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Anthony Phillips – Gemini: Pieces For Piano – Rezension

Im April 2026 veröffentlicht Anthony Phillips mal wieder ein Klavier-Album: Gemini – Pieces For Piano. Gereon Schoplick hat es rezensiert.

Klavier spielte er schon als Jugendlicher – neben seinem Hauptinstrument Gitarre. Und Anthony Phillips schrieb auch schon in frühen Genesis-Jahren Stücke nicht nur auf der Gitarre, sondern auch am Piano. Nach dem Ausstieg aus der Band im Jahr 1970 studierte er an der Guildhall School of Music in London Musik und Komposition, und er nahm professionellen Klavierunterricht.

Auf Anthonys ersten Soloalben spielen folgerichtig neben diversen Gitarren das Klavier und andere Tasteninstrumente eine wichtige Rolle. Auf darauffolgenden gemischten Veröffentlichungen findet sich immer wieder Klaviermusik. Im Jahr 1986 überraschte Ant seine Fans mit „Ivory Moon", seinem ersten Album, das ausschließlich Kompositionen für Klavier enthält, gefolgt im Jahr 1999 von „Soiree". Nun legt der umtriebige Musiker mit „Gemini" sein drittes Klavieralbum vor, als Doppelalbum mit 44 Kompositionen. Veröffentlichungstermin ist der 10.4.2026.

Cover und Artwork

Die CDs befinden sich in einem aufklappbaren DigiPak. Das Titelbild ist ein Gemälde von Lincoln Seligman. In Blau- und Grautönen gehalten, zeigt es einen spartanisch eingerichteten Raum, der durch ein Fenster in diffuses Licht gehüllt ist und dessen größten Teil ein großer Konzertflügel einnimmt.

Ein achtseitiges Booklet begleitet das Album, optisch ebenfalls in dunklem Blau mit weißer Schrift gehalten. Neben der Auflistung der Titel und den Namen der an der Aufnahme Beteiligten erfährt man in den von Anthony Phillips verfassten Liner Notes ein paar Details zur Entstehung des Albums.

In der Mitte des Booklets befindet sich ein doppelseitiges Foto, das in einer interessanten Perspektive quasi durch den aufgeklappten Flügel hindurch einen versonnen lächelnden, am Instrument sitzenden Anthony Phillips in seinem Studio zeigt, neben sich an der Wand zahlreiche Gitarren.

Gemini - Pieces For Piano

Der Titel des Albums weist übrigens auf einen besonderen Meilenstein im Leben des Komponisten hin: das Titelstück Gemini wurde auf Anfrage des mit Anthony befreundeten italienischen Pianisten Gabriele Baldocci geschrieben, ursprünglich als Fassung für zwei Klaviere. Im Duo mit der weltberühmten Klassik-Pianistin Martha Argerich, der das Stück gewidmet ist, führte er die Komposition 2018 in Valencia erstmals im Konzert auf [siehe Video am Ende des Artikels]. Eine einzigartige Adelung für die Arbeit eines Komponisten!

Die Musik

44 Kompositionen unterschiedlicher Länge sind auf den beiden CDs enthalten: die Spanne reicht von ein paar knapp einminütigen Fragmenten hin zu fünf ausgedehnteren Stücken, die fünf bis zu sechseinhalb Minuten lang sind. Das Gros der Kompositionen hat eine mittlere Länge zwischen zwei und vier Minuten.

Alle Stücke sind am Flügel solo eingespielt, nur auf Spring Fair spielt Anthony mit sich selbst im Duett vierhändig, auf Lost Love dreihändig. Das kurze Zwischenspiel Crossing Lines erklingt auf dem Cembalo.

Eingespielt wurden die Stücke in Anthonys am Steinway-Flügel in seinem eigenen Studio zwischen Oktober 2022 und Oktober 2025. Beim ersten Hören der über zwei Stunden Musik bekommt man einen guten Eindruck von der romantischen Grundstimmung, die das ganze Doppelalbum durchzieht: viele der Stücke strahlen eine große Ruhe und Harmonie aus, die Musik von Anthony ist ja seit jeher dem Wohlklang verbunden. In Repose, in Ruhe, so heißt auch folgerichtig einer der Titel.

DISC ONE:

River Of Serenity
Sanctum
Oblique
Testament
Twister
Solitude
Kaleidoscope
Spring Fair
Gravitas
Piece For C.S.
Odyssey Of A Somnambulant
Confessional
Penitence
Lost Love
Cradle Of Night
Golden Days
Empyrean
Dying Star
Forest Green
Memoir

Das Eröffnungsstück River of Serenity (Fluss der Gelassenheit) geht ebenfalls in diese Richtung. Überhaupt fällt auf, dass etliche der Kompositionen Namen tragen, die eine Art die spirituelle Einkehr und Transzendenz suggerieren: Sanctum, Testament, Confessional, Penitence, Hymnal, Sanctity, um nur einige zu nennen. Wenn man aus den in dieser Weise betitelten Stücken eine Playlist bildet (was der Autor dieser Zeilen gemacht hat), so erhält man tatsächlich eine Zusammenstellung von Musik, die zur Kontemplation einlädt, ohne dass sie dabei Tiefe und Gehalt einbüßt.

Aber Gemini bleibt nicht stehen bei diesem Aspekt, und das Album ist schon gar nicht das, was man auf dem Markt als „Entspannungsmusik" verkauft bekommt. So führen die Stücke des Klavieralbums durch ganz unterschiedliche Stimmungen, wofür im Folgenden ein paar Beispiele genannt werden sollen.

Da gibt es zum Beispiel einige Arpeggio-Studien, wo das Klavier Kaskaden von wechselnden gebrochenen Akkorden voller Spannung aufbaut. „Studien" meint hier auch keine reinen technischen Übungen, sondern Spielstücke im Sinne von Chopins Etüden, die neben der Konzentration auf bestimmte Techniken vor allem gehaltvolle Spielstücke sind. Twister ist eine dieser Studien, die mir besonders gut gefällt. Das Stück hält dem Hörer einige überraschende Tonartwechsel bereit, um am Ende ganz leise auf dem Grundakkord auszuklingen.

Piece for CS gehört ebenfalls in diese Kategorie, es ist langsamer, melancholischer und verwebt die Arpeggien im schneller werdenden Mittelteil mit gegenläufigen Melodieführungen in der Oberstimme. Das Stück ist mit einer Widmung versehen zum Andenken an Colin Stunge, einen Freund Anthonys.

Anthony Phillips am Klavier
Foto: CD-Booklet

Einer meiner Lieblingstitel auf der ersten CD ist zugleich mit über sechseinhalb Minuten auch der längste auf dem Album: Spring Fair wurde vierhändig eingespielt, ein strahlender, lebensfroher Ton bestimmt die ineinander verzahnten Stimmen. Bilder kommen einem in den Sinn: das Erwachen der Natur, plätschernde Bäche und singenden Vögel, und die Freude der Menschen, die sich nach einem harten Winter auf einer Wiese zum Frühjahrsmarkt treffen.

Odyssee Of A Somnambulant gehört 5:32 Minuten ebenfalls zu den längeren Titeln, er entwickelt Dramatik und Spannung in einzelnen Szenen, und man mag sich in der Fantasie und in bewegten Bildern vorstellen, an welche Orte es den Schlafwandelnden auf seinem Weg verschlägt. Ob Anthony Phillips bei dem Stück an eine Vertonung des Stummfilms Das Cabinet des Dr. Caligari gedacht hat?

Ebenfalls zu den Highlights zählt für mich das mitreißende Empyrean.  – Wie eine schmetternde Fanfare erklingen jubilierende Akkorde über einem kraftvoll im Bass gespielten Orgelpunkt: Der triumphale Einzugs eines Königs, und das Imperium ist hier kein dunkles wie in John Williams' Imperial March, sondern ein befreites Land mit einen milden und gerechten Herrscher, wie am Ende der Saga Lord of the Rings.

Mit der sehnsuchtsvollen, melancholischen, sich dann aber dramatisch steigernden Melodie von Memoir klingt die erste Scheibe am Ende aus, nach einigen Sekunden Stille nach dem Schlusston erklingen noch ein paar verspielte Sounds, wie ein musikalisches Echo aus vergangenen Zeiten.

DISC TWO

Gemini
Hymnal
Frost Flower
Pablo Farceur
Labyrinth
Sanctity
Fathomless Caverns
Perdita
Faded Glory
Marking Time
Lady Moon
Sundowner
Canticle
Crossed Lines
Chansons Sans Mots (i)
Chansons Sans Mots (ii)
Chansons Sans Mots (iii)
Chansons Sans Mots (iv)
Chansons Sans Mots (v)
Chansons Sans Mots (vi)
In Repose
Sliding Doors
Pool Of Memory
Into The Firmament

Die zweite CD beginnt mit dem bereits erwähnten Titelstück. Gemini (Zwillinge) ist das Geburts-Sternzeichen der berühmten argentinischen Konzertpianistin Martha Argerich, der das Stück gewidmet ist und die es uraufgeführt hat. – Ein impressionistisch anmutendes Werk von elegischer Schönheit, das hier vorliegende Arrangement ist im Gegensatz zur ursprünglichen Duo-Version von Anthony allein am Flügel eingespielt.

Das schöne Labyrinth erinnert ein wenig an die Harmonik in manchen Stücken von Ants altem Kollegen Tony Banks.

Anthony Phillips' Liebe zu wechselnden und ungeraden Taktarten kommt auf dieser zweiten CD ebenfalls ein paar Mal zur Geltung: in dem kurzen Fragment Marking Time ist es ein 5/4-Takt, und im B-Teil der verspielten, farbenreichen Komposition Sundowner gar ein 13er-Takt.

Einen beträchtlichen Teil der zweiten CD nimmt ein aus sechs Stücken bestehender Zyklus ein: Chansons sans Mots ist ohne Frage als Hommage an Felix Mendelssohn und seine Schwester Fanny zu verstehen, die diese Bezeichnung und Gattung erfunden haben: die „Lieder ohne Worte" sind laut Reinhard Amons „Lexikon der musikalischen Form" gekennzeichnet durch „Erzählton, Sprachlichkeit, leicht fassliche und lyrische Melodik, klare Form"  *. – All dies trifft auch auf Anthonys Zyklus zu, er verwendet Liedformen wie ABABA, wobei bei den Wiederholungen Steigerungen erzeugt werden. Dabei vermeidet er das simple Nachahmen von Mendelssohns Stil, sondern transportiert die Form in die heutige Zeit. So klingt etwa Chansons sans Mots (iv) Elemente sogar ein wenig nach Pop-Piano.

Längster Track auf CD2 ist Fathomless Cavern, die unergründliche Höhle, einer der stärksten Titel, dunkel und geheimnisvoll. Donnernde Basstöne auf den tiefen Registern des Klaviers leiten das Stück ein, darüber weben sich impressionistisch gefärbte Akkorde und Melodien, die mit vielen Pausen gespielt werden, in denen sich die Resonanzen der Saiten des Flügels durch Einsatz des Pedals frei entfalten und gegeneinander schwingen können. Die Stimmung erinnert ein wenig an Debussys Cathédral Engloutie mit ihren unter dem Meer erklingenden Glocken. Wenn der Filmemacher Werner Herzog nicht mit Ernst Reijseger schon einen festen musikalischen Partner hätte, könnte man sich diese beeindruckende Komposition gut als Filmmusik zu Herzogs Film über die uralten Höhlenmalereien in Frankreich vorstellen.

Sliding Doors ist ein kurzes Fragment kurz vor Ende des Albums. Dass Anthony Phillips ein Faible für die langsam anschwellenden und dann jäh abbrechenden Klänge hat, die beim Rückwärts-Abspielen von Musik entstehen, ist durch viele frühere Veröffentlichungen belegt. Zu einem Zeitpunkt, wo man beim ersten Hören schon gar nicht mehr damit rechnet, kommt also auch hier ein kleines Rückwärts-Stück, das wie ein atmosphärisches Zwischenspiel zum nächsten Titel Pool of Memory überleitet.

Ganz am Schluss führt schließlich die Klangreise mit ganz viel Funkeln und Glitzern in himmlische Gefilde:  In Into the Firmament erklingt das Piano dann nicht pur, sondern gewürzt mit viel Hall, und mit anderen Effekten versehen, die Musik und die Seele heben sich hinauf in die unendlichen Weiten des Alls, vielleicht zu einer fernen, besseren Welt im Sternbild Gemini…

Fazit

Wer bis hierher gelesen hat, dem dürfte nicht die Begeisterung entgangen sein, die der Autor beim Hören, Analysieren und Beschreiben seines Sujets empfunden hat.

Schon bei seinen ersten beiden Piano-Alben habe ich mir immer den Gedanken gehabt, dass das die Klaviermusik sei, die ich mir von Tony Banks als Solist einmal gewünscht hätte. Für Anthony Phillips ist das Klavier das dritte Instrument, das er beherrscht, neben der Konzertgitarre und vor allem der 12saitigen Gitarre, auf der er in der Welt der Musik eine Ausnahmestellung einnimmt. Natürlich ist er als Pianist rein technisch nicht ebenbürtig mit einem Konzertpianisten, der als Spezialiszt** sein gesamtes berufliches Leben darauf verwendet, die Musik von Komponisten zu interpretieren.

Doch ist er durch seine große Musikalität und sein Gespür für Nuancen auch als Interpret am Klavier nicht zu unterschätzen. Und das hört man auch auf diesem Album. Es gibt es nur wenige Musiker, die als erstes Instrument die Gitarre spielen, und die ein derartig hohes spielerisches Niveau auch auf dem Klavier entwickelt haben wie Anthony. Ralph Towner oder Egberto Gismonti fallen mir ein, danach wird es dann schon dünner.

Als Komponist ist Anthony Phillips ein absoluter Könner, er ist ein Meister der Form und ein Zauberer der Harmonik. Er hat das Handwerk des Komponierens gelernt, und das hört man in jeder Note. Wie er eine Idee entwickelt, sie dann variiert und ausarbeitet, das ist ganz großes Klangkino. Unüberhörbar sind seine Einflüsse aus der klassischen Musik, vor allem aus den Epochen der Romantik und des Impressionismus. Vielleicht hat er selbst manchmal damit gehadert, dass er im falschen Jahrhundert lebt. Aber man sollte nicht vergessen, dass er trotz der Bezüge auf vergangene Komponisten wie Schubert, Respighi oder Ravel doch einen ganz eigenen Stil gefunden hat, und dass er eben doch ein Musiker der Gegenwart ist. Ganz besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle die große Bildhaftigkeit seiner Musik, die ohne das Medium Film nicht denkbar wäre. Klangkino eben.

Erwähnt werde sollte zudem, dass die Reihenfolge der Stücke sehr gut gewählt ist, jede der beiden CDs funktioniert für sich, aber auch nacheinander gehört im Ganzen, als eine eigene Klangreise.

Zum gelungenen Gesamteindruck trägt auch die exzellente Produktion bei. Das Klangbild ist transparent, dynamisch, den tollen, ausgewogenen Klang des Instruments und all seiner Obertöne und Resonanzen ausnutzend. Dabei ist die Produktion aber trotzdem nicht puristisch. Dezente Effekte wie separierte Resonanzen und Hallfahnen werden an manchen Stellen unaufdringlich platziert und schaffen Atmosphäre und akustischen Feenstaub.

Eine klare Empfehlung zum Erstehen des Albums geht natürlich an alle Anthony Phillips-Fans, die dessen akustische, kammermusikalische Kleinode mögen. Gefallen an dem mit Liebe gemachten Werk können sicher aber auch Liebhaber klassischer, romantischer und impressionistischer Klaviermusik finden, denn hier gibt es ganz klar Verwandtschaften und Einflüsse. Ich selbst werde mich auf jeden Fall noch häufig hinsetzen, um immer wieder neue Nuancen dieses abwechslungsreichen und liebevoll gemachten Werks zu entdecken.

Autor: Gereon Schoplick

Gemini – Pieces For Piano erscheint am 10. April 2026 und kann bei Amazon* und JPC* bestellt werden.

Anmerkungen:

* Reinhard Amon: Lexikon der musikalischen Form, Wien 2011, Eintrag „Lied ohne Worte".
** Das Wort „Spezialiszt" gibt es so natürlich nicht, es ist ein Tippfehler, der mir unterlaufen ist. Als ich ihn korrigieren wollte, fiel mir jedoch die in dem Zusammenhang äußerst passende Komik dieses Fehlers auf, so dass ich ihn habe stehen lassen.

Weitere Quellen:

Booklet Gemini, 2026, Cherry Red, Esoteric Recordings
www.anthonyphillips.co.uk