[Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Thread zum Track der Woche 'Hold On My Heart' veröffentlicht. Der Ausdruck 'WCD-Betroffenheitskitsch' führte dort zu einem Exkurs, der in diesen separaten Thread verlagert wurde. townmans Beitrag ist der Vollständigkeit halber deshalb auch hier einkopiert worden. 27.3.2012 - martinus]
Hold on my heart – ein bewegendes Liedchen
Er bewegt wie kein anderer Genesis-Song: Die einen bewegen sich von ihm weg (Bier holen, pinkeln gehen), die anderen bewegen sich dazu (paarweise kuschelnd, schmusend, knutschend, vorspielend und eventuell auch weiterspielend), die nächsten fühlen sich ob Phils zehn zarter Splash-Beckenschläge im Mittelteil und der Romantik des Stücks innerlich tief bewegt und ich selbst schließlich bewegte 2007 – als das Liedchen im Hamburger Stadion anfing, mit dem Nieselregen um die Wette zu plätschern – meinen Kopf in Richtung meines Kumpels, um mir für die Kunstpause der Band eine Zigarette zu erbitten: Tote Zeit will ja schließlich für etwas Sinnvolles genutzt sein.
Der Schmalzfaktor bewegt sich für meine Begriffe irgendwo zwischen George Michaels „Careless whisper“ und Chris de Burghs „Lady in red“. Ersteres mag ich noch etwas lieber wegen des Hammersaxophons und des unwiderstehlichen Tschakatschaka-Grooves, aber ich muss schon anerkennend sagen, dass „Hold on my heart“ eine echt gelungene Schnulze ist. Der Song ist absolut stimmig und konsequent, er funktioniert blendend (na ja, live nicht so, da ist er auch für mich ein Stimmungskiller gewesen).
Tony spielt eine wirklich außergewöhnlich schöne Akkordfolge. Schade, dass sie für diesen Song verwendet wurde, denn man hätte aus ihr auch einen genialen Genesisbombast machen können (das habe ich mal irgendwann ausprobiert).
Ich ziehe HOMH auch unbedingt dem fiesen WCD-Betroffenheitskitsch á la „Driving the last spike“ und „Tell me why“ vor – mal `ne harmlose Plastikschnulze zwischendurch tut mir längst nicht so weh wie jenes Pathos-Geseiere, im Gegenteil: Der Sound ist außerordentlich wohltuend, wenn man es dabei belässt, nicht so ganz intensiv zuzuhören. Mike schafft mit seinen paar Tönchen durchaus bemerkenswert viel Atmosphäre (minimaler Aufwand, maximaler Ertrag – das kann auch nicht jeder) und Phils Gesang ist angenehmerweise eher schlicht und sanft-säuselnd. So rangiert HOMH immerhin im WCD-Song-Ranking auf Platz 3 bei mir (6 Punkte).
Den Sinn des Songtitels habe ich als Ignorant des Englischen immer nicht verstanden: „Halt an, mein Herz“? Hm, also so schlimm finde ich die Musik nun wirklich nicht. „Halt aus, mein Herz“? Schon eher, hört sich aber kacke an, da fehlt irgendwie die Dynamik, die Bewegung. Also lieber: „Geh aus, mein Herz…“ Klingt irgendwie volkstümlich. Aber so waren sie halt zu WCD-Zeiten.
Ich begrabe hiermit meine Absichten, einen fundierten Beitrag schreiben zu wollen. Die Realität holt einen manchmal so ungemein gnadenlos auf den Boden zurück, schlimm ist das.
