste, nur weil gewisse, einem unliebsame Gruppierungen (hier z.B. rechtsradikale Parteien, Antisemiten, der Iran) diese Meinung teilen oder als Rechtfertigung für die eigene Ideologie missbrauchen könnten.
    Hier ist Grass sogar ein geschickter Seitenhieb auf den Iran gelungen: Erfreut darüber, dass ein weltweit anerkannter Schriftsteller Kritik gegen Israel geübt hat, hat der Iran Lobeshymnen auf Grass geschrieben: Grass habe mit seinem Gedicht die Wahrheit gesagt. Damit hat der Iran für wahr anerkannt, dass Achmadinedschad ein Maulheld ist, der sein Volk unterjocht und zum organisierten Jubel zwingt.

    Mein Fazit: Grass' Texte bereiten mir immer noch große Kopfschmerzen. Die Kritik an seinen Aussagen ist zum Teil durchaus sehr berechtigt. Problematisch ist weniger, dass er Kritik an Israel äußert. Aber es stößt doch auf, dass er sich ausschließlich mit der (bisher hypothetischen) Gefahr eines präventiven Erstschlags Israels auf den Iran befasst, aber die Ursache hierfür, nämlich die reale und öffentlich angedrohte Gefahr eines militärischen Angriffs des Iran auf Israel völlig unter den Tisch fallen lässt. Dafür darf und muss man ihn wohl kritisieren. Hier aber einen Zusammenhang mit seiner SS-Vergangenheit herstellen zu wollen bzw. ihm Antisemitismus zu unterstellen, halte ich für ausgemachten Blödsinn. Achtung gebührt ihm allerdings für die Leistung, dass er ein Thema auf die Tagesordnung gebracht hat, mit dem sich die Öffentlichkeit bisher nur wenig beschäftigt hat: die Gefahr eines Erstschlags durch Israel und die kritiklose Belieferung Israels mit (Atom-)Waffen.

    “THE NIGHT WE TRACKED DOWN PHIL COLLINS, BECAME BEST FRIENDS WITH HIM, AND TALKED HIM INTO REUNITING WITH PETER GABRIEL, AND THEN WE GOT TO SING BACKUP ON THE NEW GENESIS ALBUM AND IT WAS AWESOME!”

    — Barney Stinson, How I Met Your Mother, Season 7, Episode 21 ‘Now We’re Even’

  • RiverOfChange65
    Lurker
    Beiträge
    719
    • 9. April 2012 um 04:08
    • #18
    Zitat von charles bukowski

    Anscheinend ja, und das finde ich so bedenklich. Nicht nur von deutscher Seite. Die Politiker der Amis kriechen den Juden in Amerika ja auch in den Arsch, weil sie Schiss haben, entscheidende Wählerstimmen zu verlieren. Um Gottes Willen, keine Kritik an Israel auch zur Siedlungspolitik.:mad:.
    In der UNO ist dazu immer von den Amis ein Veto gegen entsprechende Resolutionen garantiert:wuetend:.




    Fakt ist, die ganze "Sache" ist ziemlich komplex:
    1.) Der Iran hat mit dem "Säbelrasseln", bei diesem "speziellen" Regions-Konflikt begonnen (drohende Entwicklung von atomaren Waffen, "fette" Polemik dem westl. Ausland gegenüber, insbes. gegenüb. dem Staat Israel). Dadurch ist die potentielle Bedrohung eines "Flächenbrandes" (u.U. weit über die Region hinaus), schon seit einiger Zeit gegeben.
    Vor-/Eingreifen der israelischen Regierung würde diesen Prozess nur noch beschleunigen.
    2.) Internationale ("Bündnis"-) Interessen: Bspw. die z.Zt. in den U.S.A. "ins-Haus-stehenden" Wahlen...
    Die Versuche, die "Virulenz" des iranischen Regime-Bestrebens kleinzureden (es eben als ledigliches "Säbelrasseln" abzutun), u.a um Israel von einem Präventionsschlag abzuhalten.
    3.) "Erdöl-Interessen": Der Iran steht ja nachwievor an vierter Stelle, aller Erdölproduzierenden Staaten und da "man" ("der-Westen") inzw. auf "jeden-Tropfen" angewiesen ist, will "man" es sich- so eben möglich- auch mit dem Iran nich verscherzen. Alles in Allem: Bereits seit längerer Zeit ein schier unerträglich gewordener Spagat.
    4.) Erschwerend kommt m.E. für die "Gesamt-Zuspitzung" noch hinzu, dass die sog. "grüne-Revolution" im Iran erstmal als gescheitert anzusehen ist (i.S. einer "Demokratisierungs-Bewegung-von-unten"...).
    5.) Den U.S.A. und deren Bündnis-Staaten, fehlen die Mittel/ Recoussen in "Nah-Ost" ein weiteres "Fass" aufzumachen (nach Irak- und Afghanistan-Krieg).
    6.) Die UNO ist m.E. schon seit längerer Zeit ein "zahnloser Tiger", der von den (Geo-)politischen Interessen (v.a.) der U.S.A. längst "ausgehölt" (um nicht zu sagen "überrollt") wurde. (Siehe auch aktuell: "Syrien-Konflikt").

    ...das, um nur einige Aspekte zu nennen...

    M.E. geht es "im (Hinter-)Grunde", einzig um: Wahl- versus- (Geo-) politische Ressourcen- Interessen.

    "...A mother sreams and a baby cries, the memory gone before the blood has dried... - ...The options are ever viewer on the ground these days... - ...Credo, it don't mean nothin' to me!". FISH/ Credo

    Nordlichter Stargast ´2012 + 2013 !

    Einmal editiert, zuletzt von RiverOfChange65 (9. April 2012 um 04:23)

  • townman
    Giant Hogweed
    Beiträge
    7.038
    • 9. April 2012 um 09:53
    • #19

    Eric, ich würde mir wünschen, dass ganz viele Menschen deine unglaublich klaren und differenziert gewichteten Gedanken lesen würden. Ich finde dein Posting äußerst wichtig und gelungen. Gäbe es da noch geeignete weitere Anlaufstellen, an denen du das veröffentlichen kannst?


  • YoungKingCole
    Slipperman
    Beiträge
    2.555
    • 9. April 2012 um 11:45
    • #20
    Zitat von Eric

    Hier aber einen Zusammenhang mit seiner SS-Vergangenheit herstellen zu wollen bzw. ihm Antisemitismus zu unterstellen, halte ich für ausgemachten Blödsinn.

    Für die weitere Diskussion sollte man die Eckdaten seiner "verbrecherischen NS-Karriere" (man beachte die Gänsefüßchen ;) )bedenken:

    Grass war 6 Jahre alt bei der Machtergreifung der Nazis; 12 Jahre beim Ausbruch des Krieges und 17 bei dessen Ende. Ich finde es reichlich überzogen hier von NS-Vergangenheit zu sprechen. Man wirft ihm allerdings vor, nicht "früh genug" darüber gesprochen zu haben.

    Mein Gedächtnis sagt mir, dass es da ganz andere Vergangenheiten gab, über die man heute nicht mehr spricht, aber lassen wir das...

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