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Nick Fletcher – An Unfolding Of Miracles – Rezension

Mit "An Unfolding Of Miracles" legt Nick Fletcher bereits sein sechses Album im sechsten Jahr vor. Thomas Jesse berichtet.

Vorbemerkung

Nun hat Nick Fletcher zum sechsten mal zugeschlagen und ein neues Jazz-Fusion-Prog-Rock-Album produziert. Der Rezensent kann sich nur sehr schwer der Faszination des Gesamtwerks dieses Ausnahmekünstlers entziehen. Also, liebe Leserinnen und Leser, Vorsicht ist geboten, dass der Rezensent dieser Faszination nicht völlig erliegt, der Musik total verfällt und die subjektive Objektivierung außer Acht lässt. Hören wir zu und entfalten die Wunder.

Hintergrund, Albumtitel und Cover

Mit An Unfolding Of Miracles knüpft Nick Fletcher an sein Vorgängeralbum The Mask Of Sanity an. Wieder beschäftigt er sich mit den Thesen, der Psychologie des Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung. In neun Songs wird das Konzept einer Reise ins Innere, ins Unbewusste bis zur Erfüllung in der Harmonie mit sich selbst erzählt. Ganz in der Jung'schen Psychoanalyse verhaftet führt sie über Konflikte, Zweifel zur Erkenntnis und persönlichen Entwicklung. Fletcher reiht sich damit in Künstler wie Peter Gabriel, Genesis und Peter Hammill ect. ein.

Nick Fletcher And Unfolding Of Miracles

Die Songs bilden eine Einheit, bauen aufeinander auf, so dass thematische, bzw. musikalische Wiederholungen (sogar zum Vorgänger) gewollt sind. Die Reise, die wie ein cineastisches Werk anmutet, beginnt mit einem Rückgriff in eine dreißig Jahre zurückliegende Vergangenheit, ehe die darauf beruhende aktuelle Entwicklung beleuchtet wird.

Das Albumcover symbolisiert die Reise. Wir betrachten eine in Dunkelheit liegende S-Kurve einer Straße, über die ein doppeltes rotes Band schwebt. Die Rücklichter eines in hoher Geschwindigkeit dahin rasenden Autos? Ein Traumbild, in dem wir unser Leben wie in Zeitraffer dahinfliegen sehen? Wo ist der Halt? Wo die innere Einkehr? Ein Gedicht von Samantha Turner, Rebirth, ziert wie schon gewohnt die Linernotes des Booklets.

Die Mitwirkenden des Albums sind neben Nick (Gitarren, Gitarrensynthesizer*, Bass auf Track 5):
Co-Produzentin und Mixerin Caroline Bonnett: Keyboards (Track 5 & 8) plus Loops
Roberto Porta: Drums
Jonathan Ihlenfeld Cuniado: 5 String Bass, fretless Bass
Olga „Dikajee" Karpova: Vocals (Tracks 4,5 & 9).
Neu hinzugekommen ist Tomasz Bura an den Keyboards (Tracks 2 &3).

Songs

Der Rezensent gibt zu Beginn der Interpretation jedes Songs kurze Einblicke in die Termini der Jung'sche Psychologie auf die der jeweilige Songtitel anspielt.

Song Of Acceptance (Thirty Years Earlier) [2:01]

Die Erinnerung an diesen Zustand bzw. das Sein vor dreißig Jahre stellt eine Art Präludium dar. Nicks Solo-Gitarre spielt eine träumerische, melancholische Weise, die von weit entfernten Soundcollagen untermalt wird. Wir werden an Alan Holdsworth erinnert. Auch Steve Hackett könnte Pate gestanden haben.

To Be Seen, To Be Heard [6:46]

Ein Schlagzeugwirbel holt uns in die Gegenwart zurück. Musikalisch wird die Vergangenheit zitiert. Lyle Mays und Pat Metheny würden sich über diesen Song freuen. Fanfarenhafte Klänge begleiten eine solierende Gitarre. Ein Gitarrenssynthesizer und toll von Tomasz Bura gespielte Keyboards erzeugen eine aufregende Stimmung. Nicks wunderbare Gitarre schwebt über allem und treibt das Stück ganz entspannt vor sich hin. So schwebt die Musik sophisticated zwischen fröhlicher Verspieltheit und anspruchsvollem Jazz-Fusion-Rock. Das Finale endet abrupt …

Light Of Becoming [7:43]

… wird aber hier wieder aufgenommen. Der fröhlich verspielte Jazz-Fusion-Rock gleitet in ein brilliantes Fretless-Bass-Solo von Jonathan Ihlenfeld Cuniado über. Hier steht Percy Jones Pate. Es verwundert nicht, dass die Musik an lockere Stücke von Brand X erinnert. Die Erkenntnis, das unser Licht und Schatten als Ganzheit gesehen werden, kommt nicht mit einem Paukenschlag, sondern ist langsames, harmonisches Ertasten. Der Song spiegelt es mit seinem sanften Auf und Ab. Er klingt wie eine wunderbare Symbiose zwischen Pat Metheny und Brand X und ist ein Highlight des Albums.

An Unfolding Of Miracles [6:01]

Der Titelsong beginnt langsam, Träume webend, warm und entspannt wie das Setting einer psychotherapeutischen Sitzung. Ein herrlicher Bass, gestreicheltes Schlagzeug mit sanftem Beckenspiel und ein Gitarrensynthesizer umschmeicheln den elfenhaften, säuselnden Gesang von Olga Karpova, der bei ca. Minute 2 einsetzt. Eine Minute später spielen Bass und Gesang ein Duett. Immer wieder droht der Sound davon zu schweben, aber das Schlagzeug holt ihn zurück. Wie magisch werden wir in diese Wunderwelt hineingezogen, als ob unser Unbewusstes das rationale Denken ablöst. Tauchen wir hinab in unsere Kindheit, als Wunder alltäglich waren, Märchen real und jede neue Entdeckung eine Sensation. Das Titelstück ist ein Paradebeispiel für Nick´s Musikstil. Einfach herausragend.

Unravelling Of Illusions [6:56]

Die Illusionen werden musikalisch weggeblasen. Der Schmerz der Erkenntnis wird durch schräge an Robert Fripp erinnernde Gitarren erzeugt. Es entsteht ein stakkatoartiges Chaos a la Van der Graaf Generator. Jazz meets Metal meets Prog. Ein rasendes Schlagzeug bildet den Grundstock für quirlende instrumentale Arabesken. Ja, es wird ein bisschen orientalisch bis bei Minute 2:30 ein Gitarrensolo etwas Ruhe hineinträgt, die jedoch trügerisch ist. Das Schweben der Gitarre hält nur eine Minute an. Dann geht es mit Olga Karpovas Gesangsausbrüchen, die in der Kakophonie des Lauten fast untergehen, zurück zum Thema des Beginns.

Der mehr im Hintergrund gehaltene Bass wird von Nick selbst gespielt. Mit einem Knall endet das Auseinandernehmen der Illusionen. Wir Hörer*innen finden uns in der realen Welt wieder. Der Schleier der Illusionen ist davon geweht. Die Ausbrüche des gequälten Unterbewusstseins haben ein vorläufiges Ende gefunden.

Only Now in Dreams Pt 1 [2:49]

Unser Gehör wird nun durch ein wunderschönes, transzendentales, verträumtes Solospiel auf einer akustischen Gitarre, die auf einem schwebenden Teppich von frippertronicartigen Soundscapes liegt, entspannt. Im Hintergrund sind Percussiontupfer wahrzunehmen. Ein Stück wie ein sanftes befreiendes Aufwachen nach einem Albtraum.

The Path Of Fire [5:48]

Dahingleitende, fließende Sounds von einer schluchzenden Gitarre dominiert, die vom Gitarrensynthesizer unterstützt wird, erzeugen das Bild des Weges zu sich selbst. Ab Minute 3:25 ertönen Arpeggien, die ein wunderschönes floydiges Solo einer jubilierenden Gitarre umgarnen. Hier klingt Nick stark nach dem späten Steve Hackett. Der Weg des Feuers scheint gegangen. Der Schritt zum Selbst ist vollzogen.

The Abscission Zone [4:48]

Diese Trennung wird uns von Schlagzeug in Verbund mit fetzigen Gitarrenriffs, Melodien, die an Weather Report, Brufords Earthworks und Holdsworth erinnen, und Caroline Bonetts Keyboards erzählt. Nach eineinhalb Minuten ist wieder der Gitarrensynthesizer zu hören, bis es zurück zum Beginn des Songs geht. Ein Schlagzeugwirbel beendet das schöne Jazzrock-Stück.

Only Now in Dreams Pt 2 [3:50]

Zusammenfassung

Nick Fletcher
Foto: Liv Roberts

Nick Fletcher versucht musikalisch den Weg seines Protagonisten zur Selbsterkenntnis und innerer Reife im Sinne von C. G. Jung zu begleiten. Er geht damit noch einen Schritt weiter als bei seinem Vorgängeralbum. Er möchte die Theorien Jungs in die Praxis umgesetzt sehen. Das Konzeptalbum stellt die Umsetzung des Verlaufs einer Psychotherapie dar. Der Weg der Individuation dauert über drei Jahrzehnte. Die Höhen und Tiefen dabei werden kongenial durch die Musik fast cineastisch dargestellt. Fletcher erzeugt instrumentale Klangwelten, die unser Unbewusstes nach außen kehren. Er verschmilzt mit seiner Gitarre, nutzt sie als Stimme, die von Flüstern bis Schreien alle Ausdrucksformen des Menschen beherrscht.

Nick Fletcher ist mit An Unfolding Of Miracles ein für seine Verhältnisse eher ruhiges, sehr melodisches Kleinod gelungen. Die Stücke werden hauptsächlich durch das Spiel mit dem Gitarrensynthesizer geprägt. Er begibt sich damit auf den Weg eines Pat Metheny oder Bill Frisell, ohne sie zu kopieren. Nur drei Stücke ufern in seinem gewohnt verwobenen herrlichen Jazz-Prog-Metall-Rock aus. Die anderen erinnern an fast ambientartige Soundlandschaften von unglaublich gefühlvoller Intensität.
Nick Fletcher zeigt sich diesmal nicht nur als Virtuose des Gitarrenspiels, nein er beherrscht auch den Gitarrensynthesizer, dem er wunderliche Töne entlockt.

Sein gesamtes Werk durchzieht die Frage wie wir zu uns selbst finden und damit nicht nur Frieden mit uns, sondern der ganzen Welt erlangen. Er führt uns dabei rund um den Globus, in vergangene Zeiten, in verschiedenste Religionen und Philosophien und nun in die Psychotherapie. Er zeigt sich dabei als ein intelligenter, humorvoller Humanist. Seine universelle Sprache dabei ist die Musik, die seine Suche beleuchtet und mögliche Lösungen ohne Bevormundung benennt.

Somit ist An Unfolding Of Miracles wieder ein Konzeptwerk aus Bildern, Poesie, Philosophie, Psychologie und Musik. Es unterstützen ihn dabei mit einer Ergänzung die Musiker, die schon beim letzten Album mitgewirkt haben.

Wer Alan Holdsworth, Bill Frisell, Pat Metheny, Steve Hackett oder David Gilmour mag, verbunden mit seinem einzigartigen Stil als Komponist, Arrangeur und Produzent, sollte ihm ein Ohr gönnen. Sein neues Album bietet einen guten Einstieg.

Autor: Thomas Jesse

Anmerkungen

* siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Gitarrensynthesizer
Nick spielt einen Boss Synth, der die gleichen Softwaresounds wie der legendäre Roland GR
300, den Pat Metheny nutzte, aufweist.

Ab 12.10.2026 ist das Album erhältlich auf der Website des Künstlers (dort auch in digitaler Version) und ab 16.10. bei JustForKicks.