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Peter Gabriel – o\i – Die Kunst

Peter Gabriel stellt jedem Track des Albums auch wieder ein Kunstwerk zur Seite. Wir betrachten sie und die jeweiligen Künstler dahinter etwas genauer.

Wieder lässt Peter Gabriel zum Erscheinen des neuen Albums jeden Track von einem Kunstwerk begleiten. Das folgt dem gleichen Prinzip wie schon bei i/o. Erneut wurden passende Künstler und Kunstwerke weltweit zusammengesucht – nicht immer werden die Werke dabei speziell für den Song erstellt sein.

Gabriel fühlt große Verbundenheit zu bildender Kunst – egal ob Gemälde, plastische Arbeiten oder auch Fotografien – und liebt es, wenn es einen Austausch, einen Dialog zwischen seiner Musik und anderen Ausdrucksformen gibt. Das Interdisziplinäre bewegt ihn ja schon lange und im Falle von Album-Artwork hat er auch gerne mal auf Material aus dem Bereich der Wissenschaft zurückgegriffen.

Die 12 Kunstwerke zu o\i, die Künstler und einige Hintergründe stellen wir hier vor.

1 – Janaina Mello Landini: "Ciclotrama 156 (palindrome)" für Been Undone
2 – Tomás Saraceno "Cosmic Spider/Web" für Put The Bucket Down
3 – Judy Chicago "Birth Tear/Tear" für What Lies Ahead
4 – Tatsuo Miyajima "Warp Time with Warp Self No. 2" für Till Your Mind Is Shining
5 – Shirin Neshat "Faith" für Won't Stand Down
6 – Francis Alÿs "Cuentos Patrióticos" für A Hard Lesson
7 – Berndnaut Smilde "Nimbus de Toekomst 1" für I Belong To The Sky

Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe


Veröffentlichung #1 vom 3.1.2026: Been Undone

Der Track

Been Undone ist ein eher ruhiges Stück, das eine recht verbitterte, lange Liste aufzählt, was im Leben alles fertig gemacht oder zu Grunde gerichtet hat. Gabriel sagt jedoch auch, dass er diese Negativitäten eigentlich positiv sieht. Denn aus schweren und schmerzhaften Lebensmomenten lernt man auch – oft am meisten.

Und so endet der Song mit einem zuversichtlichen „Just listen and feel". Und am Schluss sogar „And I feel it in you, you feel it in me". Darum geht es also – dass man doch etwas fühlen kann – im anderen, in sich selbst.

Die Künstlerin

Janaina Mello Landini (geboren 1975 in Brasilien) studierte zunächst Architektur, dann Bildende Kunst; in ihr Schaffen fließen auch Erkenntnisse aus Physik und Mathematik ein.

Zehn Jahre lang arbeitete sie zunächst als Architektin, entwarf dann zwischen 2003 und 2006 Bühnenbilder und Kostüme für Theaterproduktionen und Filme. 2013 zog sie nach São Paulo, um sich ausschließlich ihrer Kunst zu widmen. Dort lebt und arbeitet sie noch heute.

Im Jahr 2010 begann Landini mit Experimenten im Raum, setzte Fäden, Nägel und Knoten, Verdrehung und Spannung ein. Inzwischen arbeitet sie fast ausschließlich mit Schnüren und Seilen, die sie zu Wandbehängen und zu raumgreifenden Gespinsten webt und knotet. In vielen erkennt man Wurzeln, Zweige, Bäume. Auch erinnern sie an Flechtenwachstum oder die Strukturen der Blutgefäße.

Grundsätzlich werden bei ihren Objekten dicke Taue aufgesplisst in die einzelnen Teilstränge, diese wieder in ihre Unterschnüre, was so weiter geht bis zu den grundliegenden Einzelfasern. Diese sich immer weiter verzweigenden Strukturen ordnet Landini zu Mustern mit unterschiedlichsten Umrissen. Und je nach dem kann man den Weg auch umgekehrt sehen als dünnste Fasern, die sich miteinander verbinden, immer weiter, bis zu dicken Strängen.

Ihr Werk zeichnet sich dabei durch versierte Technik aus, wobei die Fertigstellung oft Monate oder sogar Jahre dauert. Sie greift häufig die Fibonacci-Folge und andere in der Natur vorkommende Muster auf und stellt die starre Logik künstlicher Strukturen der Weisheit organischer Formen gegenüber. Erforschen möchte sie Themen wie Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit, Zeit und Vielfalt.

Landinis Objekte wurden in Brasilien, Frankreich, den Niederlanden, den Vereinigten Staaten oder den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgestellt. Zu sehen waren ihre Arbeiten etwa 2016 im Palais de Tokyo in Paris, 2019 im Schloss Chaumont-sur-Loire und auf der 13. Mercosul Biennale 2022.

Einen umfassenden Einblick in ihr Schaffen gibt ihre Webseite.

Artwork Been Undone

Das Kunstwerk

Das erste Kunstwerk zum Album heißt Ciclotrama 156 (palindrome), misst 138cm x 138cm, entstand 2019 und besteht aus handgefertigtem grünen Baumwollseil auf Leinen.

Es breiten sich auf zwei getrennten Untergrundbahnen jeweils halbkreisförmig stark verästelte Strukturen aus. Beide reichen zueinander hinüber und am verbindenden Mittelpunkt befindet sich ein Knoten. Er ist gewissermaßen das Zentrum von allem.

Die Bezeichnung Ciclotrama kombiniert das Wort „Zyklus" mit dem lateinischen Wort „trama" (was „Kette" oder „Weben" bedeutet). Die Zusatzbezeichnung "Palindrome" bezieht sich auf die gespiegelte Anordnung, durch die das Werk gewissermaßen vorwärts und rückwärts "gelesen" werden kann.

Im Moment ist für Been Undone dieses bestehende Objekt von Landini ausgewählt – aber Gabriel verkündet erfreut, dass noch ein eigens zum Track gefertigtes Werk folgen soll.

Die Verbindung

Gabriel findet im Dargestellten etliche Anknüpfungen (!) zu seinem Song: Das Thema Verknotung und Ver- oder Entwirrung, den Faden, der uns entweder zusammenhält oder auseinanderreißt, vielleicht auch den Lebensfaden ganz allgemein. Er erkennt auch so etwas wie Hirnhälften, was zu seinem aktuellen Thema des Gehirnprojekts passt, zu dem er den Song Been Undone zuzählt.

Vermutlich dürfte ihm auch die spannende Verbindung zwischen technischer Präzision (er sieht hier auch Fraktale) und natürlich-organischen Strukturen gefallen.

Funfact am Rande: Gabriel hat den Namen des kommenden Albums ja auch "Oi" ausgesprochen – was im Brasilianischen eine Begrüßung wie etwa "Hi" oder "Tach" ist.


Veröffentlichung #2 vom 1.2.2026: Put The Bucket Down

Der Track

Gabriel sagt, der Titelgebende Eimer in Put The Bucket Down ist voll von dem Mist, den man immer im Kopf hat. Um seinen Weg nach vorne zu machen, muss man diesen Eimer abstellen.

Gabriel sagt auch, er ist fasziniert von der Idee, das es möglich werden könnte, menschliche Gedanken lesen und einschreiben zu können. Er sieht aber auch die Gefahren, dadurch Privatsphäre zu rauben oder gefährliche Ideen zu verpflanzen. Und dass der gesamte Vorgang enorme Verwirrung auslösen dürfte. Von dieser Verwirrung handelt das Stück. Die erzählende Person ist verunsichert, weil sie nicht weiß, was genau sie erlebt. Ob ihre Gedanken zu ihr oder zu jemand anderem gehören.

Der Künstler

Erneut kommt der Urheber eines o\i Kunstwerks aus Südamerika. Tomás Saraceno ist in Argentinien geboren, Jahrgang 1973, studierte Kunst und Architektur in Buenos Aires und Frankfurt. In Italien war er Teilnehmer eines Kurses, den unter anderem Olafur Eliasson gab (der wiederum ein Kunstwerk für i/o beisteuerte). 2009 nahm er zudem am International Space Studies Program der NASA teil.

Saracenos Themen sind grundlegende Naturstrukturen und ihr Stand in der technologisierten Welt. Mit einer natur-laborhaften Ästhetik ist er dabei der Arbeit von Olafur Eliasson recht nahe. Er beschäftigte sich schon mit emissionsfreiem Fliegen, baute aus Heliumballons schwebende Gewächshäuser, verlegte Seile durch Räume, die bei Berührung ambientartiges Vibrationsecho erzeugten, baute Landschaftsobjekte mit technologisch-ästhetischem Äußeren, die in der Natur stehen und mit ihr interagieren, indem sie etwa als Habitat für Vögel und Insekten fungieren.

Und immer wieder beschäftigt er sich mit Spinnen. Eine eigene Webseite zeugt davon, über die es etwa eine eigene Handyapp zur Interaktion mit den Vibrationssinnen von Spinnen gibt. Immer wieder kreierte Saraceno mit Hilfe dieser Tiere Objekte, die kosmischen Strukturen nachspüren – oder lässt in einem Ausstellungsgebäude Spinnenpopulationen akribisch erfassen (und Spinnenweben während der Ausstellungszeit auch nicht entfernen).

Gabriel sagt, zum ersten Mal begegnet sei er Saraceno durch das Projekt Aerocene, eine interdisziplinäre Künstlergemeinschaft, die neue Formen ökologischer Sensibilität aufzuzeigen versucht, Bewusstsein für die Atmosphäre und Umwelt schaffen will.

Saraceno lebt seit 2001 in Berlin.

Einen umfassenden Einblick in sein Schaffen gibt seine Webseite.

Artwork Put The Bucket Down

Das Kunstwerk

Das von Saraceno bereitgestellte Werk heißt Cosmic Spider/Web und ist eigentlich nicht das Kunstwerk selbst, sondern ein Foto davon. Abgebildet ist die Teilansicht einer Installation, die Saraceno mit Hilfe von Spinnen erschaffen hat, die entlang von Metallelementen Netze durch einen ganzen Raum gewebt hatten.

Diese Installation hieß Weaving The Cosmos und war zu sehen 2019 im Planetarium von Mailand. Die Spinnennetze schwebten unter der Kuppel des Planetariums und wirkten wie Galaxiensysteme. Dank eines Soundsystems konnten die Besucher zudem die Vibrationen der Spinnen im Netz wahrnehmen. Saraceno war inspiriert von den Ähnlichkeiten, die Wissenschaftler zwischen der fadenartigen Struktur des kosmischen Netzwerks und dem Geflecht von komplexen Spinnengespinsten festgestellt haben. Details und auch einige Fotos zu der Installation sind hier zu finden.

Wen es interessiert: Beteiligt am Netzweben waren fünf Exemplare der Gattung Cyrtophora citricola, eine einzelne Nephila senegalensis und sechs Holocnemus pluchei.

Die Verbindung

Saraceno hat Gabriels Stück gehört und daraufhin dieses Bild passend gefunden und ausgewählt. Gabriel wiederum findet die Formen der Spinnennetze faszinierend und wunderschön. Er sieht eine Verbindung zwischen ihnen und anderen Formen in der Natur, zudem zu Wahrnehmungen, zu denen das Hirn fähig ist. Deshalb passt das Bild auch für ihn.

Repräsentiert ist hier also vielleicht weniger der Inhalt des Songs um die Verwirrung aus der Gedankenübertragung, mehr die Idee der Hirnvernetzung im Ganzen. Ihre kosmische Größe, ihre Faszination, ihr Licht und Schatten.

Bemerkenswert in dem ganzen Zusammenhang ist vielleicht noch, dass es ja eine Spinnenart gibt, die nach Peter Gabriel benannt ist: Umidia gabrieli, eine im Jahr 2021 beschriebene Art der Falltürspinnen aus Niederkalifornien. Im Tourbuch zur i/o Tour wird angemerkt, es gäbe einige Gemeinsamkeiten dieser Spinnenart mit Gabriel: Beispielsweise habe sie wenig Haare – zumindest an den Beinen…


Veröffentlichung #3 vom 3.3.2026: What Lies Ahead

Der Track

Das dritte o\i-Stück What Lies Ahead wirft einen recht entrückten Blick auf alle Erfinder, auf alle Visionäre, die kreativ in die Zukunft schauen, sie mit Unermüdlichkeit zu gestalten versuchen. Das hat einen spirituellen, weil schöpfenden Aspekt, aber auch einen mühsamen, erschöpfenden Teil.

Gabriel sagt, bei seinem Vater, einem Elektroingenieur und Erfinder, habe er miterlebt, wie frustrierend es sein könne, gute Ideen zu haben, sie aber nicht in die Welt tragen zu können. Trotzdem setzt er als Schlusssatz des Stücks: "Was vor dir liegt, formt sich in deinen Händen."

Die Künstlerin

In Chicago wurde 1939 Judith Sylvia Cohen geboren, die in den 1970er Jahren das Pseudonym Judy Chicago annahm. Bereits vorher war sie bekannt geworden als Vorreiterin von feministischer Kunst und Kunstpädagogik, entwickelte dabei großem Einfluss. An der University of California in Los Angeles machte sie einen Abschluss in den Fächern Malerei und Skulptur, lehrte dann selbst im Fresno State College, dem California Institute of the Arts und etlichen anderen Einrichtungen.

Bedeutend ist ihre Installation The Dinner Party (1974-79), das 39 aufwendig arrangierte Gedecke auf einer dreieckigen Festtafel ausstellt und bekannte Frauen aus Mythologie und Geschichte feiert. 1985-93 erarbeitete sie ihr Holocaust Project: From Darkness into Light, das sechzehn großformatige Werke verschiedener Medien vereint (Wandteppiche, Glasmalerei, Metallarbeiten, Holzarbeiten, Fotografie, Malerei und Näharbeiten). Sie sollen den Völkermord an den Juden, aber auch Themen wie Opferrolle, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und menschliche Grausamkeit untersuchen.

1972 war Chicago Mitorganisatorin einer der ersten feministischen Kunstausstellungen, Womanhouse. Im Zentrum stand die Hausarbeit von Frauen, als Parodie der gesellschaftlichen Stereotype. Ziel war es, die weibliche Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen, und aktiv weibliche Kunst zu fördern.

Chicagos zentrales Thema ist das Fehlen oder gar die Auslöschung von Frauen in der westlichen Kulturgeschichte und sich dagegen zu wenden. Sie wurde international ausgestellt (2025 noch bei der Kunstausstellung der Ruhrfestspiele Recklinghausen) und erhielt zahlreiche Preise.

Judy Chicagos Webseite gibt viele Eindrücke über ihr jahrzehntelanges, umfangreiches Schaffen.

Artwork What Lies Ahead

Das Kunstwerk

1980-85 schuf Chicago ihr Birth Project. In Malerien und Näharbeiten wird sich unterschiedlichen Aspekten des Geburtsvorgangs gewidmet. Seiner Großartigkeit, seiner Gewalt. Etwa 150 verschiedene Frauen haben sich an der Erschaffung der einzelnen Objekte beteiligt. Das Werk zu What Lies Ahead ist Teil dieses Projekts und heißt Birth Tear/Tear (1982, Stickerei auf Seide, 52 x 70 cm). Der Entwurf stammt von Chicago, die Ausführung von Jane Gaddie Thompson.

Verschlungene Ornamente in dunklem Rot offenbaren erst im zweiten Blick die Darstellung einer Frau mit überweit aufgerissener Vulva. Eine Geburt wird gezeigt, der quälende und schmerzhafte Aspekt. Das Gesicht der Frau ist verzerrt in einem enormen Schrei. Die Stickerin Thompson jedoch erfreut sich, dass die Nabelschnur im Bild "rund und sanft gedreht, voller Magie und Leben ist".

Der Titel ist insofern noch interessant, als dass im Englischen das Wort "tear" sowohl die Bedeutung "zerreißen", als auch "Träne" haben kann.

In einem Nebensatz sei schließlich noch erwähnt, dass die Abbildung die erste im Reigen der Kunstwerke zu i/o\i im Querformat ist. Die grafische Erscheinung sticht dadurch etwas heraus.

Die Verbindung

Gabriel stellt klar, dass kein Mann jemals wird verstehen können, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu gebären. Deshalb sind Birth Tear/Tear und What Lies Ahead völlig unterschiedlich in der Dimension des Leids und des Schmerzes, die erzählt werden. Auch geht es um eine ganz andere Art, etwas ins Leben zu bringen. Trotzdem gibt es tatsächlich eine seltsame Berührung zwischen dem Bildnis und dem Stück. Gabriel: "Die Geburt einer Idee hat viele (weniger schmerzhafte) Parallelen."


Veröffentlichung #4 vom 2.4.2026: Till Your Mind Is Shining

Der Track

Gabriel sagt, es gehe in Till Your Mind Is Shining um "den Geist öffnen" und "in ihn eintauchen". Um die Möglichkeit, mit den modernen Technologien die Lernentwicklung mehrerer Jahre in kürzerer Zeit zu absolvieren und dadurch – so hofft Gabriel – Entscheidungen verantwortungsbewusster und mitfühlender zu treffen. Der Songtext ist eigentlich eine Reihung gutgelaunter Beschreibungen von rasantem Daten- oder Gedankenfluss.

Und so strahlt das Stück im Ganzen eine gewisse Begeisterung und Vergnügtheit aus, wirkt manchmal etwas verschroben, bleibt aber durchgehend lässig – und ist wegen all dem auch irritierend.

Der Künstler

Der japanische Bildhauer und Installationskünstler Tatsuo Miyajima wurde 1957 geboren und studierte Malerei in der Tokyo National University of Fine Arts and Music, wo er 1986 auch seinen Abschluss machte.

Bald danach begann er, mit Performance-Kunst zu experimentieren, bevor er zu lichtbasierten Installationen überging. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Zeit und ihr Vergehen. Zahlenanzeigen bilden dabei fast immer das Zentrum, die wechselnd die Ziffern 1 bis 9, aber nie die Null anzeigen, die für Miyajima Stillstand und Tod repräsentiert.

Er erklärt, dass er sich vom Buddhismus inspirieren lässt. Für ihn sind die tickenden Zahlen mit Unausweichlichkeit, Universalität und Sterblichkeit verbunden. "Ich schaffe Installationen, die mit verschiedenen Zeitsystemen experimentieren. Es gibt keine absolute Zeitlänge, nur einen persönlichen Rhythmus." Drei Überlegungen sind dabei für seine Arbeiten von zentraler Bedeutung: "Im Wandel bleiben", "Verbunden sein mit allem" und "Ewige Fortdauer".

Seine Zahlenreihen hat Miyajima inzwischen vielfach in Objekten verwendet, an Hauswände projiziert oder als Bild gemalt. Gabriel sagt aber auch: "Seit 1996 engagiert er sich zudem für das Kaki-Tree-Projekt, ein Kunstprojekt, das für den Frieden und die Bedeutung des Lebens wirbt durch das Pflanzen von Setzlingen eines Kaki-Baums aus Nagasaki, der die Atombombe auf wundersame Weise überlebt hat."

Viele Eindrücke von Miyajimas Schaffen und von seinen Gedankenkonzepten kann man auf seiner Webseite bekommen.

Artwork Till Your Mind Is Shining

Das Kunstwerk

Das Bildmotiv des Songs zeigt das Foto eines sich stetig ändernden Wandobjekts. Es wurde 2010 geschaffen und heißt Warp Time with Warp Self No. 2 (LED, Microchip, Elektrokabel, Spiegelglas, Stahl, 105 x 150 x 15,5 cm). Zu sehen ist eine spiegelnde Untergrundfläche, die nicht ganz eben ist, deshalb die Umgebung verzerrt wiedergibt und das auch nicht immer gleich (je nachdem wo und wie man steht). Darauf platziert sind 70 Leuchtdioden, auf denen die Ziffern 1 bis 9 in unregelmäßiger Reihenfolge erscheinen. Jedes Foto vom Objekt zeigt also immer nur eine Momentaufnahme. Eine alternative Ansicht kann beispielsweise auf der Webseite einer Galerie hier eingesehen werden.

Die Bezeichnung "No. 2" weist zudem darauf hin, dass es diese Konzeption in verschiedenen Ausführungen gibt (mindestens neun). Sie unterscheiden sich in Größe und Aufteilung.

Am Titel des Objekts ist auch noch interessant, dass es "Warp Time" und nicht "Time Warp (Zeitreise)" heißt. Die ganze Übersetzung heißt ungefähr "Zeitverbiegung mit Selbstverbiegung".

Die Verbindung

Gabriel gefällt am ausgewählten Kunstwerk die Mischung aus Kühlheit und Struktur sowie andererseits Sanftheit und Selbstreflexion. "Ich finde es toll, dass es in gewisser Weise ziemlich futuristisch wirkt – mit Zahlen und Daten – und doch dieses 'Warp Self' im Hintergrund hat." Er bezieht das wohl auf die Spiegelung in der Hintergrundfläche, in der sich der Betrachter immer ein wenig verzerrt sieht. Das ergibt für ihn "eine Interaktion zwischen Mensch und der mechanischen KI Welt."

Ihm sagen Kunstwerk und Song beide etwas dazu, "wohin dich dein klarer Verstand führen soll und was dem entgegenwirkt" (Englisch: 'to counter').

Die Möglichkeit, dem Stück Warp Time with Warp Self No. 2 beizustellen, fühlte sich in jedem Fall für ihn genau richtig an.


Veröffentlichung #5 vom 1.5.2026: Won't Stand Down

Der Track

Der Text von Won't Stand Down ist ein ermutigender Aufruf und beschwört Gemeinsamkeit. Im Kern geht es darum, nicht stillzustehen, sondern vereint auf eine greifbar bessere Zukunft hin zu arbeiten. Im Text heißt es, selbst wenn jede brutale Tat entsetzt und die Schreie begraben werden, der Geist ruft in uns und man kann sich nicht verstecken. Und im Refrain dann: Wir werden nicht zurückweichen, bis etwas besseres da ist.

Gabriel meint: "Es ist ein Lied, das zu einer Art Aktivismus ermutigen soll."

Die Künstlerin

Im Jahr 1957 wurde Shirin Neshat in Qazvin, Iran geboren (Gabriel meint, sie würde wohl Persien sagen). Sie wuchs dort in einem wohlhabenden, westlich orientierten Umfeld auf und durfte als junge Frau sogar das College besuchen. Um Kunst zu studieren ging sie 1979 in die USA, wo sie zwei Abschlüsse an der Universität von California in Berkeley in Freier Kunst und Darstellender Kunst machte.

Sie heiratetet und lebte in New York, bewegte sich in der dortigen Kunsszene, stellte selbst aber praktisch keine Kunst her, weil sie nicht glaubte, etwas von Bedeutung einbringen zu können.

Nach elf Jahren kehrte Neshat 1990 in die Islamische Republik Iran zurück und war schockiert über die von Ideologien beherrschten Zustände dort. Das führte dazu, dass sie sich ab 1993 wieder künstlerisch betätigte. Bekannt wurde sie schnell durch die Fotoserie Women of Allah (1993–1997). In ihr wird immer wieder eine Frau gezeigt (sie selbst), die das bodenlange Traditionsgewand Tschador trägt – und teilweise auch eine Waffe. Neshat schrieb kalligraphische Texte auf die Fotografien, und zwar über Hände, Füße und Gesicht, die nach islamischem Recht unbedeckt bleiben dürfen. Sie verlieh damit den Frauen gewissermaßen eine Stimme.

1996 entwickelte sich aus dieser Fotoreihe auch ihr erstes Video Anchorage. Ab da widmete sie sich zunehmend der Film- und Videokunst, ab 2009 drehte sie auch Spielfilme. Zuletzt war das Women Without Men.

Im Mittelpunkt ihrer Kunst stehen die Gegensätze zwischen Islam und dem Westen, Weiblichkeit und Männlichkeit, öffentlichem und privatem Leben und die Überbrückung der Klüfte dazwischen. Ihre Arbeit sieht sie dabei als Schrei nach Humanität.

Inzwischen lebt Neshat wieder in New York City, gelegentlich auch in Berlin.

Artwork Won't Stand Down

Das Kunstwerk

Dem Stück wurde zum ersten Mal im i/o\i Reigen eine Fotografie beigestellt. Allerdings ist sie ergänzend bearbeitet und deshalb mehr als nur Fotografie. Sie zeigt die Hände eines Kindes, die wiederum von den Händen einer Frau umfasst werden, schützend, stützend, leitend. Beide Handpaare bilden dabei die übliche Geste zum islamischen Gebet.

Das Werk heißt Faith (Vertrauen oder Glauben), stammt von 1996, ist etwa 30 x 40 cm groß und wurde in einer Serie von zehn Stück aufgelegt. Die einzelnen Ausgaben unterscheiden sich im Muster der mit Tinte auf die Frauenhände gemalten Kalligrafie und offenbar auch im auf Farsi eingeschriebenen Spruch. Auf der Version hier steht: "Reich mir eine Hand, dass ich gehalten bin."

Faith bildet mit einer Motivvariante namens Bonding ein Fotopaar. Auf der anderen Aufnahme liegen die Hände fester an- und ineinander, der Eindruck ist deutlich anders. Zu sehen sind beide Motive beispielsweise hier.

Die Verbindung

Gabriel sagt, es sei schwierig gewesen, zu dem Song etwas zu finden, was das Thema Aktivismus repräsentiert, aber nicht nur einfach auf "Slogan" macht. Das Kunstwerk sollte auch mit Wärme und Menschlichkeit in Verbindung stehen. Für ihn repräsentiere das jetzt gefundene Bild, für die Zukunft zu kämpfen und sie für Kinder zu schützen.

Es wurde auch die Frage an Gabriel herangetragen, ob sich der Song auf die aktuelle Situation im Iran bezieht.* Bei der Wahl der Künstlerin ist das nicht erstaunlich. Doch der Text wurde bereits viel früher geschrieben. Trotzdem funktioniert ein Übertrag und scheint passend zu sein. Gabriel findet, die Ereignisse im Iran zeigen eben genau den Zustand, in dem Humanität nicht verwirklicht ist.

* Im Frühjahr 2026 greifen Israel und die USA massiv und unangekündigt den Iran an. Das Regime dort gilt als diktatorisch und interessiert an der Entwicklung von Atomwaffen.


Veröffentlichung #6 vom 31.5.2026: A Hard Lesson

Der Track

Es geht in A Hard Lesson darum, seinen Platz im Leben zu finden. Ständig sucht man sein Terrain, muss erklären, wo man steht – erkennt es aber nur schwer. Man wird herausgerissen aus der Welt, die zusätzlich nie gleich bleibt. Es ist eine hart zu lernende Lektion ("it's a hard lesson to learn").

Im Verbund mit der Musik wird ein schwerer, brockiger Weg gezeichnet. Ein Bild von Mühen und Lebenskämpfen.

Der Künstler

Francis Alÿs wurde 1959 in Antwerpen, Belgien geboren, studierte Architektur zunächst in Tournai und anschließend bis 1986 in Venedig. 1987 kam er als Ingenieur nach Mexiko, um bei einem Hilfsprojekt der belgischen Regierung nach dem Erdbeben von Mexiko-City 1985 mitzuarbeiten. Er blieb ganz in Mexiko und begann, künstlerisch zu arbeiten.

Er mag es nicht, raumgreifenden Skulpturen oder Installationen zu erschaffen, sein Schwerpunkt sind Fotografien und Filme, auch Gemälde. Außerdem Performance-Arbeiten, die als Ausgangspunkt immer wieder "Paseos" (Spaziergänge) haben, auf denen er sich durch verschiedene Aktionen mit dem öffentlichen Raum, gesellschaftlichen Spannungen und Geopolitik auseinandersetzt.

Für seine erste Performance The Collector (1991) zog er einen kleinen magnetischen Spielzeughund auf Rädern durch Mexiko-City, der alle metallischen Rückstände einsammelte, die auf den Straßen lagen. Paradox of Praxis 1 (Sometimes Making Something Leads to Nothing) war ein scheinbar sinnloses Unterfangen, bei dem Alÿs einen großen Eisblock neun Stunden lang durch die Straßen schob, bis er vollkommen zerflossen war. In der 1997 begonnenen Fotoserie Sleepers hält er reglos in Mexiko-City liegende Menschen fest, bei denen nicht klar ist, ob es sich um Tote oder Schlafende handelt.

Seit Jahrzehnten dokumentiert er zudem Kinderspiele aus unterschiedlichsten Regionen der Welt. Ganz einfache, wie Seilspringen oder Schneeballschlachten, andere mit Regeln, die sich erst allmählich erschließen. Alÿs dokumentiert sie in Filmen, Fotos und Gemälden, zeigt die Begeisterung der Kinder und ihre Konzentration, erzählt nebenbei aber auch von Machtgefügen und Lebensrealitäten, von Möglichkeiten und Ungleichheiten.

Eine Ausstellung dazu gab es erst 2025 im Museum Ludwig, Köln.

Weitere Projekte und Werke sind auf der Webseite von Francis Alÿs zu finden.

Artwork A Hard Lesson

Das Kunstwerk

Zu sehen sind Standbilder aus einem Film. Vier sind untereinander angeordnet, darüber und darunter angeschnitten jeweils noch ein weiteres. Sie zeigen unterschiedliche Stadien aus dem Kurzfilm Cuentos Patrióticos (Patriotische Geschichten).

Darin festgehalten ist eine Performance auf dem Zócalo, dem Hauptplatz von Mexiko-City. Ein Mann läuft im Kreis um den zentralen Fahnenmast, hinter sich her zieht er ein Schaf. Dem gesellt sich bald ein zweites hinzu, das mit läuft. Dann ein drittes und immer mehr. Stur trotten sie alle hintereinander her, immer im Kreis. Irgendwann führt der Mann die Formation gar nicht mehr an, sondern läuft seinerseits hinterher. Doch selbst dann bleiben alle Schafe noch in ihrer Bahn. Schließlich verlassen sie nach und nach die Runde wieder, bis nur noch eins übrig ist, das vor dem Mann her trippelt – bis letztlich auch diese beiden das Bild verlassen.

Der Film ist von 1997, knapp 26 Minuten lang und unter Mitarbeit des Künstlers Rafael Ortega entstanden.

Beim Ansehen drängt sich natürlich der Gedanke des dummen Schafs auf, das stumpf hinter allem herrennt, auch wenn es keinen Sinn ergibt. Und daraus kann dann eine Übertragung auf Menschen folgen. Stupide Mitläufer. Allerdings bezieht sich Alÿs noch mehr auf ein historisches Ereignis auf dem Zócalo. Der Platz wurde ursprünglich von den spanischen Konquistadoren als Symbol ihres Sieges über die Azteken angelegt und war wiederholt Schauplatz verschiedenster Machtdemonstrationen. 1968, auf dem Höhepunkt politischer Studentenunruhen, sollten auf Anordnung tausende von Beamten auf dem Platz für die Regierung demonstrieren. Sie widersetzen sich jedoch, indem sie sich zwar auf den Platz versammelten, der Regierungsbühne jedoch den Rücken zukehrten und wie Schafe blökten.

Der Film ist auf Youtube hier zu finden.

Die Verbindung

Gabriel sah eins der Standbilder aus dem Film und fand nicht nur, dass es einen Platz zeigt, sondern sah auch eine allgemeine Assoziation zu 'Ort' und 'Lebensgebiet'. Zusätzlich erinnern ihn der zentrale Pfahl und die langen Schatten an eine Sonnenuhr, weshalb auch 'Zeit' vorkomme. Themen seines Songs.

Er gibt zu, damit recht assoziativ und nicht unbedingt rational zu sein, aber für ihn ist es trotzdem passend.

Einen scharfen Kontrast, der aber vielleicht gerade wirkungsvoll ist, bildet die betäubende Ruhe des stumpfen Kreise Ziehens in Film und Standbildern, im Gegensatz zu der teils harten Atmosphäre der Musik.


Veröffentlichung #7 vom 30.6.2026: I Belong To The Sky

Der Track

Es geht um träumen und verwirklichen. Positives wird in I Belong To The Sky vermittelt. Die Welt, so Gabriel, ist formbarer als man denkt. Kräftige Vorstellungen erhöhen die Chance, dass die Dinge darin auch Wirklichkeit werden.

Zwei Zustände zeigen sich im Stück: In den Strophen wird ein entspanntes Zurücklehnen beschrieben, ein Laufenlassen der Gedanken. Im Refrain geht es dann in die Umsetzung der Ideen. Es wird in die Welt aufgebrochen, dass sich das Gedachte materialisieren kann.

Der Künstler

Berndnaut Smilde wurde 1978 in Groningen geboren. Seine künstlerische Ausbildung absolvierte er am Frank-Mohr-Institut der Hanze-Universität Groningen, einer Stätte für Studien und Forschung im Bereich Kunst und neue Medien. 2005 machte er dort seinen Master in Bildender Kunst. Er lebt und arbeitet heute in Amsterdam.

Smildes Werk umfasst Installationen, Skulpturen und Fotografie. Er beschäftigt sich mit den Themen Licht, Raum, Atmosphäre. Bekannte von ihm ist die Skulpturen-Reihe Conditioner – befremdliche Gewirre aus Industrieschläuchen und -rohren, die einen antiseptischen Duft verbreiten. Ein anderes Projekt begann er 2015. In Breaking Light werden durch maßgefertigte Prismen erzeugte Regenbogenfarben auf Gebäude geworfen und ihnen so vorübergehend ein Naturphänomen aufgelegt.

Schräg ist seine Idee, für die Kunstschau Welcome to the Neighbourhood 2009 Google Streetview zu foppen. Einwohner des irischen Ortes Askeaton wanderten in den 1840er Jahren aus und gründeten in den USA eine neue Stadt namens Askeaton. Dort gab es im neuen Jahrtausend bald Streetview, doch der Ursprungsort in Irland blieb noch ausgenommen. Smilde baute an den Straßenrand dort die Attrappe der Fassade einer Scheue aus dem amerikanischen Ort auf, die aufgenommen werden sollte, wenn der Streetview-Fotowagen eines Tages vorbeikommen sollte. Was 2012 auch schließlich passierte. In beiden Orten war dann dasselbe Gebäude zu sehen, was sie verband.

Diese und andere Projekte lassen sich auf der Webseite von Smilde finden.

Artwork I Belong To The Sky

Das Kunstwerk

Der Titel ist Nimbus de Toekomst 1 (Nimbus der Zukunft 1) und zeigt ein Wolkengebilde, das inmitten eines altertümlichen Gebäudes schwebt. Das Bild ist von 2019 und wurde in einer Serie von sechs Stück in der Größe 125 × 169 cm aufgelegt (Fotografie: Cassander Eeftinck Schattenkerk).

Es ist Teil einer Reihe ähnlicher Bilder namens Nimbus, die 2012 begonnen wurde und noch immer weiter wächst. Smilde erschafft die Wolken selbst, indem zunächst in stets große Räume ein feiner Vorhang aus Wasserdunst gesetzt wird, auf den eine Nebelmaschine zielt. Am Vorhang verbindet sich der Nebel mit den Wassertröpfchen, wird dadurch zu Boden gedrückt, was die spezielle Wolkenform entstehen lässt. Bildlich eingefangen werden sie dann durch professionelle Fotografen, mit denen Smilde zusammenarbeitet.

Ihn interessiert dabei das Temporäre. Letztendlich existiert die Wolke nur als Foto, das etwas dokumentiert, was längst verflüchtigt ist. Er sagt auch: "Ich betrachte sie als vergängliche Skulpturen aus beinahe nichts – den Rand der Materialität. Es wirkt, als könne man in sie eintauchen oder sie ergreifen, aber sie fallen einfach auseinander. Da ist eine Dualität, die ich wirklich mag, bei der man versucht, dieses ideale Ding zu erreichen, das im nächsten Moment einfach zerfällt."

Die Reihe Nimbus mit ihren surrealistischen Bildern ohne Menschen ist inzwischen enorm groß und sehr erfolgreich. Nicht nur auf vielen Ausstellungen – 2013 konnte Smilde mit derartigen Bildern auch die Sonderausgabe eines Modemagazins gestalten. Mitbeteiligt waren Karl Lagerfeld, Dolce & Gabbana und Donatella Versace.

Die Verbindung

Gabriel mag an der Nimbus-Serie, dass dort der Himmel nach innen gebracht wird. Er sieht eine Vermischung von innerer und äußerer Welt und den Übergang zwischen beiden. Darum gehe es auch in seinem Song. Ihm gefällt zudem, dass Smilde über seine Wolken sagt, sie haben mit Träumen zu tun.

Und schließlich: Von den vielen Bilder, die zu der Fotoreihe gehören, ist Nimbus de Toekomst 1 Gabriels Favorit.


Autor: Thomas Schrage