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John Hackett – Of Mountains And Fields – Rezension

John Hackett legt im Oktober 2026 mit "Of Mountains And Fields" ein orchestrales Album vor. Andreas Lauer ordnet es ein.

Krieg und Frieden

Die meisten unserer Helden, der musikschaffenden Genesis-Mitglieder, haben über die Jahre schon einmal wenigstens ein Album herausgebracht, das man orchestral nennen könnte. Den Anfang machte 1988 Anthony Phillips, als er und Harry Williamson ihre dreisätzige Komposition über das Leben des literarisch verewigten Otters Tarka gekonnt eigenhändig orchestrierten und mit einem symphonischen Orchester einspielten – bis heute sicherlich das originellste und gelungenste Projekt in dieser Sparte in der Genesis-Familie. Als nächstes wandelte Phil Collins auf den Pfaden von Buddy Rich und ließ eigene und Genesis-Songs von namhaften Arrangeuren für Big Band, also die in der Ära des Swing etablierte Form des Blasorchesters arrangieren, woraus später das Live-Album A Hot Night In Paris hervorging.

Steve Hacketts erstem Konzert für symphonisches Orchester und Gitarre, A Midsummer Night's Dream, folgten mit Metamorpheus und Under A Mediterranean Sky noch weitere. Tony Banks entwickelte mit Seven, Six Pieces For Orchestra und Five einen mit der Zeit immer individuelleren Stil (der Soundtrack zu The Wicked Lady, an dessen Orchestrierung Tony so gut wie nicht beteiligt war, sei mal außen vor gelassen) und bediente sich jeweils, wie auch Steve, eines Arrangeurs, der seine Demos zu orchestrieren hatte.

Schließlich arrangierte Peter Gabriel bei seinem Scratch My Back– und New Blood-Projekt gemeinsam mit vor allem John Metcalfe eigene Songs und solche Dritter für Streichorchester, und die Originalität und Durchsichtigkeit dieser Arrangements stellt die von Banks und Hackett zweifellos in den Schatten. Blickt man in die „zweite Reihe", auf die mit Genesis eng assoziierten Musikerinnen und Musiker, so sind Orchesteralben schon weitaus dünner gesät – es wäre etwa Paul Carracks A Different Hat von 2010 zu nennen.

John Hackett - Of Mountains and Fields

Zu dieser Reihe besonderer Alben liefert nun auch kein Geringerer als John Hackett einen Beitrag mit seinem am 23. Oktober 2026 erschienenen Of Mountains And Fields. John ist Steves fünf Jahre jüngerer Bruder, seines Zeichens Flötist, war zu Steves Zeit in der Band ebenfalls sehr in deren Nähe präsent (lieh auch einmal Peter Gabriel seine Flöte aus), ist auf unzähligen Alben seines Bruders zu hören und stand noch häufiger mit ihm auf der Bühne, arbeitete verschiedentlich auch mit Ant Phillips zusammen (ist unter anderem auf The Geese And The Ghost zu hören).

Mit einer Reihe von Musikern wirkte er an sehr unterschiedlichen eigenen Projekten, so unter anderem mit der Ambient-Music-Formation Symbiosis und mit seiner eigenen John Hackett Band, die demnächst auch in Deutschland gastiert. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass John mit 71 Jahren nach wie vor so umtriebig ist und nun auch die Zeit fand, rund 45 Minuten Musik zu schreiben, zu orchestrieren und aufzunehmen, um sie also nun als digitales Album zu veröffentlichen.

Das Album besteht aus zwei siebensätzigen Werken, die er Suiten nennt, à ca. 23 Minuten. Die einzelnen Sätze sind zwischen 2:13 und 4:56 lang. Das Album beginnt mit der Kriegs-Suite (War Suite), die in Teilen (Satz 2 und 4) am 4. Juli dieses Jahres live uraufgeführt wurde. Es spielte das Endcliffe Orchestra aus dem nordenglischen Sheffield, Johns Wohnort, und er wurde für die Suite zudem mit dem diesjährigen Kompositionspreis des Orchesters ausgezeichnet, im Beisein unter anderem seiner Mutter June.

Ist dieses Werk das dramatischere unter den beiden, so ist das andere, die Cerqueto Suite, eher ein Stilleben, welches das Bergdorf Cerqueto in den Abruzzen in Szene setzt, in dem John gemeinsam mit Marco Lo Muscio anlässlich des Krippenspiels, das dort eine ganz besondere Tradition hat, aufgetreten ist. Lo Muscio wiederum ist ein bekannter und vielseitiger italienischer Organist, der auch als Interpret von Musik von Genesis und den Hackett-Brüdern auf der Orgel bekannt ist. Werfen wir einen Blick auf die einzelnen Sätze:

War Suite

Die Kriegs-Suite erzählt eine Geschichte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und wurde durch Johns (und Steves) Großonkel Jack seligen Angedenkens mit inspiriert, einst ältester noch lebender Veteran dieser Katastrophe des frühen 20. Jahrhunderts:

1. Country Dance (Tanz auf dem Lande)

Steves und Johns Großonkel Jack Davis

Ein junges Paar lernt sich 1914 beim Tanz im Dorfsaal kennen.

Wir hören Tanzmusik in barocker Stilistik (vielleicht nicht ganz zeitgemäß für unsere Storyline), eine Art Gavotte in D-Dur, zunächst Johns Soloflöte über Harfenbegleitung, wozu dann noch diverse Holzbläser und tiefe Streicher hinzutreten. Die vorherrschenden Klangfarben des Albums sind damit bereits präsentiert. Als Mittelteil ist eine Bourrée eingefügt, etwas schneller, es spielen Klarinette, Oboe und Flötenduo. Die Gavotte kehrt wieder zurück, diesmal mit der Fülle der Streicherklänge.

2. Enlistment (Einberufung)

Wir entfernen uns von dem jungen Paar und erleben, wie junge Männer zum Kriegsdienst einberufen werden und tränenreich Abschied nehmen.

Die Musik klingt nach trügerischer Idylle. Das Horn der Einberufung ertönt zweimal (wie der Gong im Theater) – es kommt nicht überraschend, löst aber (auch musikalische) Seufzer aus. Johns Flöte ist hier nicht sehr prominent, somit ist klar, dass es sich bei dieser Suite nicht etwa um ein Flötenkonzert handeln soll.

3. Estaminet

Soldaten im nördlichen Frankreich bekommen eine freien Abend und kehren ein in die dort so typischen Hybride aus Café, Kneipe und Restaurant, Estaminets genannt.

Es ist das Scherzo dieser Suite, mit virtuoser Soloflöte, die sich beim Spiel mit der d-Moll-Tonleiter stilistisch beim Klezmer bedient. Prominent ist hier auch die Tuba zu hören.

4. Despair (Verzweiflung)

Die Schrecken des Schützengrabenkriegs schlagen mit voller Wucht zu.

Teile der War Suite wurden dieses Jahr ur-aufgeführt

Mit seinen übermäßigen Akkorden, seiner Rhythmik und Motivik erinnert dieser Satz an A Tower Struck Down von Voyage Of The Acolyte. Das einsame Fagott soll einen ebensolchen verletzten Soldaten auf dem Schlachtfeld symbolisieren, der nur sich selbst und dem Tod überlassen scheint. Tonal befinden wir uns im Bereich von e-Moll, und die Flöte ist hier gänzlich abwesend.

5. Where Poppies Grow (Wo Mohnblumen wachsen)

Die Mohnblumen auf dem verlassenen Schlachtfeld stehen für die Trauer um die Gefallenen und all das angerichtete Leid (Poppy Day heißt in Großbritannien der Volkstrauertag).

Ein elegisches, schwebend-modulierendes Stück – in dem musikalischen Hauptmotiv scheint das des vorigen Satzes nachzuhallen. Nachhall aus ferner Zeit finden hier auch die idyllischen Passagen aus Voyage Of The Acolyte.

6. Demobbed (Aus dem Kriegsdienst entlassen)

Die Soldaten kehren nach Hause – im Spannungsfeld zwischen Feiern des Kriegsendes und der Ungewissheit, was kommen wird.

Es kehrt wieder Rhythmus ins Leben ein – konkret ist es hier ein 3+3+2-Rhythmus (bekannt etwa von Steves Stück Please Don't Touch). Sprudelnde Flöten-Arpeggi drücken sehr effektvoll die unverhohlene Freude aus, bis schließlich eine Röhrenglocke in g den Schlusspunkt setzt.

7. To Have And To Hold

Wir wenden uns wieder unserem jungen Paar zu, das nun vor den Traualtar tritt. Der Titel des Satzes ist ein Zitat aus dem klassischen Ehegelübde im englischen Sprachraum.

Streicher und Bläser (ohne Flöte) zelebrieren eine feierliche Hymne zur Hochzeit des Paares. Mit der Rückkehr zu D-Dur schließt sich auch musikalisch der Kreis zum Eröffnungssatz.


Cerqueto Suite

Fünf Tableaus proträtieren das malerische Cerqueto di Fano Adriano, eingerahmt vom Blick auf den mächtigen Berg Gran Sasso („Großer Stein"), der über der Szenerie thront. John hält die Satzbezeichnungen respektvoll in Italienisch.

1. Il Gran Sasso all'Alba (Der Gran Sasso bei Tagesanbruch)

Röhrenglockenschläge in cis rahmen diesen beeindruckenden Satz ein sowie unvermittelt massive Blechbläserakkorde (Ges-Dur maj7, b-Moll), die buchstäblich für das monumentale Gebirgsmassiv stehen. Dazwischen evozieren Oboe und Flöte, begleitet von der Harfe, die Anmut der Landschaft, in der es ruht.

2. Il Museo (Das Museum)

Das Museo Etnografico Delle Tradizioni Popolari bildet John zufolge das gesamte Spektrum des traditionellen Lebens jener Gegend ab – Land- und Viehwirtschaft, Malerei, Musik und vieles mehr. Eine fröhliche, aber archaisch begleitete Musik in G-Dur wird unterschiedlich instrumentiert und zweimal unterbrochen von einem dunkel-romantischen Zwischenteil. An das Ende setzt John eine verspielte Coda mit virtuosen Flöten-Kapriolen sowie eine etwas verkünstelte Blechbläser-Akkordfolge als Schlusskadenz dieses längsten Stückes des Albums.

John auf der Bühne mit Marco Lo Muscio

3. La Capanna (Die Hütte)

Gemeint ist der „Stall", in dem jährlich das Krippenspiel aufgeführt wird, das in Italien und auch in Cerqueto im besonderen unter der Bezeichnung „Presepe vivente" (Lebendige Krippe) Tradition hat. Wir sind in die Dominant-Tonart D-Dur gewechselt. Oboe und sagenhaft schönes Flötenduo wechseln sich in diesem kürzesten Stück des Albums ab im Vortrag einer schlicht-schönen Melodie im Duktus eines weihnachtlichen Wiegenliedes. Bezüge zu Weihnachten sind im Œuvre unserer Genesis-Helden wahrlich selten – insofern ist dieses kleine Juwel eine wahre Rarität im Genesis-Umfeld.

4. Il Bar (Die Bar)

Keine kommerzielle Gastronomie, sondern ein Treffpunkt für die Dorfbewohner zum Fußballschauen, Diskutieren und Kartenspielen – musikalisch drückt sich das in diesem Scherzo-Satz der Suite (immer noch in D-Dur) durch ein schlagerhaftes Thema aus, das rhythmisch durch Taktwechsel und harmonisch durch „störende" B-Dur-Harmonien gebrochen wird. Nach einem lyrischen zweiten Teil (erst Flöte, dann Streicher) klingt das Stück mit Harfenklängen aus.

5. La Fontana Delle Pecore (Der Brunnen der Schafe)

Zurück in G-Dur, porträtieren Harfe, Holzbläser (inkl. Flöte) und Streicher den Brunnen, der schon unzähligen Generationen von Schafen den Durst stillte und den Klängen zufolge einfach prächtig aussehen muss. Der Hörer darf sich hier genüsslich ausruhen.

6. La Chiesa Di Santa Reparata (Die Kirche von der Heiligen Reparata)

Die der frühchristlichen Märtyrerin Reparata geweihte Kirche wird in einer nun gänzlich anderen Tonart (Es-Dur) mit mitunter etwas überschwänglichen Streichern und Flöte porträtiert. In de Mitte und am Schluss hört man eine Imitation von Hammerglockenschlägen auf einem Klavier.

7. Il Gran Sasso al Crepuscolo (Der Gran Sasso in der Abenddämmerung)

Es handelt sich um eine 49 Sekunden kürzere Reprise des ersten Satzes. Der Mittelteil ist verkürzt und am Schluss werden die krassen Blechbläser-Akkorde diesmal nicht wiederholt.

John Hackett während eines Auftritts

Einordnung und Fazit

Ein Grund, warum Orchesteralben eher selten sind, sind neben der nicht zu unterschätzenden Energie, die sie dem Künstler von der Kompositionsidee bis zur fertigen Aufnahme abverlangen, auch die immensen Kosten, die für Arrangements, große Klangkörper und ebensogroße Studios anfallen können. Bei den oben genannten Orchesteralben wurde das unterschiedlich gelöst. Anthony Phillips und Harry Williamson benötigten keinen Arrangeur, sondern übernahmen dies selbst und fanden für die Finanzierung der Einspielung private Geldgeber.

Phil Collins ging mit seiner Big Band nicht ins Studio, sondern schnitt Livekonzerte mit. Steve Hackett ging nach dem Sommernachtstraum dazu über, die Orchesterinstrumente alle einzeln im Studio aufzunehmen und zu einem Orchester zusammenzufügen. Tony Banks wich nach Seven von einem britischen zu tschechischen Orchestern aus.

Beim hier vorliegenden Album arrangierte John Hackett ebenfalls eigenhändig und brachte gar keine Instrumentalisten zum Einsatz, abgesehen von sich selbst an den Flöten, sondern programmierte sämtliche Parts. Was wir hören, sind Orchestersamples des BBC Symphony Orchestra. Das macht sich freilich im klanglichen Ergebnis und Erlebnis deutlich bemerkbar, wenn Sätze wie Where Poppies Grow (die Streicherparts) oder Il Museo streckenweise recht elektronisch klingen, die Dynamik der Oboe bei La Capanna schwächelt, bei Enlistment abschnittsweise Synchronizitätskonflikte zwischen den einzelnen programmierten Registern bestehen oder die Frequenzen der Flöte bei Country Dance zwischen den anderen Holzbläsern etwas unterzugehen drohen.

Vielleicht liegt es auch an dieser „Aufnahme"-Technik, dass so manche Passage (wie etwa der Harfenteil in Demobbed) kompositorisch nicht ganz so überzeugend wirkt, wie wenn man ihn etwa auf dem Klavier gespielt hätte. Ein Highlight des Albums ist selbstverständlich John Flötenspiel, und wer Steves A Midsummer Night's Dream oder Tonys Five mag, wird hier die eine oder andere Reminiszenz entdecken. John hat mit Of Mountains And Fields sicherlich keine Musikgeschichte schreiben wollen, aber seine enorme musikalische Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, seine Anhängerschaft immer wieder zu überraschen, erneut unter Beweis gestellt.

Autor: Andreas Lauer

Of Mountains And Fields ist digital auf John Hacketts Bandcamp-Seite erhältlich. Auf CD gibt es das Werk nur direkt in Johns Webshop (Extra-Kosten können entstehen).