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Song 10: Face The Wall (26. September 2026)

Im zehnten Song für o\i geht es um den Tod – und wie sich ihm gestellt wird. Doch das Stück kommt erstaunlich freundlich daher – und das hat Gründe.

Dark-Side Mix
Bright-Side Mix

Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe


Im zehnten Song erzählt Gabriel von nichts geringerem als vom Tod und dem Sterben. Wer dazu düstere Tragik erwartet, dürfte überrascht sein. Gabriel wird nicht sehr deutlich – weder im Einführungsvideo noch im Songtext – aber man darf davon ausgehen, dass es um die schwere Erkrankung seiner Frau Meabh geht.

Voller Verehrung und Bewunderung wird von großer Stärke im Durchhalten erzählt. Davon, in der Welt zu bleiben. Nach This Is Home wäre es von Gabriel dann das zweite, ungewöhnliche Liebenslied an seine Frau – mit noch größerer emotionaler Bedeutung.

Lyrics

Die ersten beiden Strophen beschreiben eine Szene bei Dämmerung. Es wird in die rote Sonne geschaut, Schritte im Kies sind zu hören, Sterne stanzen Löcher in die Nacht. Auf dem Kliff wird an den Rand gegangen, zu dem niemand will, und hinabgeschaut auf das, was gerade abläuft.

Der Refrain spricht ein Gegenüber an, das voller Stärke ist, auch wenn alles auseinanderfällt, standhaft bleibt, das sich immer in die Welt zurückbringt und sich "der Wand" stellt. Sehr hervorgehoben ist dann der Satz, dass gesehen wird, wie "du durchkommst (I see you coming through)".

Die zweite Strophe klingt ein bisschen gedrückter. Auch wenn es vielleicht die anderen sind, die finden, dass sich das Licht zur Ruhe gesetzt hat – das Wasser scheint über einem zusammenzubrechen und man klammert sich an jedes Wort.

Doch im Refrain wird dabei geblieben, dass da ein Herz nicht erschüttert werden kann – und dass gesehen wird, dass es durchkommt.

Kunst

Diesmal gibt es zum Song wieder das Foto einer Installation. Sie heißt The Nest und war 2022 am Museum Amos Rex in Helsinki zu sehen. Hunderte von ausgemusterten Stühlen und anderen Holzgegenständen bildeten so etwas wie Wogen, die sich an mehreren Stellen über die Kanten des Daches ergossen. Das ausgewählte Foto zeigt eine dieser Wogen an einer hohen Hauswand.

Der Künstler dahinter ist Tadashi Kawamata (Geboren 1953 in Mikasa, Hokkaidō), ein japanischer Bildhauer, der in Tokio und Paris lebt. Er begann 1979 mit Installationen, bei denen er als Material vorwiegend Holz verwendet, um daraus großformatige Strukturen im öffentlichen Raum zu schaffen. Kawamata treibt dabei gerne ein Spiel mit Architektur und Irritation, mit Bau und Abriss und hinterfragt auch mal soziale Wohnsituationen, wenn er Obdachlosenhütten errichtet.

Einiges davon kann man auf seiner Webseite sehen.

Gabriel fand The Nest genau richtig für den Song. Er sieht die große, massive Mauer, die für ihn ein bisschen wie der Tod ist. "Und dieses Durcheinander von Menschenstühlen fällt über die Mauer und quillt irgendwie über den Rand hinaus. Es ist eine Art 'David-und-Goliath'-Moment, dass diese Stühle es schaffen, hoch- und drüberzukommen. Lustig ist das, aber auch hoffnungsvoll und allen Widerständen entgegen."

Mehr zur Kunst für o\i und den Künstlern dahinter in unserem separaten Artikel.


Dark-Side Mix – 26. September 2026

Words and Music by Peter Gabriel
Produced by Peter Gabriel
Mix by Tchad Blake
Orchestral arrangement by John Metcalfe with Peter Gabriel
Engineering by Oli Jacobs, Katie May, Faye Dolle, Dom Shaw
Assistant engineering by Charles Hughes
Pre-production engineering by Richard Chappell
Mastered by Matt Colton at Metropolis Studios
Recorded at Real World Studios, Bath and The Beehive, London, British Grove, London

Drums: Manu Katché
Percussion: Peter Gabriel, Charles Hughes, Faye Dolle
Bass: Tony Levin
Electric Guitar: David Rhodes
Piano: Tom Cawley
Rhythm Programming, Synths, Vocals: Peter Gabriel

Brass and Strings: New Blood Orchestra
Flute: Eliza Marshall
Violin: Everton Nelson, Richard George, Natalia Bonner, Cathy Thompson, Debbie Widdup, Odile Ollagnon, Ian Humphries, Louisa Fuller, Martin Burgess, Clare Hayes, Charles Mutter, Marianne Haynes
Viola: Bruce White, Rachel Roberts, Fiona Bonds, Peter Lale
Cello: Ian Burdge, Caroline Dale, Tony Woollard, Chris Worsey, William Schofield, Chris Allan
Double bass: Chris Laurence, Lucy Shaw, Stacey Watton
French Horn: David Pyatt, Richard Bissill
Trumpet: Andrew Crowley
Tenor Trombone / Euphonium: Andy Wood
Tenor Trombone: Tracy Holloway
Bass Trombone: Richard Henry
Tuba: David Powell

Länge 4:47

Als Download bei amazonMP3* erhältlich

Der für o\i erstaunlich kurze Song kommt sehr kompakt daher, erlaubt sich keine Ausschweifungen und Extravaganzen. Und ist in seiner ganzen Anlage auch gewissermaßen hinterlistig.

Musik

Dumpfes Klopfen und elektronisches Shuffeln eröffnen den Song. Gelassen gesellt sich ein Klavier dazu. Auch die weitere Begleitung bleibt eher zurückhaltend, ist songdienlich, zeigt nichts borstiges. Sacht wiegend geht es voran, zunehmend bereichert durch warme Klangeinwürfe – wie auch durchs Orchester, das aber dezent zurücksteht.

Einfach wirkt auch der Refrain, der hauptsächlich vom Piano getragen wird. Doch er verläuft nicht so gradlinig, wie man denken könnte. Spätestens wenn in der zweiten Hälfte hohe Stimmen einsetzen (keine Frauen, alles Gabriel) bekommt er etwas Unwirkliches. Und Gabriels im Falsett vorgetragenes "I see you coming through" legt sich geradezu sphärisch drüber.

Der zweite Durchgang von Strophe und Refrain verläuft ähnlich, wird durch weitere Zusätze des Orchesters leicht gesteigert. Musikalisch bleibt aber alles ohne Abgründe oder treibende Forderung. Und größere Zwischenspiele, Solos oder ähnliches gibt es auch nicht – sehr kompakt wird bei der Erzählung geblieben.

Der Song kulminiert im finalen "I see you coming through" und klingt dann erstaunlich zügig aus.

Scheinbar ist Face The Wall eine einfache, nette Pianoballade. Freundlich kann man sie nennen, vielleicht auch verträumt, möglicherweise sogar seicht. Aber wenn man sich den Inhalt dazu auf der Zunge zergehen lässt, ist das ein irritierendes Musikstück, das sein bitteres Thema völlig konterkariert vorträgt. Ganz anders als etwa So Much auf i/o, bei dem Musik und Inhalt 1:1 übereinanderliegen.

Besetzung

Es spielt im Grunde ausschließlich die Stammband. Ergänzende Percussions und das Programming kommen von Gabriel plus den üblichen Leuten der Studiocrew.

Gabriel hebt noch den Beitrag von Tom Cawley am Piano hervor. Dass er froh ist, diesen versierten Musiker mit seinem Können bei dem Stück dabei zu haben. Es gibt ihm eine Feinheit, die Gabriel selbst wohl nicht zu leisten vermag.

Face The Wall ist zudem nochmal eins der wenigen o\i Stücke mit Orchesterbeteiligung. Besonders markant tritt es allerdings nicht hervor. Allgemein sind die Orchestereinsätze auf dem Album im Vergleich zu i/o ja sehr zurückhaltend. Während sie dort noch sehr zentral im musikalischen Geschehen standen, wirken sie diesmal eher dezent.

Aber die Einbeziehung von Orchester überhaupt zeugt davon, dass der Song schon 2022 in Arbeit war.


Bright-Side Mix – 10. Oktober 2026

Autor: Thomas Schrage


Links
Einführungsvideo zu Face The Wall:

Song-Hintergrund auf petergabriel.com

Die Webseite von Tadashi Kawamata.

Diskutiert mit über den Song hier im Forum.


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