Peter Gabriel in Hamburg - No (Red) Rain
Ja, es gibt sie doch noch – die Konzerte ohne Regen. Nachdem so manches Konzert dieser Tournee durch Regen – sagen wir – etwas getrübt wurde, hatte Petrus ein Einsehen und bescherte den Anwesenden der Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark an diesem Abend ein perfektes Wetter.
Wir konnten Peter Gabriel mit seiner Band nicht nur bei perfektem Wetter, sondern auch an einem tollen Veranstaltungsort erleben. Eine Gruppe phantastischer Musiker war aufgeboten, um diesen Abend für viele Fans zu etwas ganz Besonderem zu machen.
Peter hat mit seiner Idee, die Fans über das abstimmen zu lassen, was er letztendlich live spielt, etwas realisiert, was viele sicher nicht für möglich gehalten hätten. So manchem Fan tränten wohl die Augen bei dem Gedanken, was diese Einstellung bei der aktuellen Genesis-Tour wohl für eine Setlist gezaubert hätte, aber hey, pfui, ich wollte ja hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen …
„Endlich“ lautete der Kommentar der Konzertbesucherin, die unmittelbar neben mir stand. Über eine Stunde war zu diesem Zeitpunkt gespielt, als die ersten Takte von Steam zu hören waren. Es kam in mir Verständnis für diesen Ausdruck ihrer Begeisterung auf. Denn die Zeit davor musste für viele Zuschauer schon eine Geduldsprobe gewesen sein: „Wann spielt er denn endlich die Hits?“. „Ganz am Ende“, übte ich mich in einer Mischung Gedankenlesen und Besserwisserei.
Wer als Fan diese Songs nur von Bootlegaufnahmen und dem offiziellen Album Plays Live kannte, war der Großteil der Show wie die Verwirklichung eines Traums. Nach The Rhythm Of The Heat als Opener folgten Klassiker der Gabriel-Historie - zwar teilweise von zweifelhafter songschreiberischer Qualität aber mit einem sehr hohem Kultfaktor.
Es gab Highlights en masse: Intruder mit toller Gestik, No Self Control, Lovetown, Schnappschuß (Gänsehaut pur), Humdrum, Not One Of Us (die Band ging hier richtig ab), Lay Your Hands On Me (nein, er hat sich nicht vornüber oder rücklings in die Menge fallen lassen) und Digging In The Dirt (Rhodes hat’s schon abgefahrener gespielt, aber egal). Dazwischen und danach einfach nur Historie pur und ein Traum (habe ich schon mal erwähnt), dies alles live mitzuerleben.
Nicht einen einzigen Cent dürfte der Besucher dieser Show bereut haben. Man bekam einen der besten Singer/Songwriter der letzen 30 Jahre live präsentiert, der mit einer phantastischem Band antrat, die Menschen zu verzaubern und in eine einzigartige Welt zu entführen – in seine Welt, die er geschaffen hat und an der er uns teilhaben ließ.


Am 20. Juni 2007 um 23:39 Uhr
Am Anfang steht die Überraschung, wie *klein* der Zuschauerraum ist. Ich tue mich schwer, derlei abzuschätzen, aber für mehr als 1500 Leute dürfte kein Platz gewesen sein. Nach den großen Hallen auf der Growing Up-Tour spielt Gabriel in nachgerade intimer Umgebung. In den ersten Reihen ist die Stimmung gut, links und rechts von mir haben zwei Elternpaare beschlossen, ihren Sprößlingen gute Musik nahezubringen, bevor sie für die in einigen Jahren gerade dominierenden Tokio-Take-That-Hotel-Klonen empfänglich werden - mit einigem Erfolg, wenn man nach dem Glanz in den Kinderaugen während des Konzertes urteilen darf.
Auch ein Orange-Fan-People-T-Shirt wurde gesichtet (Gruß an Katrin).
Die Show selbst wie ein Traum. Das Publikum - wenigstens die vorderen Reihen - ist zum Feiern entschlossen, und die Band pulsiert vor Spielfreude und läßt es richtig krachen. Die Akustik ist erfreulich gut, und der Sound kommt laut, aber nicht zu laut an - genau richtig, daß man nicht unbedingt Ohrenstöpsel benötigt. Gelöst und mit viel Schwung rockt sich die Band durch die Setliste - vom Rhythm Of The Heat bis In Your Eyes werden die allermeisten Songs, die ich gerne mal (wieder) live gehört hätte, dargeboten. Keine Greatest Hits-Setliste, von Up kein eines Stück dabei, das irritiert sicherlich diejenigen, die Peter Gabriel vor allem durch die gefühlten drei Stücke, die von ihm im Radio kommen (Sledgehammer, Solsbury Hill, Steam), oder den vor kurzem im Fernsehen gesendete Growing Up-Tourfilm kennen. Die genannten Stücke sind zwar dabei, aber es überwiegen die weniger bekannten und eher in Fankreisen hochgeschätzten Titel.
Kann man Gabriel das ankreiden? Darf man es? Man darf, so man möchte, über die Auswahl der Stücke unglücklich sein. Wir alle kennen die Melodie “Schade, daß er X gespielt hat und daß er Y nicht gespielt hat”; dieses Lied haben wir sicher alle schon einmal gesungen, egal wie genau wir wissen, daß das eine fruchtlose Argumentation ist. Doch der Unterton scheint mir bei der Warming Up Tour 2007 eher der zu sein, daß man das arglose Publikum hätte vorwarnen müssen; als ob auf der Karte neben dem Hinweis zu möglichen Hörschäden auch stehen müßte: “Vorsicht! Nicht-Hits überwiegen in der Setliste!” oder eher “Vorsicht! Konzert eher für Hardcore-Fans als für Gelegenheitshörer geeignet!” So etwas zu verlangen ist Unfug.
Gabriel hat das gespielt, was bei der Umfrage auf seiner Webseite als am meisten gewünscht herauskam. Es liegt in der Natur der Dinge, daß dort vor allem die Anoraks abgestimmt haben und weniger die Gelegenheitsfans. Entsprechend sieht die Setliste aus. Und ich bin damit sehr zufrieden und habe einen tollen Abend verbracht:
Ein kleines intimes Konzert. Gabriel hat kräftig abgerockt, die Band hat eine Menge Spaß gehabt, und die Besucher - wenigstens die um mich herum, bei denen ich das sehen konnte - auch.
(Allen Besuchern der weiteren Gabriel-Konzerte sei empfohlen, sich die Vorband anzuhören; eine exzellente Truppe mit sehr hörenswerter Musik! (Und der Sänger konnte außerdem noch den in-joke mit dem “donkey sanctuary” von Richard Evans aufklären) )
Am 21. Juni 2007 um 09:10 Uhr
Der Bericht “No (Red) Rain” vom Hamburg-Gig ist einer der rührendsten die ich in letzter Zeit gelesen habe - da sprang doch glatt das Wasser in die Augen! - DANKE, genau so war es auch in Gelsenkirchen, wo ich mir das Konzert zweimal angeschaut hatte!
Peter ist immer wieder ganz großes Kino, auch ohne große Bühnenshow: allein seine Stimme und Songs sind einfach zeitlos schön und trotz und mit aller Berühmtheit bleibt er dabei nah und menschlich - im Gegensatz zu seinen Ex(?)-Kollegen: aber ich will da nicht weiter lästern…die Fraktionen spielen einfach in unterschiedlichen Ligen und mir ist Peter`s “Naturbühnenshow” einfach um Längen näher!
Am 21. Juni 2007 um 10:13 Uhr
Eh, Bernd, was meinst du mit “teilweise von zweifelhafter songschreiberischer Qualität”?
Am 21. Juni 2007 um 13:34 Uhr
[QUOTE]Peter hat mit seiner Idee, die Fans über das abstimmen zu lassen, was er letztendlich live spielt, etwas realisiert, was viele sicher nicht für möglich gehalten hätten.[/QUOTE]
Das ist nun doch etwas idealisiert beschrieben, denn zum einen konnte man nur unter bereits vorselektierten Stücken auswählen (kürzliche gespielte Live-Hits waren nicht dabei), zum anderen nimmt Peter das eher als Leitfaden und ändert die Setlist immer etwas.
Aber ich gebe Dir Recht, es wäre interessant gewesen zu sehen/hören, wie sich so eine Ausgangsbasis bei Genesis ausgewirkt hätte. Welche Songs hätten sie dann gespielt. Aber auch so scheinen da immer noch telepathische Bande zwischen den alten Mitglieder aktiv zu sein, denn auch die Setlist von Genesis ist weniger auf Hits ausgerichtet, als man hätte befürchten können. Dass auch ein ‘Afterglow’ und ‘Ripples’ auftauchen ist einfach schön.
Schön dass es so etwas gibt. Die Fans der PG-Hits müssen halt auf die nächste Tour warten. Diese Tour ist auf eine Art halt auch ein Tribute vom Meister an seine alten und treuen Fans. Danke.
Am 24. Juni 2007 um 15:31 Uhr
@martinus:
1500 Leute ? Dann guckst Du hier: http://www.tonylevin.com/pg07_5.htm
Sind wohl doch ein paar mehr, oder ? Ist wirklich schwer, das zu schätzen, aber es sind 4-5000.
gruß
engholm