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Mario Giammetti: Tony Banks – Man of Spells. The Magician of Genesis – Rezension

Anfang 2026 erschien bei Kingmaker Publishing das Buch Tony Banks: Man Of Spells – The Magician of Genesis von Mario Giammetti.

Mario und der Zauberer

Mario Giammetti dürfte vielen Lesern dieser Zeilen als Herausgeber des italienischen Genesis-Fanmagazins Dusk und als Autor zweier maßgeblicher Genesis-Biographien in englischer Sprache allseits bekannt sein. Er ist bereits seit Ende der 1980er Jahre als Autor in Sachen Genesis unterwegs und hat bisher laut einer Auflistung im Buch bereits 17 Bücher (überwiegend in italienischer Sprache) über die Band vorgelegt, darunter unter dem Reihentitel The Genesis Files auch jeweils eine Publikation (im Fall Peter Gabriels sogar zwei) über die einzelnen Mitglieder der „klassischen Besetzung" und zudem je eines über Anthony Phillips und Ray Wilson.

Den 2006 über Tony Banks erschienenen Band legt er nun gründlich überarbeitet auf Englisch vor und zitiert im Buchtitel einen Songtitel von Banks' zweitem Soloalbum The Fugitive – eben den Man of Spells [Zauberkünstler]. Damit auch klar ist, welcher Tony Banks gemeint ist und um das Buch wahrscheinlich im Marketing einfacher zu platzieren, wird er nochmal als „der Zauberer von Genesis" spezifiziert. Damit spielt der Autor darauf an, wie sehr Tony Banks eben als Klang- und Kompositionskünstler und als die „musikalische Seele" von Genesis gesehen wird.

Das Buch folgt in seiner Gestaltung den beiden ebenfalls bei Kingmaker Publishing erschienenen Genesis-Bänden, was erfreulich ist, weil das Layout bekannt und angenehm zu lesen ist. Giammetti greift in diesem Buch wieder auf seinen schier unglaublichen Fundus an Interviews und auf umfangreiches (oft bisher unveröffentlichtes) Bildmaterial zurück, wobei er im Laufe der Jahre nicht nur Tony Banks selbst, sondern auch eine Reihe seiner Mitstreiter zum Gespräch gebeten hat. Das von ihm benutzte Material erstreckt sich über einen Zeitraum zwischen 1996 und 2025; außerdem hat er auch Texte aus anderen Veröffentlichungen (z.B. auch aus dem it-Magazin) und von Webseiten herangezogen.

Man of Spells ist eine Dokumentation von Tony Banks' musikalischem Werdegang, wobei der Fokus ganz klar auf seinem Solo-Schaffen liegt. Seine frühe Entwicklung in Kindheit und Jugend (irgendwie ein Muss in Musikerbiografien) wird zu Beginn abgehandelt, und zum Glück erhalten wir nicht die x-te ausführliche Genesis-Biografie mit allen möglichen Details. Die Abschnitte, die sich mit der Entwicklung von Genesis beschäftigen, sind eher kursorisch und konzentrieren sich auf die wichtigsten Aspekte. Das ist sehr zu begrüßen; wer dieses Buch zur Hand nimmt, wird in den allermeisten Fällen schon einiges über die Band-Biografie wissen und braucht keine Wiederholung dessen, was Giammetti in den zwei eingangs erwähnten Bänden eh schon in beeindruckender Detailfülle geleistet hat.

Das Grundgerüst des Buchs besteht daher einerseits aus Kapiteln, die sich auf die Entwicklung von Genesis konzentrieren, andererseits aus (wesentlich detaillierteren) Kapiteln zur Entstehungsgeschichte der jeweiligen Soloalben, vom Debüt mit A Curious Feeling 1979 bis hin zur (bis dato letzten) Veröffentlichung von 5 aus dem Jahr 2018. Als Leser erhält man viele Einblicke in Tony Banks' Soloschaffen und zumindest ich kann von mir sagen, dass ich mich durch die Lektüre erstmals wirklich intensiv damit auseinandersetzen konnte. Die Äußerungen des Meisters selbst, aber gerade auch die der vielen Mitstreiter, werfen erstmals in englischer Sprache ein umfassendes Licht auf Banks' Solowerk, das ja doch sehr im Schatten der „Mutterband" Genesis, aber auch der Aktivitäten der anderen (Ex-) Bandmitglieder steht.

Man erfährt sehr detailliert, wie Banks über sein Solowerk selbst denkt (wobei sich sein Blick auf die eigenen Produktionen mit zeitlichem Abstand zu deren Entstehung oft auch wandelt), wie er überhaupt über das Erschaffen neuer Musik und die Arbeit an den Aufnahmen denkt, warum er welche Sängerinnen und Sänger für seine Produktionen gewählt hat und vieles andere mehr. Ich habe bei der Lektüre immer ein wenig mit Tony Banks gelitten, wenn er sich in Zitaten enttäuscht, gar desillusioniert über die mangelnde Anerkennung für seine Soloproduktionen äußert.

Mario Giammetti - Tony Banks: Man Of Spells - The Magician of Genesis

In den Kapiteln zu den einzelnen Soloproduktionen geht der Autor die Alben Song für Song durch, mit Einzelanalysen zur Musik und den Songtexten. Insbesondere die Textanalysen und die damit einhergehenden Erläuterungen zu den Inhalten empfinde ich als sehr bereichernd. So muss ich gestehen, dass ich mich z.B. mit dem Thema von A Curious Feeling (eine Geschichte über einen Mann, der allmählich den Verstand verliert) und der Erzählstruktur des Albums bisher nicht näher beschäftigt hatte. Das ist nur das eindrucksvollste Beispiel für die vielen Erleuchtungen, die Giammetti mit dieser Publikation beisteuert.

Durch die Lektüre entsteht ein facettenreiches Bild, das eine Seite von Banks abdeckt, die in der öffentlichen Wahrnehmung leider ja weitgehend unbeachtet blieb. War das erste Soloalbum noch einigermaßen erfolgreich (immerhin Platz 21 in den UK Charts), sind seine Pop-Produktionen der 80er und 1990er Jahre wohl kaum von Hörerinnen und Hörern außerhalb des Genesis-Fankreises gekauft worden. Seine Soundtrack-Arbeiten blieben Solitäre, eine von ihm erhoffte Karriere in der Filmmusikbranche hat sich nie ernsthaft realisiert. Umso befriedigender war der Respekt, der ihm für seine zwischen 2004 und 2018 veröffentlichten orchestralen Werke entgegenschlug. Wie schade, dass nicht nur seine Pop-Songs (bis auf zwei Ausnahmen, die Giammetti auch erwähnt), sondern gerade die Kompositionen für Orchester nicht zur Aufführung gekommen sind.

Gerade die vielen Zitate aus Interviews zeichnen ein Bild von Tony Banks als ein ambitioniertem Musiker, der sich zwischen Hoffnungen auf den großen Charts-Erfolg und tief sitzender Frustration bewegt. Mit seinen fünf Pop-/Rock-Soloalben zwischen 1979 und 1995 hegte Banks stets den Ehrgeiz, damit Erfolg in den Charts zu haben und rappelte sich auch nach mangelndem Erfolg immer nochmal hoch, um es erneut zu versuchen. Dieser Wille, Anerkennung als Popmusiker zu finden, wirft dann auch nochmal ein interessantes Licht auf Genesis – Phil Collins war entgegen landläufiger Meinung eben nicht derjenige bzw. nicht der einzige, der ab den späten 70ern/frühen 80ern die „Mutterband" auf Hitparadenerfolge trimmen wollte.

Zugleich bekommt man den Eindruck, dass Banks zwischendurch, aber gerade nach den großen Hoffnungen für die Gemeinschaftsproduktion mit Jack Hues Strictly Inc. von 1995 – die sich wiederum nicht erfüllten – nicht nur enttäuscht, sondern fast verletzt war. Ich bin gewillt, seinen Äußerungen zu glauben, dass er Phil Collins und Mike Rutherford ihre großen Erfolge gönnte. Aber man kommt nicht umhin zu glauben, dass der ausgebliebene eigene Soloerfolg Wunden hinterließ, die nicht so leicht verheilten.

Ergänzt wird der Haupttext durch zwei Anhänge mit Texten von Gastautoren, die die Keyboard-Arbeit von Banks genauer beleuchten. Der erste davon (von Alessandro Berni) liest sich streckenweise als geradezu philosophische Betrachtung von Banks' Virtuosität, der zweite (von Francesco Gazzara) nennt zwar in der Überschrift Tony Banks' „klassische Klavierkunst", geht u.a. aber auch auf drei seiner Genesis-Synthesizer-Soli und die Entwicklung seines Keyboard-Equipments über die Jahrzehnte ein. Sie sind schöne Ergänzungen, die das Gesamtbild nochmal bereichern.

Unterm Strich ist Mario Giammettis Leistung mit dieser Biografie beachtlich. Er holt Banks' Solo-Schaffen aus dem Schatten, rückt wenig bekannte Aspekte in den Fokus und schärft so das Bild von Tony Banks als Ausnahmemusiker mit großem kompositorischem Talent. Tony Banks – Man of Spells ist ein großer Wurf, der unser Bild von Banks im Besonderen, aber auch von Genesis im Allgemeinen nachhaltig bereichert.

Autor: Jan Hecker-Stampehl

Das Buch ist bei Burningshed in Großbritannien erhältlich. In Deutschland ist es bei Amazon* bestellbar.

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