- Artikel
- Lesezeit ca. 3 Minuten
Song 11: Who Are We Talking To? (26. Oktober 2026)
Besonders am elften Song ist nicht nur, dass seine Musikthemen bereits bekannt sind – er wurde auch von Mike Elizondo gemixt.
Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe
Der Song Nummer Elf hat bereits eine kleine Geschichte hinter sich.
2015 hatte Gabriel zum Internet-Radiosender Radio Everyone die Erkennungsmusik beigesteuert, von der diverse Jingles abgeleitet wurden. Das Hauptthema kann man hier auf Soundcloud hören.
Radio Everyone war ein Projekt von Global Goals, einer Initiative der Vereinten Nationen. Es ging ums Engagement für Ziele wie nachhaltiger Umgang mit der Umwelt und die Beseitigung extremer Armut. Zahlreiche Prominente unterstützten die einzelnen Sendungen. Das Ganze war als Pop-up-Sender konzipiert und lief nur für kurze Zeit im Jahr 2015. Auf Mixcloud kann man aber noch alle Ausgaben nachhören.
Bemerkenswert war, dass die besagte Erkennungsmusik von Gabriel recht aufwändig produziert war und einmal mehr eine Zusammenarbeit mit dem Soweto Gospel Choir aus Südafrika beinhaltete. Später konnte man auf Fotos aus Gabriels Studio erkennen, dass zeitgleich auch an einer Songversion gearbeitet wurde. Sie war ein ernster Kandidat für i/o. Und schon für die Tour mit Sting 2016 war der Song offenbar geprobt, aber nie bei einer Show gespielt worden.
Jetzt also veröffentlicht Gabriel das Stück schließlich, und viele Ideen, die von den Jingles her bekannt waren, sind wiederzufinden. Und inhaltlich passt das Ziel des Radiosenders auch noch immer zum Inhalt des jetzigen Songs.
Er ist gedacht, so Gabriel, eine bestimmte Art von Aktivismus zu unterstützen. Er sagt, dass wir uns als Weltbürger verstehen müssen. Nur wenn alle gemeinsam an Lösungen arbeiten, kommt Veränderung für globale Probleme. Wir Menschen sind verwundbar – durch Dinge wie Klimawandel, künstliche Intelligenz oder Pandemien – und die einzige Möglichkeit, dem entgegenzutreten ist, nicht zu unterteilen in "die und wir". Da mag man ihn, so Gabriel über sich selbst, naiv oder kindisch halten.
Lyrics
Was beständig wiederholt wird, sind die beiden Sätze "Who are we talking to? (Mit wem sprechen wir / An wen richten wir uns?)" und "No one is worthless (Niemand ist wertlos)". Dazwischen werden Fragen gestellt: Wie es sich anfühlt, wenn einen keiner mag? Wo man stehen kann, wenn man nirgendwo hingehört? Wer die Regeln macht, wenn alle sich uneins sind?
Dann verändern sich die Fragen, unterstützen eine bestärkende Richtung: Wer kann das Steuer übernehmen, wenn alle Angst beiseite geschoben wird? Wer steht an der Tür, wenn sich die ganze Welt wendet? Wer hat die Macht?
Die Antwort darauf wird immer wieder eingeworfen: "Everyone (Alle)".
Für die Bedeutung, die in den Inhalt gelegt wird, und innerhalb des doch oft sehr wortreichen Albums, hat das Stück einen erstaunlich kompakten und eher strukturhaften Text.

Kunst
Juan Genovés war ein spanischer Maler und Grafiker, der 1930 geboren wurde und 2020 starb. Er gilt als wichtigster Vertreter der modernen spanischen Malerei.
Das gewählte Werk heißt Bloques (2011). Zu sehen ist eins von Genovés typischen Motiven: Eine Grundfläche, auf der sich viele kleine Punkte gruppieren, in denen man bei genauerem Hinschauen menschliche Gestalten in Draufsicht erkennen kann. In der Bildmitte befindet sich ein heller Bereich, den man als Lichtzone nehmen kann. Auf diese Zone bewegen sich die Gestalten zu.
Genovés stammt aus einer Familie, die der Arbeiterbewegung nahestand, und erlebte als Kind bereits die Gewalt des spanischen Bürgerkriegs. Später geriet er mit der Franco-Diktatur in Konflikt, was seine Kunst weiter beeinflusste. Seine Themen waren Angst, Verfolgung und Unterdrückung.
Wie schon bei Won't Stand Down war es schwierig für Gabriel und Team, ein passendes Bild zu finden. Es sollte politische Bewegung ausdrücken, aber kein bestimmtes Ziel repräsentieren. In Bloques sieht Gabriel aber sehr passend die Trennung von Menschen wiedergegeben und den Versuch zur Vereinigung.
Auf der Webseite von Genovés sind noch weitere, ausgesuchte Werke von ihm zu sehen.
Mehr zur Kunst für o\i und den Künstlern dahinter in unserem separaten Artikel.
Dark-Side Mix – 26. September 2026
Words and Music by Peter Gabriel
Produced by Peter Gabriel
Mixed by Mike Elizondo
Mix Assistant: Alex Wilders
Engineering by Richard Chappell, Faye Dolle, Katie May
Assistant engineering by Charles Hughes, Xav Sinden, Maisy Preece
Additional engineering by Erica Block, Alex Wilders, Abe Rounds at Phantom Studios, Andriu Yanovski at Match Point Studio, Richard Mitchell at SABC, Dom Shaw
Pre-production engineering by Richard Chappell
Brass Arrangement by Peter Gabriel
Choir MD /Arranger: Diniloxolo Ndlakuse
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London, Match Point Studio, New Orleans, LA, Phantom Studios, Gallatin, TN, SABC South Africa
Drums: Abe Rounds
Rhythm Programming: Mike Elizondo, Peter Gabriel
Percussion: Peter Gabriel, Abe Rounds
Bass: Tony Levin, Mike Elizondo
Synth Bass: Mike Elizondo, Peter Gabriel
Synths: Peter Gabriel, Don E, Mike Elizondo
Electric Guitar: Leo Nocentelli, David Rhodes, Katie May
Synths: Peter Gabriel, Don E, Mike Elizondo
Trumpet, Trombone: Josh Shpak
Saxophone: Evan Smith
Choir: Soweto Gospel Choir
Synth Brass, Vocals: Peter Gabriel
Länge 5:38
Als Download bei amazonMP3* erhältlich
Gabriel sagt, das Stück sei ein bisschen anders, als der Rest des Albums. Es haben zwar eine Botschaft, aber die müsse tanzbar serviert werden. Und er findet, dass es zumindest ihn selbst auch in Bewegung bringt.
Dass Einflüsse von Funk und Soul drinstecken, sagt er ebenfalls. Anleihen von Reggae kann man aber auch unterstellen.
Musik
Diesmal keine Einleitung, wie es sonst fast alle Stücke des Albums haben. Es wird direkt mit dem ersten "Who are we talking to?" gestartet und wir sind mitten drin. Mitten in einem vielschichtigen Rhythmusgeflecht, das entspannt dahinwippt, mit Trommeln klappert, mit einem behäbigen Bass brummt.
Zur Strophe wird in eine andere Grundharmonie gewechselt. Ein Rhythmusgeflecht bleibt, doch es ist sparsamer aufgeschichtet, klingt ernster, passend zum Inhalt. Zum eingeschobenen "No one is worthless" ändert sich der Charakter nochmal leicht. Eine abwärtsführende Gitarrenfigur im Hintergrund bringt kurzzeitig ein melancholisches Flair ein, verschwindet mit der nächsten Strophe aber wieder.
Die Rückkehr für den Refrain in die Anfangsharmonie hebt das ganze Stück dann wieder. Zuversichtlich und gelassen geht es weiter voran. Ein zweiter Strophenblock läuft durch, wesentlich aber bleibt das ermutigende "Everyone", dessen Wiederholungen sich in einen gelösten Schlussteil verdichten, der dann ausblendet.
Who Are We Talking to? ist nicht opulent instrumentiert, beinahe sparsam. Viel Fokus liegt auf dem Groove, anderes ist eher beiläufig eingestreut: Gitarre, Orgel, Chor. In der Schlussphase gibt es sogar ein plärrendes Saxophonsolo, dass zwar spürbar ist, aber nicht besonders hervorgehoben.
Alle Elemente kommen quasi getupft und unterstützen vor allem das Rhythmusgeflecht. Zumindest in diesem Mix hat das Stück so einen eher elektronischen Charakter. Man darf gespannt sein, ob das eine Besonderheit von Elizondos Fassung ist, oder ob das auch im Bright-Side Mix so sein wird.
Besetzung
Einiges an der Liste der Beteiligten ist diesmal bemerkenswert.
Am meisten sicherlich, dass dieser Dark-Side Mix nicht wie üblich von Tchad Blake, sondern von Mike Elizondo erstellt wurde. Offenbar war Blake zeitlich nicht verfügbar und Elizondo hatte ja bereits an einigen anderen Songs von o\i mitgearbeitet, nicht zuletzt A Hard Lesson mitproduziert. Für Gabriel ergab es sich da von selbst, ihn zu wählen.
Elizondo hat auch eine Bassspur eingespielt. Gabriel betont im Einführungsvideo, er habe das in vollem Respekt für Tony Levin getan, wollte aber noch etwas beitragen, was jetzt am Ende "fetter und leerer" klinge. Im Track sind trotzdem beide zu hören.
Dann erwähnt Gabriel, dass neben Rhodes auch Leo Nocentelli Gitarre spielt. Der Mann, der vor allem für seine Arbeit in der Funk-Band The Meters bekannt ist (siehe Plus Of US), war seinerzeit schon bei Digging In The Dirt und Steam dabei. Hier leistet er nach all den Jahren nochmal einen Beitrag, der dezent, aber wirkungsvoll ist.
Der Gospel Soweto Choir hat auch nochmal einen Auftritt, wenn der auch eher zurückhaltend bleibt (jedenfalls ist er deutlich weniger präsent, als noch bei den Radio-Jingles).
Und schließlich sind noch drei Musiker zu hören, die bereits auf dem Album (und teilweise auch darüber hinaus) in Erscheinung getreten sind: Zunächst Don E, der nochmal Synth-Parts beisteuert, dann Josh Shpak, dessen Trompete und Posaune allerdings abseits von den chorischen Bläserparts unauffällig bleiben, wohingegen Evan Smith in der Schlussphase noch ein Saxophon-Solo einbringen kann.
Bright-Side Mix – 9. November 2026
–
Autor: Thomas Schrage
Links
Einführungsvideo zu Who Are We Talking To?:
Song-Hintergrund auf petergabriel.com
Die Webseite von Juan Genovés.
Alle Sendungen von Radio Everyone auf Mixcloud
Das Hauptjingle von Radio Everyone auf Soundcloud
Diskutiert mit über den Song hier im Forum.
* Affiliate-Link: Durch den Kauf über diese Links (ohne Mehrkosten für euch) bekommen wir eine kleine Provision