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Peter Gabriel & Sting live – Rock Paper Scissors 2016 – Rückblick
Im Jahr 2016 ging Peter Gabriel überraschend mit Sting auf eine Doppel-Headliner-Tour. Wir schauen zurück.
Als das Jahr 2016 begann, wartete alles auf Lebenszeichen eines neuen Gabriel-Albums. I/O war längst überfällig. Doch statt dass Meldungen dazu kamen, gaben am 16. Januar Gabriel und Sting überraschend bekannt, gemeinsam auf eine Doppel-Headliner-Tour zu gehen. – Alles staunte.
Vorgeschichte
Sting war bereits 2014/15 mit Paul Simon gemeinsam auf Tour gewesen. Das Konzept der Konzerte war hier noch: Beide treten mit ihrer jeweils eigenen Begleitband auf, spielen zusammen immer wieder einzelne oder auch ein paar mehr Stücke gemeinsam, ansonsten hat jeder seine Solo-Blöcke nur mit den eigenen Songs und der eigenen Band.
Dieses Konzept funktionierte offenbar so gut und fand auch beim Prublikum derart Anklang, dass die Tour im Anschluss an Nordamerika nicht nur nach Europa kam, sondern Sting danach überlegte, so etwas noch einmal zu machen. Nach eigenen Aussagen fragte er sich, mit wem das jetzt weiter möglich wäre, und kam auf Peter Gabriel.
Beide waren schon 1988 zusammen bei der kompakten Tour Human Rights Now! zugunsten von Amnesty International unterwegs gewesen und kannten sich gut. Beiden gefiel die Idee und so ging es an Planungen.

Schon im Promovideo, das zur Bekanntgabe der Tour online gestellt wurde, sprachen beide davon, dass es sie reizen würde, ihre Stücke nebeneinander zu stellen und dann zu erleben, wie sich die Musik gegenseitig beeinflussen würde.
Der Titel der Tour wurde festgelegt auf Rock Paper Scissors und in besagtem Promovideo erläuterte Gabriel: "Rock" stehe für die Musik, die sie machen, "Paper" für das Angebot, das ihnen vorgelegt wurde und das sie nicht ablehnen konnten, und "Scissors" dafür, dass sie nach diesem Geschäft wieder auseinandergehen würden (Englisch "we cut away"). Wieviel Satire oder doch ernsthafte Töne das hat, muss man selbst beurteilen.
Vorbereitungen
Die Proben zur Tour fanden für Gabriels Band in London Ende Mai 2016 statt. Danach zog man um auf den amerikanischen Kontinent, um für die letzten beiden Wochen vor der ersten Show (21. Juni 2016) am Premierenort Columbus mit allen Beteiligten weiterzuproben. Hier wurde zudem die endgültige Setlist festgelegt.
Gabriel kümmerte sich dabei auch um die Visuals der Show (Licht und Videoeinblendungen), die für Sting nicht so wesentlich waren.
Anberaumt wurden 21 Shows durch Nordamerika, jeweils in größeren Arenen. Einige wenige waren Open Airs. Den Link zu unserer Seite mit den vollständigen Konzertdaten findet ihr hier.
Am Ende kamen 311.000 Besucher, die für einen Umsatz von rund 28 Millionen US-Dollar sorgten (sagt zumindest Wikipedia).
Eine Fortsetzung durch Europa wurde von den Fans beider Musiker sehnlichst erwartet, fand aber nie statt (dazu weiter unten mehr).
Bands
Wie schon bei der Doppeltour von Sting und Paul Simon brachten beide Headliner ihre jeweils eigene Soloband mit. Sting hatte dabei unter anderem den begnadeten Vinnie Colaiuta an den Drums dabei, mit dem er in den 90ern viel unterwegs gewesen war und dann erst wieder ab 2011 zur Back To Bass Tour. Außerdem den Percussionisten Rhani Krija, die Begleitsängerin Jo Lawry und den Violonisten Peter Tickell. Alle drei hatten ihn ebenfalls bereits in der Vergangenheit begleitet.
Gabriel hatte im Prinzip die Band der zwei Jahre vorher abgeschlossenen Back To Front Tour dabei. Mit der Ausnahme, dass die Keyboards noch einmal Angie Pollock bediente (an dieser Position 2007 zur Warm Up Tour und 2009 bei der Tour durch Südamerika). Am Schlagzeug saß Ged Lynch, mit dem Gabriel standardmäßig seit Anfang des Jahrtausends unterwegs war (mit Ausnahme der Back To Front Tour).
Interessant ist, dass auch David Sancious dabei war, der in der Vergangenheit schon in den Bands von beiden gespielt hatte. Zuletzt war er ebenfalls Teil von Gabriels Back To Front Line Up gewesen war, jetzt aber gehörte er zur Band von Sting. Denn auch mit ihm war Sancious bereits unterwegs gewesen – wie auch Colaiuta seit den frühen 90ern. Kennengelernt hatten sich Sting und Sancious jedoch durch Gabriel. Denn Sancious war Teil der ursprünglichen Tourband zum So Album und deshalb auch später bei der Human Rights Now! Tour dabei.
Manu Katché, der in der Vergangenheit ebenfalls sowohl Gabriel als auch Sting begleitet hatte, spielte hingegen jetzt in keiner der beiden Bands mit – was ein bisschen erstaunlich, vielleicht aber auch fair ist.
Es standen jedenfalls zwei komplette Bandbesetzungen auf der Bühne und insgesamt 14 Personen (siehe vollständige Liste ganz unten).
Besonders war auch, dass beide Bands die nahezu komplette Show durchgehend auf der Bühne blieben und stets gemeinsam musizierten. Zwar übernahm mal die eine, mal die andere den Hauptpart der Arrangements, aber im Grunde spielten alle sämtliche Songs stets zusammen. Das galt auch für die beiden Hauptakteure, die sich nicht zu schade waren, beim jeweils anderen auch mal im Chrorgesang zu unterstützen.
Erwähnt sei noch, dass beide Bands in ihrer Aufstellung auf der Bühne durchmischt standen, aber als Kennzeichnung an den schwarzen Kostümen Accessoirs in den Farben Blau (Sting) und Rot (Gabriel) trugen.
Setlist
Für die Übersicht siehe Gesamtsetlist ganz am Ende des Artikels und alle Einzelsetlists hier.
Gabriel hatte die Ehre, den Abend zu eröffnen (mit The Rhythm Of The Heat) und zu beschließen (mit Sledgehammer). Sicher eine höfliche Geste des "Gastgebers" Sting – und die Eröffnung in ihrer heranschleichenden Dramatik funktionierte offenbar auch sehr gut.
Im weiteren Verlauf spielten die beiden Hauptakteure dann meist abwechselnd je einen eigenen Song. Sting verteilte dabei über den Abend 7 Stücke von The Police und nur 5 seiner eigenen Solobilanz, Gabriel gab ebenfalls 12 Stücke. Dabei bestand die Auswahl von beiden im Prinzip aus nur den ganz großen Erfolgen.
Hervorzuheben ist aber, dass die beiden noch zusätzlich einen Song des anderen coverten. Gabriel übernahm If You Love Somebody, Set Them Free und machte aus dem lebhaften Gute-Laune-Stück eine dark-sexy Bluesrock-Nummer mit reichlich Augenzwinkern. Sting spielte Shock The Monkey in einer kraftvollen Version, die sich hinter Gabriels eigenen Livedarbietungen der besten Zeiten keinesfalls verstecken musste. Die ersten zwei Drittel der Tour gab Sting zusätzlich auch noch Kiss That Frog, das er überraschend aus der Versenkung holte und ebenfalls mit viel Energie und Groove darbot. Seine Version war vielleicht sogar besser als die des Meisters, der das Stück lediglich seinerzeit auf der Secret World Tour im Programm hatte.
Außerdem, und zur Verwunderung aller, mogelte Sting noch ein Fragment von Genesis ins Set, indem er das Intro von Dancing With The Moonlit Knight als Einleitung für Message In A Bottle nutzte. Gabriel bleibt dabei im Abseits, begeisterte aber nicht wenige Fans, als er beim Abschlusskonzert in Edmonton die Zeilen übernahm und damit einen kleinen, aber durchaus emotionalen Moment schaffte. Er sang das öffentlich zum ersten Mal nach über 30 Jahren.
Für Gabriel außerdem noch bemerkenswert: Er spielte hier bereits den Song Love Can Heal, der erst sieben Jahr später auf dem Album i/o veröffentlicht werden sollte. Die hier präsentierte Vorabversion entsprach dabei der endgültigen Albumfassung bereits sehr genau. Auch noch bemerkenswert: Eine Aufnahme des Songs vom Konzert in Edmonton (andere Quellen sagen: vom Soundcheck) fand in Teilen in der Albumfassung Verwendung.
Bühne und Performance
Die Bühne war recht schlicht gehalten, musst auch Platz für die vielen Akteure bieten. Größere Bedeutung kam den insgesamt 14 länglichen Screens zu, die auf- und abschwebend aufgehängt waren und untermalende Bebilderungen zeigten. Zu Games Without Frontiers etwa die titelgebenden Symbole der Tour: "Papier, Stein, Schere", unterlegt in Blau und Rot (analog zu den Farben, die den Kontrahenten bei etwa Boxkämpfen zugewiesen werden). Eine durchaus spielerische Erweiterung des Gedankens "Spiel" (ohne Grenzen).
An andere Stelle konnten es aber auch Großaufnahmen von Augen sein, die auf den vierzehn Screens eingeblendet wurden – und dann die tatsächlichen Augen der vierzehn Musiker*innen auf der Bühne wiedergaben. Die Anzahl der Screens war also nicht zufällig gewählt. Ein Konzept, das Gabriel sowohl bei der Back To Front Tour bereits angewendet hatte als auch später wieder bei der i/o Tour nutzte.
Belebendes Moment waren ansonsten kleinere choreografische Einlagen, wenn etwa bei Games Without Frontiers Sting und PG hin und her über die Bühne stolzierten oder die drei Chorsängerinnen sich zu Sledgehammer schüttelten und die beiden Sänger umtanzten. Die üblichen Schrittchen zu In Your Eyes, an denen sich auch die Mitglieder von Stings Band beteiligten, sind da kaum hervorzuheben.
Die musikalische Performance insgesamt war enorm hoch. Stings eher schlanke und oft scharf umrissene Arrangements kontrastierten dabei durchaus gelegentlich mit der dunklen Wuchtigkeit von Gabriels Musik. Sting schien auch einen guten Einfluss auf PG zu haben, denn manche von dessen Songs klangen jetzt aufgeräumter (Games beispielsweise).
Ob die beiden Persönlichkeiten der Hauptakteure gut harmonierten, war dabei nicht immer sicher. Zuweilen schien es, dass Stings latente Blasiertheit und seine straffe, wohl organisierte Art nicht immer gut passte zu dieser gewissen Behäbigkeit von Gabriel, die ihm auch immer wieder manch typischen "fuck up" einbrachte.
Geredet wurde ansonsten wenig. Ansagen zu den Songs gab es kaum. Ganz zu Beginn, nach den beiden Eröffnungsstücken, traten beide nach vorne und erklärten ein wenig den Abend – wobei Gabriel am Ende stets noch eine launische und selbstironische Bemerkung anfügte, dass er durch Sting jetzt wieder Power-Yoga mache und seit dem beide hinter der Bühne nicht mehr auseinanderzuhalten seien…
Sting erklärte ansonsten das sarkastische Intro von Dancing With The Moonlit Knight zur Antwort auf das gerade erfolgte Votum für den Brexit und Gabriel widmete Love Can Heal der kurz zuvor durch ein Attentat getöteten Jo Cox.
Keine Fortsetzung
Nachdem Ende Juli 2016 diese gelungene Tour durch Nordamerika beendet war, rechnete eigentlich jeder damit, dass es auch eine Fortsetzung durch Europa geben würde. Zum einen war das ein logischer Schritt, zum anderen hatten das Sting und Paul Simon 2015 ja auch gemacht.
Erstaunlicherweise aber kam keine Ankündigung dafür. Von Gabriel hörte man gar nichts, Sting spielte einige Konzerte im späteren Sommer und brachte im November ein neues Album heraus (57th & 9th). Eine Fortsetzung der Tour fand kommentarlos nicht statt.
In Fankreisen wurden viele Vermutungen angestellt. Das ging von "kommerziell nicht erfolgreich genug" bis zu "die beiden haben sich nicht verstanden".
Inzwischen wissen wir, das Gabriels Frau Maebh Ende 2016 schwer erkrankte und es zeitweilig um ihr Überleben nicht sehr gut stand. Es ist daher davon auszugehen, dass Gabriel alle Pläne absagte und sich nur noch ihr und seiner Familie widmete. Zum Glück konnte Maebh durch die Hilfe von neuartigen medizinischen Technologien genesen und dem Ehepaar Gabriel geht es heute wieder gut.
Da inzwischen aber sowohl Gabriel als auch Sting mit ihrem persönlichen Tun längst zu anderen Kontinenten geschwommen sind, dürfte es eine Rock Paper Scissors Tour durch Europa nicht mehr geben.
Fazit
Die Resonanzen auf die Tour waren außerordentlich gut. Die Presse lobte, Fans beider Lager waren begeistert. Und es hat vermutlich sogar nicht wenige gegeben, die beide Headliner schätzten. Denn trotz aller Verschiedenheit (musikalisch wie charakterlich) sprechen sie erstaunlicherweise ähnliche Bereiche an Hörerschaft an. Das dürfte vermutlich sogar noch deutlicher sein, als bei Sting und Paul Simon, die ihre große Zeit ja auch noch in verschiedenen Jahrzehnten hatten.
Wer bei einer der Shows nicht selbst vor Ort hat sein können, kann nur über das Internet was davon erahnen. In der Tat wirken alle Clips, als ob es Abende voll sich überbietender, musikalischer Höhepunkte waren, und selbst bei der Zurücknahme des Tempos wurde die große Intensität (und auch Könnerschaft) der beiden Hauptakteure und ihrer Mitmusiker deutlich.
Die Konzerte machen einen erstaunlich geschlossenen Eindruck – trotz des Kontrastes der straighten Rockpop-Nummern eines Sting mit den oft ausschweifigen Seelenlandschaften eines Gabriel. Beide Stars an einem Abend gesehen zu haben, dürfte ziemlich eindrucksvoll gewesen sein, und Neid gilt all denen, die eine Chance hatten, eine der Shows zu erleben.
Autor: Thomas Schrage
Poster image: George German
Fotos: Foto: Kevin Mazur / Getty Images. Used with kind permission by Real World (thank you!)
Line Up
Peter Gabriel – Vocals, Keyboards
Ged Lynch – Drums
Tony Levin – Bass, Vocals
David Rhodes – Guitars, Vocals
Angie Pollock – Keyboards, Vocals
Jennie Abrahamson – Vocals, Flute
Linnea Olsson – Vocals, Cello
Sting – Vocals, Bass
Vinnie Colaiuta – Drums
Rhani Krija – Percussions
Dominic Miller – Guitars, Vocals
David Sancious – Keyboards
Peter Tickell – Violin, Mandolin
Jo Lawry – Vocals
Setlist
blieb die gesamte Tour über gleich – mit wenigen Ausnahmen
The Rhythm Of The Heat
If Ever Lose My Faith In You
– Begrüßung –
No Self Control
Invisible Sun
Games Without Frontiers
Shock The Monkey [gesungen von Sting]
Secret World
Driven To Tears
Fragile
Red Rain
Dancing With The Moonlit Knight (intro) / Message In A Bottle
Darkness / San Jacinto [beide Songs ab Detroit alternierend, manchmal auch kein Song an dieser Position]
Walking In Your Footsteps [nach Milwaukee nicht mehr gespielt]
Kiss That Frog [gesungen von Sting, nach Milwaukee nicht mehr gespielt]
Don't Give Up
The Hounds Of Winter
Big Time
Englishman In New York
Solsbury Hill
Every Little Thing She Does Is Magic
If You Love Somebody, Set Them Free [gesungen von PG]
Roxanne
Love Can Heal [neuer Song von PG]
Desert Rose
In Your Eyes
ENCORES
Every Breath You Take
Sledgehammer
Links
Ursprüngliche Ankündigung der Tour inklusive Promovideo auf petergabriel.com
Infos und einige Pressezitate auf petergabriel.com
Unsere Übersicht aller Tourdaten
Unsere Übersicht aller Setlists auf it-news.com
Unsere Sammlung von Videoclips der Tour auf Youtube (inzwischen sehr lückenhaft)



