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Steve Hackett & Steve Rothery – The Roaring Waves – Rezension
Im August 2026 wird nun das lange angekündigte gemeinsame Album von Steve Hackett und Steve Rothery veröffentlicht – The Roaring Waves.
Auf den Wogen des Schönklangs
Vorbemerkung
Ich hatte schon nicht mehr erwartet, dass das Album- Projekt von Steve Hackett und Steve Rothery jemals das Licht der Welt erblicken würde. Schon ein gutes Dutzend Jahre wurde darüber gemunkelt, spekuliert, dementiert usw. Die Neugier blieb, ob und wann die Gitarristen meiner Lieblingsbands etwas gemeinsam zustande bringen würden. Doch welche Freude, als die Ankündigung kam, ich nun die Musik hören kann und sogar die Ehre habe, das Werk kritisch zu betrachten.
Hintergrund
Hackett und Rothery kennen und schätzen sich seit Jahren. Der jüngere Rothery war ein bekennender Genesis-Fan und Bewunderer von Hacketts Beitrag zur Musik von Genesis.1 Berührungspunkte gab es bereits 1984 als Hacketts Drummer Ian Mosley nach zwei Alben, Highly Strung und Till We Have Faces, und drei Jahren als dessen Tourdrummer zu Marillion stieß. Deren damaliger Sänger Fish wirkte bei den Tony Banks Soloalbum Soundtracks und Still mit. Am 06.02.1986 schließlich spielte Steve mit Marillion im Hammersmith Odeon anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung die Zugabe I Know What I Like.
Natürlich ähnelt sich der Musikstil beider Bands, bzw. Gitarristen, so dass fast folgerichtig ein Kontakt zustande kam. Auf Hacketts Genesis Revisited II steuerte Rothery 2012 für The Lamia Gitarrenarbeit bei. Im Jahr 2018 wirkte er auf Hacketts Neuaufnahme des GTR-Klassikers When The Heart Rules The Mind mit. Desgleichen tat er bei dem Live-Album The Lamb Stand Up Live At The Royal Albert Hall auf Grundlage einer Show in der Royal Albert Hall 2024.
Schon vor ca. zwölf Jahren verabredete man sich, ein gemeinsames Album zu machen. Unterschiedliche Verpflichtungen und Projekte verhinderten den Fortgang immer wieder. Man setzte sich vor acht Jahren erstmalig zusammen und erjammte Soundschnipsel im Racket Club2 und in den eigenen Studios zu Hause. Beide waren erstaunt, wie gut man harmonierte. Rothery war diese Herangehensweise von Marillion gewohnt, Hackett musste sich da erst hineinarbeiten. Hilfreich dabei war seine Zusammenarbeit mit Djabe, während Rothery auf seine Erfahrung der Zusammenarbeit mit Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream, mit dem er das Album Bioscope aufnahm, zurückgreifen konnte.
Covergestaltung und Konzept
Simon Ward, bekannt für seine Arbeiten u. a. für Marillion, hat ein düsteres Cover in dunkelblauen Tönen gestaltet. Eine Szene einer vom sturmgepeitschten Meer umtosten Leuchtboje (oder ist es ein Fischerboot?) wird dargestellt. Sie verweist auf das Konzept des Albums, in Klängen die maritimen Landschaften, das Ambiente um und im Meer zu erfassen. Das Cover ist von einer fast brutalen, wildbewegten Einsamkeit, in der nur das Licht der Boje (des Boots?) Hoffnung gibt. Es symbolisiert für mich die zeitlose Allgewalt der Natur durch heranrollende Wellen, vor der wir Menschen nur sehr klein wirken. Doch diese Allgewalt birgt eine wunderbare Schönheit, eine Harmonie, einen Einklang den wir Menschen verloren zu haben scheinen.
Dieser Schönheit möchten die beiden Steves mit ihrem Werk huldigen. Neben ihnen spielen die Musiker Riccardo Romano (Keyboards und Bass) und Daniele Pomo (Drums). Riccardo Romano und Daniele Pomo sind beide feste Mitglieder der italienischen Progressive-Rock-Band Ranest Rane und spielen in der Steve Rothery Band. Riccardo wirkte neben den beiden Steves ebenso als Produzent und ist für das Mixing zuständig. Einige Songs (The Storm, The Roaring Waves, The Black Sea) hat er mitkomponiert.
Die Songs
The Storm (6:51)
Dieses Stück entstand aus einem Jam im Racket Club. Hackett eröffnet es mit einem schönen Riff, den Rothery mit einer schrägen Melodie und Geräuschen aufnimmt. Riccardo Romano intoniert mit seinen Keyboards und Daniele Pomo setzt immer lauter, donnernde Akzente mit marschierendem Schlagzeug, so dass sehr schön das Bild eines heranbrausenden Sturms entsteht. Am Ende kulminiert der Sturm in einem Crescendo ineinander verschachtelter Gitarren, die sensibel umeinander tanzen, jedoch auch brodelnde Metal- Anklänge setzen. Es erinnert an Hacketts Spätwerk. In der letzten Minute ist der Sturm vorbeigezogen, sanfte Gitarrenklänge wehen davon. Welch ein schönes, wildes, cinemascopisches Stück beglückt den Hörer oder die Hörerin!
Sandsend (4:45)
Der Titel bezeichnet ein Gebiet in der Nähe von Rotherys Geburtsort Whitby. Wir fahren durch einen magischen, mystischen Landstrich an der Küste entlang, schauen durch das Fenster eines Zuges auf sie und träumen vor uns hin. Ein getragenes, streichelndes Schlagzeug vor einem Keyboardteppich begleitet immer wieder aufseufzende Gitarrensoli, die sich umgarnen und uns mit ihren Pastelltönen verzaubern. Hinzu kommen sacht heranwehende Keyboardklänge, die einem Rick Wright oder Tangerine Dream entlehnt zu sein scheinen. In der letzten Minute verdichtet sich die Musik in einer sehnsuchtsvoll singenden Gitarre. Ein Kleinod instrumentaler Musik ist hier entstanden.
Red Dragon (4:18)
Einer Sage nach wird die Insel Großbritannien von einem ruhenden, roten Drachen getragen. Als Symbol von Kraft und Stärke prangt er auf der walisischen Flagge. Die Red Dragon war um 1595 auch ein Kriegsschiff der britischen Flotte, das u. a. für Aktionen gegen Spanisch Amerika genutzt wurde und schließlich für die East India Company die Meere befuhr. An ein Nebelhorn erinnernde synthetische Pipes erheben ihre Stimme. Das Schlagzeug ertönt mit schneller Taktzahl, schräge Gitarren erzeugen asiatische Sounds. Die Gitarren singen, jaulen typisch für die beiden Steves. Schnell, humorvoll, tanzend erinnert das Ganze an Stücke von Camel mit Sprengseln von Marillion, bzw. Hacketts Album Spectral Mornings.
The Roaring Waves (7:11)
Das Titelstück ist ein Meisterwerk instrumentaler Rockmusik. Akustische Gitarren eröffnen das Spiel der Wellen, die sich zunächst noch klein am Strand brechen. Sie entwickeln sich zu mächtigen Wasserbergen aus Gicht, Wirbeln, Strömung. Nach knapp 1.30 Minuten nehmen synthetische Strings die Unruhe auf, eine E-Gitarre soliert im stampfenden Rhythmus der Brecher, Schlagzeug und eine zweite Gitarre steigern das Spiel. Was für ein traumhaftes Solo! Ab Minute drei schwebt die Musik im steten Auf und Ab dahin. Jede Intonation einer Gitarre steht für eine neue Welle. Mit Klavier- und Gitarrenklängen endet die Musik. Immer wieder, seit Äonen, ist das Geräusch der Wellen auf der Erde zu hören. Laut werdend, leise sich zurücknehmend mäandern die Klänge, Melodien umeinander, ineinander, verweben sich, spielen mit der Natur. Ein Urklang der Erde, den diesen Stück in wunderschöne instrumentale Musik verwandelt. Das Highlight des Albums.
K-129 (7:53)
Den Hintergrund für das Lied bildet die Story um die Havarie des russischen U-Boots K-129, die in den späten 60er Jahren, mitten im Kalten Krieg fast einen dritten Weltkrieg verursacht hätte. Die Musik möchte das U-Boot auf seiner letzten Reise durch den Ozean, bevor es der Havarie zum Opfer fallend langsam zum Meeresboden sinkt, begleiten. Klaustrophobische Augenblicke werden durch einen Sequenzersound, gepaart mit Echolotgeräuschen, die sich bis zur Minute 5 durch das Stück ziehen, erzeugt. Gitarren, Keyboards und gelegentlich ertönendes Schlagzeug bilden melodisch und rhythmisch den Hintergrund vor wunderschönen Gitarrensoli. Das Stück erinnert an die späten Pink Floyd. Es endet in einem typischen Wall Of Sound, den Marillion oft besonders gut hinbekommen haben.
The Black Sea (6:41)
Wir tauchen hinab in die düstere See, schweben entlang versunkener Schiffwracks, erschrecken uns vor den Skeletten der ertrunkenen Seeleute, tummeln uns mit den Lebewesen des Meeres, sehen beim Hinaufschauen zur Wasseroberfläche nur kurz aufleuchtende Lichtsprengsel. Wie geheimnisvoll ist die Tiefe, wie leicht schweben wir hinab. Das Abenteuer wird von einer Marimba eingeläutet, Gitarrenarpeggien gepaart mit Soli, sanftem Schlagzeug und Keyboardtupfer bilden die Grundlage für eine herrliche, gefühlvolle Melodie, die uns ab Minute 1.30 in die Tiefsee hinabzieht. So ist eine Musik wie ein impressionistisches Seegemälde eines William Turner entstanden.
Pacific Coast Highway (7:33)
Die eher getragene, bedeutungsschwere Stimmung des Albums wird von einem fröhlichen bluesigen Stück, das die Mundharmonika als zentrales Instrument nutzt, beendet. Hackett intoniert eine fröhliche Mundharmonikaweise, die von kurzen Gitarrenakkorden begleitet wird. Interessant ist, dass Rothery hier auch den Bass spielt und die Frauen der beiden und Kinder des Letzteren Hintergrundgesang beisteuern. Ein Roadsong, der schön einen Trip auf dem Highway entlang der Pazifikküste beschreibt. Ein swingendes Lebewohlsagen und eine augenzwinkernde Einladung auf ein neuerliches (musikalisches) Wiedersehen, vielleicht in einem Seefahrerpub?
Zusammenfassung
Auf den Wogen des Schönklangs tanzen die Stücke von Hackett und Rothery. Impressionistischen Gemälden gleich, erzeugen sie Bilder maritimer Landschaften voller Zauber. Sie beschreiben atemberaubend das uns so vertraute, doch immer noch unbekannte Meer. Ein Meisterwerk zweier stilbildender Gitarristen, die nicht um brillantes Können buhlen, sondern ihre Kunst verweben, sich ergänzen und wie tanzende Wellen ineinanderfließend miteinander spielen. Es erwartet uns kein effekthaschendes Gitarrengefrickel, nein, ein verträumtes, harmonisches Zeugnis klangmalerischer Musik. Eine gelungene liebevolle Hommage an das Leben, an die Natur, die einem Ritt auf den Wellen des Ozeans gleich uns in unser Inneres führt. Es entsteht ein nahezu therapeutisches Verschmelzen von Innen und Außen.
Intensives (Zu-) Hören vorausgesetzt, kann dieses Werk große Freude bereiten. Eine Empfehlung nicht nur für Steve Hackett- und Marillion-Fans.
Autor: Thomas Jesse
The Roaring Waves erscheint am 28. August und ist digital, als CD, CD/Blu-ray und auf Vinyl erhältlich, Es kann in Deutschland bei JPC* und Amazon* bestellt werden.
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Anmerkungen
1) Siehe: Promo Liner Notes zum Album
2) Marillions Studio in Aylesbury, Buckinghamshire, England.




