Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist kein Anti-Ray-Thread! Im Gegenteil, ich mag ihn und seine Musik wirklich sehr. Aber als ich gelesen habe, dass er gestern in Neuruppin vor ca. 100 Zuschauern gespielt hat, da hat er mir einmal mehr leid getan! Ist das der gleiche Ray Wilson, der als Frontman von Genesis vor einem fünfstelligen Publikum auftrat? Der gleiche Ray, der Mitte der 90er Jahre mit Stiltskin einen Nr. 1-Hit hatte? Ja, es ist der gleiche Musiker, und wenn man sich ihn heute anschaut, fragt man sich schon, warum seine "Karriere" als Solokünstler nie so richtig in Schwung kam. Tatsächlich hat er es sogar geschafft, das zarte Pflänzchen seines "Change"-Erfolges verkümmern zu lassen. Wie gesagt, dies soll kein Urteil über seine Musik darstellen. Und trotzdem muss man sich fragen, warum so ein begnadeter Sänger heute ohne Plattenvertrag dasteht (sollte diese Info falsch sein, dürft ihr mich gerne korrigieren) und - wir hatten diese Diskussion bereits in einem anderen Thread - mehr und mehr zu einem Tribute Act verkommt, der Genesis & Co. covert.
Natürlich gibt es da Ursachen, und natürlich ist Ray an dieser Entwicklung auch nicht ganz unschuldig. So war es sicher nicht sehr förderlich, ständig seinen Namen zu ändern. Erst "Cut", dann "Ray Wilson", dann die Wiederbelebung von "Stiltskin", die zu guter letzt dann zu "Ray Wilson + Stiltskin" wurde. Das Ganze hat sicherlich nicht geholfen, seinen Namen als Solokünstler zu etablieren.
Auch die Idee, eine harte Rockband (Stiltskin) und ein eher akustisch angelegtes Solo-Projekt (Ray Wilson) abwechselnd bzw. gleichzeitig zu machen, ist zwar künsterisch schön vielseitig, aber stiftet doch auch Verwirrung. Anstatt einen Act nachhaltig zu etablieren, werden hier mitunter zwei Projekte eher halbherzig verfolgt. Hinzu kommt: Die Solo-Sachen passen größtenteils nicht in ein Stiltskin-Programm, die Songs von "She" lassen sich akustisch auch kaum umsetzen.
Gehen wir mal zurück ins Jahr 2003. Da hatte Ray seinen ersten Achtungserfolg als Solokünstler. "Change" kam damals sogar in die Album-CHarts, und die gleichnamige Single bekam jede Menge Airplay. Beste Voraussetzungen also für einen Start der Solokarriere. Was dann passierte, fällt für mich unter die Rubrik "kommerzieller Selbstmord". Bereits 2004 erscheint ein Nachfolgealbum, dass sich nicht nur zeitlich, sondern auch qualitativ als Schnellschuss erweist. Anstatt sich mehr Zeit für Songwriting und Produktion zu lassen, wirft Ray ein Album auf den Markt, dass teilweise aus altem Cut-Material (Adolescent Breakdown) und einer völlig überflüssigen Neuaufnahme von "Inside" (Warum Ray? Das ist dein Soloalbum!!!) besteht. Und dann die Krönung: Als erste Single (!!!) wird ein Song ausgekoppelt, der fast keinen Gesang, sondern jede Menge komische Sprachsamples von diversen Politikern umfasst. Der neben dem Titeltrack unkommerziellste Song wird also die erste Single
. Wer trifft solche abstrusen Entscheidungen? "Magic Train" oder "Ever the reason", DAS wären gute Singles gewesen. Nichtsdestotrotz muss man aber sagen, dass sich Ray mit dem schnellen Nachfolger zu "Change" keinen Gefallen getan hat. Kein Wunder also, dass das Album völlig floppte!
Nun passiert, was passieren muss. Die Plattenfirma schickt Ray in die Wüste, und dieser scheint ziemlich verunsichert zu sein. Und was macht man, wenn man verunsichert ist? Man sucht Halt bei Dingen, die einem Sicherheit bieten. Das sind bei Ray Genesis und Stiltskin. Und da Ray Genesis schlecht wiederbeleben kann, formiert er also Stiltskin neu (nur zur Info, er hatte bei der Erstauflage dieser Band keinerlei kreativen Input). Es entsteht also eine Band, die eigentlich eine völlig neue Band ist, aber einen alten Namen benutzt. Das zugehörige Album "She" ist richtig toll, wird aber kommerziell betrachtet auch ein Flop. Noch dazu läuft das Ganze dann nicht unter "Stiltskin", sondern wird als "Ray Wilson + Stiltskin" vermarktet. Wieder scheint es so, als wisse Ray nicht genau, wohin er musikalisch will.
Zwei Jahre später wieder ein Soloalbum. Ich kenne es noch nicht, aber "Bless me", das von Ray als Appetitmacher auf die CD gedacht war, kann mich nicht überzeugen. Da hat er ein bisschen bei "Change" abgekupfert, aber leider ein paar tolle Melodien vergessen. Ich bin mir sicher, dass sich auf dem Album wesentlich bessere Stücke befinden. Warum man dann kein anderes Stück als ersten Eindruck auf die Fans loslässt, bleibt Rays Geheimnis.
Zusammenfassend denke ich, dass Vieles in Rays Karriere nicht optimal gelaufen ist. Einiges hat er selbst verbockt, andere Entscheidungen trafen wahrscheinlich Management und Plattenfirma. Rückgängig machen lässt sich so etwas jetzt kaum noch. Umso mehr wünsche ich Ray für seine Zukunft als Musiker und Solokünstler, dass er bei weiteren Entscheidungen ein glücklicheres Händchen hat, als dies in der Vergangenheit der Fall war.