Detlev Jäschke:
ZitatSchaut man sich die Stones an, so muss ich persönlich sagen; 0 - kaum Weiterentwicklung. Und dennoch kann sowohl die Band wie auch die Fans damit leben.
Ich nicht. Ich liebe die 60er Jahre der Stones, die frühe Munharmonika
von Brian Jones, die barocken Klänge bei Lady Jane, Sittin' On A Fence,
Right On Baby, As Tears Go Bye, Ruby Tuesday; ich liebe das Album
Black & Blue und selbst noch Some Girls. Aber nach Tattoo You wird
die Band für mich schlichtweg unerträglich, hohl und überflüssig.
Die Ontologen und Musikwissenschaftler sprechen davon, dass eine
jede spezifische Epoche ihren Zeit-Geist in der Art des Arrangements
und der verwendeten Instrumente transzendiert. Der Rock`n Roll von
1956-1959 z.B. suchte seinen Ausdruck in einer Form von 2 1/2 Minuten
Spiellänge; der Nerv der Zeit setzte sich in den Saxophonen frei.
Ab 1960 wurden jene dann durch Streicher-Glissandi ersetzt. Im Rock`n
Roll war der Song selbst das Wichtige; nicht der Sänger, nicht die
Produktion (welche oftmals schlampig ausgeführt wurde). Das neue an
den Beatles wiederum war, dass sie dem Gesang nebst seinen
mehrstimmigenden Harmonien den Vorzug vor dem Instrumental-Sound
gaben. Sie vereinfachten den Schlag (beat), die Gitarren-Soli (wenn man
sie denn überhaupt so bezeichnen will) im Rock'n Roll waren oft
schwieriger, niveauvoller, weil dem Jazz entlehnt (siehe Bill Haley, Elvis
Presley, Buzddy Holly). "It's The Singer, not the Song" hieß es folgerichtig
bei den Stones 1965. Die Songs wurden länger (siehe Bob Dylans
"Like A Rolling Stone") - bis zu 6 Minuten. 1966 wurde der Sound des
Swingin' London durch Gitarren-Riffs und Orgelkänge transzendiert;
ein wenig später bekam er eine
barocke Verpackung (Cembalo, Harfen, Flöten), wurde asiatisch eingefärbt,
(Sitar, Tabla) bis schließlich Cream 1967 den Weg für Hendrix und die
Omnipräsenz der elektrischen Solo-Gitarre bereiteten. Die Songs steigerten
sich von 5 bis zu 20 Minuten. 1970, nach dem
Scheitern der Hoffnungen der 68er dann wieder teils ruhigere, differenzierte
Klänge, nebst einer - Flucht? - in literarische Stoffe, die von Instrumenten
wie Querflöte, Mellotron und 12-saitiger Gitarre, getragen von schweren
Orgel-Sounds, illustriert wurden. 1976 dann der Weg zurück zu 3 Akkorden und
primitiven Gitarren-Riffs nebst Synthi-Disco-Star-Wars-Fiction.
Bei Genesis könnte man die These aufstellen, dass die Kompositionen,
das eigentliche Lied, naturgemäß immer (abgesehen von ihrer
jeweiligen Qualität) gleich waren, da es sich um die gleichen Personen
als Komponisten handelte (diese dann weniger, klar, durch
Anthony, Peter und Steve, die gingen). Was sich änderte, war die
jeweilige Art der Verpackung der Lieder, nocht also die Songs selbst.
Im Prinzip könnte man also sagen, dass sie, anstatt auf einer
erreichten Ebene zu bleiben, sich dem Zeitgeist stets anpassten.
Natürlich nicht in den Extremst-Formen; aber Titel wie whodunnit? (Punk)
(gestern traf mich fast der Schlag, gibt es doch in Leipzig tatsächlich
einen Krimi-Buchladen, der sich "whodunnit?" nennt) sprechen da schon
Bände. Insofern pflegten sie eine bestimmte Richtung nicht um ihrer
selbst Willen, sondern schwammen auf den Wogen der Zeit, ob sie
sich desssen nun bewußt waren oder nicht. Was natürlich auch
bedeutet: Kein Anhängen an bestimmten Mustern, keine Treue
zum bereits Erreichten; auf biegen oder brechen immer weiter.
Bis dann eine Zeit kam, die sie beim besten Willen nicht mehr
bedienen konnten: Trip-Hop, Club Culture, DJ-Sounds. Auch hatten
sie nicht mehr den Mut, ihre weichgespülten Sounds anspruchsvoller
zu färben. Wo Tony es versuchte (selbst bei den Synthi-Klängen
in Fading Lights) geriet er, durch die simple Monotonie der gewählten
Synthi-Sounds, die undifferenzierten Klangeinstellungen zu einer
Karikatur seiner selbst. Gern möchte ich "Fading Lights" als progressiv
bezeichnen, aber ich kann es nicht. Der Titel (bezeichnenderweise
von Phil) ist ein wehmütiger Abgesang, ein Schwanengesang, der aus
gutem Grund am Schluß des Albums steht. Was Mike und Tony wohl
dabei dachten? Und dazu dieser Text! Ahnten sie, dass es Phils letzter
Beitrag werden sollte? Ich denke schon ...