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Peter Gabriel – o\i – Die Kunst

Peter Gabriel stellt jedem Track des Albums auch wieder ein Kunstwerk zur Seite. Wir betrachten sie und die jeweiligen Künstler dahinter etwas genauer.

Wieder lässt Peter Gabriel zum Erscheinen des neuen Albums jeden Track von einem Kunstwerk begleiten. Das folgt dem gleichen Prinzip wie schon bei i/o. Erneut wurden passende Künstler und Kunstwerke weltweit zusammengesucht – nicht immer werden die Werke dabei speziell für den Song erstellt sein.

Gabriel fühlt große Verbundenheit zu bildender Kunst – egal ob Gemälde, plastische Arbeiten oder auch Fotografien – und liebt es, wenn es einen Austausch, einen Dialog zwischen seiner Musik und anderen Ausdrucksformen gibt. Das Interdisziplinäre bewegt ihn ja schon lange und im Falle von Album-Artwork hat er auch gerne mal auf Material aus dem Bereich der Wissenschaft zurückgegriffen.

Die 12 Kunstwerke zu o\i, die Künstler und einige Hintergründe stellen wir hier vor.

1 – Janaina Mello Landini: "Ciclotrama 156 (palindrome)" für Been Undone
2 – Tomás Saraceno "Cosmic Spider/Web" für Put The Bucket Down

Intro und Übersicht zur o\i Artikelreihe


Veröffentlichung #1 vom 3.1.2026: Been Undone

Der Track

Been Undone ist ein eher ruhiges Stück, das eine recht verbitterte, lange Liste aufzählt, was im Leben alles fertig gemacht oder zu Grunde gerichtet hat. Gabriel sagt jedoch auch, dass er diese Negativitäten eigentlich positiv sieht. Denn aus schweren und schmerzhaften Lebensmomenten lernt man auch – oft am meisten.

Und so endet der Song mit einem zuversichtlichen „Just listen and feel". Und am Schluss sogar „And I feel it in you, you feel it in me". Darum geht es also – dass man doch etwas fühlen kann – im anderen, in sich selbst.

Die Künstlerin

Janaina Mello Landini (geboren 1975 in Brasilien) studierte zunächst Architektur, dann Bildende Kunst; in ihr Schaffen fließen auch Erkenntnisse aus Physik und Mathematik ein.

Zehn Jahre lang arbeitete sie zunächst als Architektin, entwarf dann zwischen 2003 und 2006 Bühnenbilder und Kostüme für Theaterproduktionen und Filme. 2013 zog sie nach São Paulo, um sich ausschließlich ihrer Kunst zu widmen. Dort lebt und arbeitet sie noch heute.

Im Jahr 2010 begann Landini mit Experimenten im Raum, setzte Fäden, Nägel und Knoten, Verdrehung und Spannung ein. Inzwischen arbeitet sie fast ausschließlich mit Schnüren und Seilen, die sie zu Wandbehängen und zu raumgreifenden Gespinsten webt und knotet. In vielen erkennt man Wurzeln, Zweige, Bäume. Auch erinnern sie an Flechtenwachstum oder die Strukturen der Blutgefäße.

Grundsätzlich werden bei ihren Objekten dicke Taue aufgesplisst in die einzelnen Teilstränge, diese wieder in ihre Unterschnüre, was so weiter geht bis zu den grundliegenden Einzelfasern. Diese sich immer weiter verzweigenden Strukturen ordnet Landini zu Mustern mit unterschiedlichsten Umrissen. Und je nach dem kann man den Weg auch umgekehrt sehen als dünnste Fasern, die sich miteinander verbinden, immer weiter, bis zu dicken Strängen.

Ihr Werk zeichnet sich dabei durch versierte Technik aus, wobei die Fertigstellung oft Monate oder sogar Jahre dauert. Sie greift häufig die Fibonacci-Folge und andere in der Natur vorkommende Muster auf und stellt die starre Logik künstlicher Strukturen der Weisheit organischer Formen gegenüber. Erforschen möchte sie Themen wie Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit, Zeit und Vielfalt.

Landinis Objekte wurden in Brasilien, Frankreich, den Niederlanden, den Vereinigten Staaten oder den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgestellt. Zu sehen waren ihre Arbeiten etwa 2016 im Palais de Tokyo in Paris, 2019 im Schloss Chaumont-sur-Loire und auf der 13. Mercosul Biennale 2022.

Einen umfassenden Einblick in ihr Schaffen gibt ihre Webseite.

Das Kunstwerk

Das erste Kunstwerk zum Album heißt Ciclotrama 156 (palindrome), misst 138cm x 138cm, entstand 2019 und besteht aus handgefertigtem grünen Baumwollseil auf Leinen.

Es breiten sich auf zwei getrennten Untergrundbahnen jeweils halbkreisförmig stark verästelte Strukturen aus. Beide reichen zueinander hinüber und am verbindenden Mittelpunkt befindet sich ein Knoten. Er ist gewissermaßen das Zentrum von allem.

Die Bezeichnung Ciclotrama kombiniert das Wort „Zyklus" mit dem lateinischen Wort „trama" (was „Kette" oder „Weben" bedeutet). Die Zusatzbezeichnung "Palindrome" bezieht sich auf die gespiegelte Anordnung, durch die das Werk gewissermaßen vorwärts und rückwärts "gelesen" werden kann.

Im Moment ist für Been Undone dieses bestehende Objekt von Landini ausgewählt – aber Gabriel verkündet erfreut, dass noch ein eigens zum Track gefertigtes Werk folgen soll.

Die Verbindung

Gabriel findet im Dargestellten etliche Anknüpfungen (!) zu seinem Song: Das Thema Verknotung und Ver- oder Entwirrung, den Faden, der uns entweder zusammenhält oder auseinanderreißt, vielleicht auch den Lebensfaden ganz allgemein. Er erkennt auch so etwas wie Hirnhälften, was zu seinem aktuellen Thema des Gehirnprojekts passt, zu dem er den Song Been Undone zuzählt.

Vermutlich dürfte ihm auch die spannende Verbindung zwischen technischer Präzision (er sieht hier auch Fraktale) und natürlich-organischen Strukturen gefallen.

Funfact am Rande: Gabriel hat den Namen des kommenden Albums ja auch "Oi" ausgesprochen – was im Brasilianischen eine Begrüßung wie etwa "Hi" oder "Tach" ist.


Veröffentlichung #1 vom 1.2.2026: Put The Bucket Down

Der Track

Gabriel sagt, der Titelgebende Eimer in Put The Bucket Down ist voll von dem Mist, den man immer im Kopf hat. Um seinen Weg nach vorne zu machen, muss man diesen Eimer abstellen.

Gabriel sagt auch, er ist fasziniert von der Idee, das es möglich werden könnte, menschliche Gedanken lesen und einschreiben zu können. Er sieht aber auch die Gefahren, dadurch Privatsphäre zu rauben oder gefährliche Ideen zu verpflanzen. Und dass der gesamte Vorgang enorme Verwirrung auslösen dürfte. Von dieser Verwirrung handelt das Stück. Die erzählende Person ist verunsichert, weil sie nicht weiß, was genau sie erlebt. Ob ihre Gedanken zu ihr oder zu jemand anderem gehören.

Der Künstler

Erneut kommt der Urheber eines o\i Kunstwerks aus Südamerika. Tomás Saraceno ist in Argentinien geboren, Jahrgang 1973, studierte Kunst und Architektur in Buenos Aires und Frankfurt. In Italien war er Teilnehmer eines Kurses, den unter anderem Olafur Eliasson gab (der wiederum ein Kunstwerk für i/o beisteuerte). 2009 nahm er zudem am International Space Studies Program der NASA teil.

Saracenos Themen sind grundlegende Naturstrukturen und ihr Stand in der technologisierten Welt. Mit einer natur-laborhaften Ästhetik ist er dabei der Arbeit von Olafur Eliasson recht nahe. Er beschäftigte sich schon mit emissionsfreiem Fliegen, baute aus Heliumballons schwebende Gewächshäuser, verlegte Seile durch Räume, die bei Berührung ambientartiges Vibrationsecho erzeugten, baute Landschaftsobjekte mit technologisch-ästhetischem Äußeren, die in der Natur stehen und mit ihr interagieren, indem sie etwa als Habitat für Vögel und Insekten fungieren.

Und immer wieder beschäftigt er sich mit Spinnen. Eine eigene Webseite zeugt davon, über die es etwa eine eigene Handyapp zur Interaktion mit den Vibrationssinnen von Spinnen gibt. Immer wieder kreierte Saraceno mit Hilfe dieser Tiere Objekte, die kosmischen Strukturen nachspüren – oder lässt in einem Ausstellungsgebäude Spinnenpopulationen akribisch erfassen (und Spinnenweben während der Ausstellungszeit auch nicht entfernen).

Gabriel sagt, zum ersten Mal begegnet sei er Saraceno durch das Projekt Aerocene, eine interdisziplinäre Künstlergemeinschaft, die neue Formen ökologischer Sensibilität aufzuzeigen versucht, Bewusstsein für die Atmosphäre und Umwelt schaffen will.

Saraceno lebt seit 2001 in Berlin.

Einen umfassenden Einblick in sein Schaffen gibt seine Webseite.

Das Kunstwerk

Das von Saraceno bereitgestellte Werk heißt Cosmic Spider/Web und ist eigentlich nicht das Kunstwerk selbst, sondern ein Foto davon. Abgebildet ist die Teilansicht einer Installation, die Saraceno mit Hilfe von Spinnen erschaffen hat, die entlang von Metallelementen Netze durch einen ganzen Raum gewebt hatten.

Diese Installation hieß Weaving The Cosmos und war zu sehen 2019 im Planetarium von Mailand. Die Spinnennetze schwebten unter der Kuppel des Planetariums und wirkten wie Galaxiensysteme. Dank eines Soundsystems konnten die Besucher zudem die Vibrationen der Spinnen im Netz wahrnehmen. Saraceno war inspiriert von den Ähnlichkeiten, die Wissenschaftler zwischen der fadenartigen Struktur des kosmischen Netzwerks und dem Geflecht von komplexen Spinnengespinsten festgestellt haben. Details und auch einige Fotos zu der Installation sind hier zu finden.

Wen es interessiert: Beteiligt am Netzweben waren fünf Exemplare der Gattung Cyrtophora citricola, eine einzelne Nephila senegalensis und sechs Holocnemus pluchei.

Die Verbindung

Saraceno hat Gabriels Stück gehört und daraufhin dieses Bild passend gefunden und ausgewählt. Gabriel wiederum findet die Formen der Spinnennetze faszinierend und wunderschön. Er sieht eine Verbindung zwischen ihnen und anderen Formen in der Natur, zudem zu Wahrnehmungen, zu denen das Hirn fähig ist. Deshalb passt das Bild auch für ihn.

Repräsentiert ist hier also vielleicht weniger der Inhalt des Songs um die Verwirrung aus der Gedankenübertragung, mehr die Idee der Hirnvernetzung im Ganzen. Ihre kosmische Größe, ihre Faszination, ihr Licht und Schatten.

Bemerkenswert in dem ganzen Zusammenhang ist vielleicht noch, dass es ja eine Spinnenart gibt, die nach Peter Gabriel benannt ist: Umidia gabrieli, eine im Jahr 2021 beschriebene Art der Falltürspinnen aus Niederkalifornien. Im Tourbuch zur i/o Tour wird angemerkt, es gäbe einige Gemeinsamkeiten dieser Spinnenart mit Gabriel: Beispielsweise habe sie wenig Haare – zumindest an den Beinen…


Autor: Thomas Schrage