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Teagan Hollis: Tony Banks – A Life Spent Crafting Sonic Landscapes – Rezension

Ende 2025 erschien von einem gewissen Teagan Hollis ein etwas merkwürdiges Buch über Tony Banks. Wir klären auf.

Ein Roman über Tony Banks?

Noch bevor Mario Giammetti seine beeindruckende Tony-Banks-Biografie Man of Spells vorlegte, erschien beinahe unbemerkt ein schmaler Band eines unbekannten Autors, der auf den ersten Blick ebenfalls wie eine Biografie über Tony Banks wirkt. Das Buch umfasst knapp 175 Seiten, die zudem eher großzügig gesetzt sind. Ich hatte es in rund zwei Stunden ausgelesen – und mich bereits nach wenigen Seiten gefragt: „Was ist das bitteschön?"

Die Irritation beginnt beim Cover: Es zeigt einen Mann, der den Blick auf seine Finger auf einer Tastatur richtet. Er erinnert an den Tony Banks der vergangenen Jahre, ist es aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. War hier künstliche Intelligenz am Werk? Geschenkt, wenn kein Budget für Abbildungen vorhanden ist – im Inneren des Buches finden sich ohnehin keine Bilder. Doch auch inhaltlich geht es mit den Merkwürdigkeiten weiter: So behauptet der Autor, er habe Banks wegen einer Mitarbeit an dem Buch angefragt und charakterisiert diese Beteiligung als „begrenzt".

Teagan Hollis - Tony Banks Buch

Außerdem will er mit zahlreichen Menschen ein Interview geführt haben, ohne an irgendeiner Stelle zu dokumentieren, wer diese Personen sind oder auf welche Quellen er sich stützt. Auch bereits erschienene Veröffentlichungen nennt er nicht. Eine im vorderen Teil des Buches angekündigte Diskographie und Bibliographie der verwendeten Werke und Interviews existiert schlicht nicht. Das wirkt mindestens unprofessionell, wenn nicht gar unseriös.

Je weiter man liest, desto größer wird das Befremden. Der Autor erweckt den Eindruck, intime Einblicke in Tony Banks' Leben erhalten zu haben, schmückt diese aber mit blumigen Formulierungen aus, die insbesondere in den ersten Kapiteln beständig eine Art „foreshadowing" betreiben. Alles scheint – wenn auch zunächst nur in zarten Andeutungen – auf Banks' spätere musikalische Tätigkeit hinauszulaufen. Um fair zu bleiben: Hollis schränkt immer wieder ein, man habe in den frühen Jahren natürlich noch nicht ahnen können, wohin die Reise führen würde.

Über weite Strecken – und damit bin ich bei der Überschrift meiner Rezension – liest sich der Text eher wie eine romanhafte, phantastische Darstellung des Lebens und Wirkens einer Figur, die mit unserem geschätzten Genesis-Keyboarder zahlreiche Parallelen aufweist. Es fällt jedoch schwer zu glauben, dass der notorisch zurückhaltende Tony Banks tatsächlich derart persönliche Einblicke in einzelne Schritte seiner biografischen und künstlerischen Entwicklung gegeben haben soll. Mitunter nimmt das nahezu absurde Züge an, etwa in Passagen wie dieser:

„He walked through London with a quiet focus, hearing progressions that would eventually become significant parts of their work. He listened to the rhythm of passing traffic, the pattern of voices on the street, and the hum of everyday life. These sounds did not directly influence the music, but they shaped his sense of pacing and movement." (S. 82)

Wie bitte? Immer wieder verliert sich der Text in seitenlangen Spekulationen über Banks' Seelenleben und innere Gedankenwelt, die in keiner Weise belegt sind – und auch kaum belegbar wären. Hinzu kommen sachliche Fehler, etwa bei der frühen Entstehungsgeschichte von Genesis, die mit den Darstellungen, die wir aus zahlreichen Dokumentationen und Publikationen kennen, nicht vereinbar sind. So scheinen dem Verfasser die beiden Genesis-Keimzellen Garden Wall und Anon völlig unbekannt zu sein.

Stattdessen fabuliert er von endlosen Proben im Keller des Charterhouse-Internats, von denen bislang nichts überliefert ist. Als vermeintliche Belege für die Bandgeschichte werden nur einige Genesis-Alben beim Namen genannt, nämlich Foxtrot, Selling England by the Pound, Invisible Touch, We Can Not Dance [sic!] und Calling All Stations – diese merkwürdige Auswahl soll hier stellvertretend dafür stehen, wie lückenhaft die Ausführungen zur Bandgeschichte ausfallen: weite Passagen werden ausgelassen, es gibt nicht erklärte Zeitsprünge etc.

Zwar gibt es ein eigenes Kapitel mit dem Titel „The Solo Explorer", darin wird jedoch kein einziges von Banks' Soloalben namentlich erwähnt. An anderer Stelle, wo es eigentlich wieder um Genesis geht, taucht immerhin Bankstatement kurz auf. Das Kapitel zum Solowerk lässt sich im Kern so zusammenfassen: Banks habe gewissermaßen zwangsläufig auf seine orchestrale Phase nach 2000 zugesteuert, in der er schließlich seine eigentliche künstlerische Erfüllung gefunden habe.

Immer wieder entwirft der Text das Bild eines Tony Banks, der sich standhaft gegen allzu starke kommerzielle Ambitionen gestemmt habe. Den großen Erfolg der Band in den 1980er Jahren habe er zwar als befriedigend empfunden, doch Hollis zeichnet ihn so, als hätte Banks im Grunde lieber ausschließlich anspruchsvollere Musik gemacht. Dabei wissen wir inzwischen sehr genau, dass auch Banks die stärkere Ausrichtung von Genesis auf Chartserfolge mittrug und aktiv mitgestaltete. Man kann – um es etwas flapsig zu formulieren – kaum behaupten, er habe sich beim Spielen der Hits jedes Mal innerlich auf die Finger geschlagen.

Am Ende der Lektüre dieses merkwürdigen Buches bleibt Ratlosigkeit. Was liegt hier eigentlich vor? Für eine seriöse Biografie fehlt es an Gründlichkeit, an transparenten Angaben zu den Quellen der zahlreichen Behauptungen sowie an der notwendigen Sorgfalt bei der Darstellung von Tony Banks' Schaffen innerhalb und außerhalb von Genesis. Ob der (von Hollis durchweg) Gefeierte tatsächlich in nennenswerter Weise an der Entstehung des Buches beteiligt war, darf stark bezweifelt werden. Vieles bleibt zu blumig, zu phantastisch, beinahe romanhaft – und genau das reicht für eine ernstzunehmende Musikerbiografie in meinen Augen nicht aus.

So kann man sich – wie auch ein Rezensent bei Amazon – des Eindrucks nicht erwehren, dass hier jemand die KI angeworfen hat und mit einem sehr schlechten Prompt in die Spur geschickt hat. Das betrifft eventuell sogar den Autorennamen: Laut dem Amazon-Rezensenten „R. Barbieri" ist dieser ein typisches erfundenes Hybrid, hier wohl aus den Namen einer Autorin romantischer Stories namens Teagan Hunter und ihrer bekanntesten Protagonistin Hollis zusammengesetzt. Also: Finger weg von diesem Buch!

Autor: Jan Hecker-Stampehl