Die neue Jubiläumsausgabe der "eclipsed" (100./ April 2008) verwöhnt ihre Leser mit einem Steve-Hackett-Interview:
Die akustische Besteigung des Mount Everest
Steve Hackett hat ein neues, rein akustisches Album vorgelegt. Auf "Tribute" frönt der 57-jährige vor allem seiner Liebe für die Musik von Johann Sebastian Bach. Bereits als Mitglied von Genesis hatte Hackett klassische Preziosen wie "Horizons", "After The Ordeal" oder die wunderbare Einleitung zu "Blood On The Rooftops" eigespielt. Im Verlauf seiner Solokarriere fliertete er mehrfach mit klassischer Musik (s. Kasten). Schwere Kost mitunter. Wohin nur will dieser Mann? Und was ist der Stand bei Genesis´"The Lamb"-Live-Projekt? Fragen, denen sich Steve Hackett im Gespräch mit eclipsed stellte.
eclipsed: Steve, wie kam es zu dieser Hommage an klassische Komponisten und der Vielzahl an Bach-Stücken?
STEVE HACKETT: Die beste Musik, die man auf akustischer Gitarre hören kann, ist kurioserweise die, die nicht eigens für dieses Instrument komponiert worden ist. Und das trifft besonder auf Bach-Stücke zu. Sie scheinen alle Begrenzungen des Instruments, ja aller Instrumente zu ignorieren. Natürlich bin ich kein Purist, aber um ehrlich zu sein, ich habe schon einmal mit dem Gedanken gespielt, ein Album mit dem Titel "Bach & Blues" aufzunehmen. Grundsätzlich versuche ich ja immer, aus Stiel-Ghettos auszubrechen. Doch dieses Mal wollte ich nur rein klassische Musik auf der Gitarre spielen.
eclipsed: Was hat dich speziell an diesen Stücken fasziniert?
HACKETT: Zunächst einmal der Umstand, dass sie voller großartiger Melodien sind. Sie verfolgen einen regelrecht, man pfeift sie unter der Dusche. Bachs "Gavottes" ist nicht nur das erste Stück auf der CD, sondern auch das erste klassische Stück, das ich je gehört habe. Diese Musik will einem einfach nicht mehr aus dem Kopf. Bei "Jesus Joy" geht es mir nicht so sehr um irgendwelche religiösen Aspekte, sondern um die unglaubliche Ruhe, die es ausstrahlt.
eclipsed: Wie bist du an die drei Eigenkompositionen herangegangen?
HACKETT: Mit eben dieser sparsamen Verwendung von Harmonien, die wohl aus der Gregorianischen Chor- und Kirchenmusik herrührt. Bachs Komplexität und Schuberts verträumte Apeggien waren ebenfalls Inspiration und Wegweiser. Gott sei Dank habe ich mir in diesem Bereich bereits ein gewisses Ansehen erworben, nur will ich das nicht zu sehr in einem Klassik-Ghetto verorten. Es bleibt immer noch Unterhaltung. Ich habe bemerkt, dass Frauen solche Musik sehr gerne mögen. Sie ist verführerrisch...
eclipsed: Dieses Mal hast du ganz alleine gearbeitet.Man hört kein Orchester, keine Keyboards, nicht Mal deinen Bruder an der Flöte...
HACKETT: Richtig, es sollte ein nacktes Gitarrenalbum werden, und ich bin wirklich sehr stolz darauf. Für mich bedeutet dies als Gitarrist "den Mount Everest zu besteigen". Die Platte enthält mein bestes Spiel als klassischer Gitarrist.
eclipsed: Die unvermeindliche Frage zu Genesis: Wann werdet ihr mit "The LAmb Lies Down On Broadway" auf Tour gehen?
HACKETT: Soweit ich weiß, ist jeder von der Idee begeistert, aber derzeit bewegt sich nichts. Alle sind eben beschäftigt. Da muss erst noch ein Kanninchen aus dem Hut gezaubert werden.
eclipsed: Spielst du damit auf den "Bremser" Peter Gabriel an?
HACKETT: Nein, auf diesen magischen Trick, dass sich alles zum rechten Zeitpunkt für alle zusammenfügen muss. Aber ich kann das nicht wirklich kommentieren, sondern nur versprechen, dass ich mich jederzeit für das Thema stark machen werde.
eclipsed: Wie sieht es m it einem neuen Rockalbum von dir aus?
HACKETT: Ich arbeite gerade daran. Chris Squire von Yes ist mit dabei und auch mein Bruder ist wieder mit von der Partie. Wir haben über Schlagzeuger gesprochen, die wir mögen-Simon Phillips von Toto ist unsere erste Wahl. Um alle Musiker zu rekrutieren, dauert es aber ein wenig.
eclipsed: Wirst du mit dieser Band auch Konzerte geben?
HACKETT: Ich hoffe, dass Chris und Simon Zeit haben. Ich werde dann bald wieder mit kompletter Band auf Tour gehen. Sonst vergessen die Leute am Ende noch, dass ich eigentlich ein elektrischer Gitarrist bin.
Interview: Walter Sehrer
Kasten:
AUF DEN SPUREN DES ALTEN MEISTERS
Steve Hacketts Klassik-ALBEN:
Bay of Kings (1983)
Inspiriert von Andrés Segovia, dem Meister der klassischen Gitarre.
Momentum (1988)
Erste klassische Interpretationen von Bach und Chopin.
There Are Many Sides To The Night (1995)
Akustikkonzert in Palermo. Enthält einen Ausschnitt aus Vivaldis Gitarrenkonzert.
A Midsummer Night´s Dream (1997)
Shakespeare-Vertonung mit dem Royal Philharmonic Orchestra- erhielt als "EMI Classic"- Einspielung die höheren Weihen.
Scetches OF Satie (2000)
Dem minimalistischen Genie Erik Satie gewidmet.
Metamorpheus (2005)
Mit seinem eigens gegründeten "Underworld Orchestra" spürt Hackett dem Mythos von Orpheus in der Unterwelt nach.