Spontan:
ITC
Duke
Fading
Spontan:
ITC
Duke
Fading
„Es ist eine seltsame Tatsache, dass es manchen Bands gelingt, Musik zu erschaffen, die in sich so stimmig ist, dass man meint, ein höheres Bewusstsein habe all das erträumt.“ (Steve Hackett)
Tonys Solos waren ohne Zweifel für mich bei der Entdeckung von Genesis ganz zentrale – wenn nicht sogar entscheidende – musikalische Erfahrungen: Als ich als Dreizehnjähriger zum ersten Mal „Second home by the sea“ und kurz danach den Instrumentalteil von „Cinema show“ auf „Seconds out“ hörte, glich dies einer wahren Offenbarung. Was konnte Musik – gerade auch ohne Gesang - für farbige, intensive, emotional aufgeladene und ergreifende Welten hervorbringen!
Und: Ich hatte wirklich das Gefühl, dass da jemand war, der mich kennen MUSSTE; der es verstand, meine musikalischen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu befriedigen, ohne dass ich diese zuvor auch nur ansatzweise hätte beschreiben können.
Von meiner Hilflosigkeit ausgehend, die ich in diesem Thread vor einiger Zeit verspürte, habe ich mich dann mal gezielt und etwas intensiver speziell mit den Solos beschäftigt und muss sagen, dass Tony einerseits ganz tolle melodische Abschnitte entwickelt hat, dass die Qualität der Solos aber auch sehr vom übrigen musikalischen Kontext abhängt.
Die Tendenz hierbei: Tony braucht einen recht komplexen Background, über dem er solieren kann, sonst wirkt sein Spiel schnell beliebig. In diesem Sinne wären z.B. „Cinema show“, „Apokalypse in 9/8“ oder auch „Riding the scree“ positive Beispiele und „Living forever“ sowie „There must be some other way“ negative. Speziell bei dem „Supper’s ready“-Solo merkt man, dass Tony sehr schlicht und einfach strukturiert spielt und das Solo eher als Teil der Gesamtkomposition die volle apokalyptische Wirkung entfaltet.
Das unterscheidet Tony doch beträchtlich von vielen anderen Solisten, die über einer einfachen Begleitung dann hammermäßig abledern – was ich nicht unbedingt erstrebenswerter finde.
Bei Banks begreife ich die Solos also immer als „Komposition“, und das nicht nur, weil er nicht improvisiert. Nein, die guten Solos scheinen mir wirklich etwas in sich Geschlossenes zu erzählen, haben eine besondere Art der wortlosen „Semantik“; und die Strukturierung / Abfolge der melodischen Passagen darf da nicht einfach verändert werden, was bei anderen, freieren Solos weniger das Problem wäre.
Meine 3 Lieblingssolos: Nachdem ich mir nun also einen Überblick verschafft habe, bleibe ich vor allem bei „In that quiet earth“, „Firth of fifth“ und „Cinema show“ hängen.
„In that quiet earth“: Tony spielt hier diabolisch-kraftvoll-urwüchsig, mit einigen harmonisch sehr ausdrucksstarken Dissonanzen (fast untypisch für ihn die Stelle ab 3:41: das sind rhythmisch sehr kraftvolle, fast schon expressionistische tiefe Töne). Er strukturiert das Solo rhythmisch hervorragend (z.B. ab 4:02, wo er schon durch die 1/16-Triolen eine Steigerung erzielt und dann fließend in rasante 1/32 übergeht) und entwickelt Phrasen und Abschnitte, deren Abfolge eine in sich geschlossene Dramatik ergeben. Sehr fassbar wird das an einer dieser gleichermaßen herrlichen wie typischen „Tony-Banks-Solo-Triumph-und-Schwelg-Melodien“: Bei 3:22-3:37 weiß man, warum Tony seine Solos lieber komponiert als improvisiert (was er vermutlich auch gar nicht gut kann): Er entwickelt hier diese in sich ästhetisch vollendeten Melodieabschnitte, die dann eben auch von der übrigen Band akkordisch und rhythmisch ganz zielgerichtet begleitet werden können – weil die anderen eben wissen, wie’s klingt und Tony natürlich auch feste Akkordfolgen vorgeben kann, die diese eine feste Melodie „harmonisieren“ (aber zum Improvisieren wenig geeignet wären).
Und diese „Triumph-und-Schwelg-Melodie“ kommt dann eben als krönender Abschluss der Solo-Komposition noch einmal direkt vor Afterglow. Das ist einfach wunderbar komponiert.
Cinema show: Die Grobstruktur des gesamten Stückes ist nun wirklich seltsam. Da gibt es diesen Gesangsteil und dann ein Riesensolo, das plötzlich ins Uferlose zu führen scheint. Der erste Teil und der zweite haben musikalisch überhaupt nichts miteinander zu tun (Taktart, Tonart, Lautstärke, Besetzung / Sound, Ausdruck sind völlig unterschiedlich und kontrastierend), man könnte versucht sein, von zwei unterschiedlichen Stücken zu reden.
ich begreife dies allerdings als sehr konsequente Öffnung bzw. gewolltes Überbieten einer geschlossenen Songstruktur zugunsten eines großen Zusammenhanges, der dann ja in der Reprise des ganzen Albums mit „Aisle of plenty“ endet. Ich fühlte mich an Thomas Manns „Zauberberg“ erinnert: Am Schluss verlässt der Protagonist die konkrete Enge einer Sanatoriumsszenerie und plötzlich öffnet der Erzähler die Handlung in jeglicher Hinsicht (räumlich, zeitlich, gedanklich), sodass einem fast schwindelig wird, und entlässt seinen Protagonisten nach fast 1000 Seiten einfach so in die Wirren des Ersten Weltkrieges – Schicksal unbekannt.
Tonys Solo weist hier ausnahmsweise mal so einen Ansatz von Jam-Session-Feeling auf. Auch dies passt meiner Ansicht nach zur Öffnung der Songstruktur. Wer aber genauer hinhört, findet hier doch wieder eine sehr treffsicher gestaltete Struktur. Tony beginnt bei 5:56-6:15 mit einem rhythmischen Eingrooven, z.T. mit vielen Tonrepetitionen. Die melodischen Ausprägungen sind hier äußerst minimalistisch: Es wird schlicht und ergreifend zunächst der 7/8-Takt etabliert (und die neue Tonart). Die Rhythmik fungiert als Ausgangspunkt für die große Entwicklung des Solos – ein durchaus sinniger Ansatz.
Ab 6:15 wird nun das rhythmische Ausgangsmotiv melodisch entwickelt, die Melodielinien und harmonischen Fortschreitungen werden in einem nächsten Schritt vorgestellt und erweitert.
Was jetzt folgt, ist m.E. wirklich ganz große Musik: Ab 6:43 beginnt eine Überleitung, die zunächst den alten tonalen Bezugspunkt (den Grundton) außer Kraft setzt und auch durch eine Fließbewegung (1/16-Läufe) Veränderung suggeriert – plötzlich gibt es eine Modulation und Tony zeigt durch einen langen hohen Ton an, das jetzt ein neues Ziel erreicht ist.
Jetzt kommt für mich persönlich die Melodie der Melodien – durch diese Stelle bin ich wahrscheinlich lebenslang Genesis-infiziert: Ab 7:01 hat sich die Musik nun wieder so komplett gewandelt, dass eine dieser „Triumph-und-Schwelg-Melodien“ als Ausdrucksträger die gesamte Aufmerksamkeit des Hörers bekommt und sich alle verfügbaren Körperhärchen wie eine Eins recken und strecken. Hier ist nun Melodie in Reinkultur – hymnisch und ergreifend. Die Rhythmik ist nun nur noch begleitendes Gerüst.
Was folgt, ist eine weitere Öffnung in grenzenlose, bunte Sologefilde: Tony darf hier nun von der Band fantastisch begleitet alle Regionen im emotionalen Eiltempo abgrasen und man hat hier fast den Eindruck, er würde sich verlieren, wie der Erzähler im „Zauberberg“ seinen Protagonisten verliert, bis…
…bis Tony dann sein neuntöniges Dreiklangsbrechungsmotiv einführt und die Band einen genialen Trick für den Einstieg in die Reprise von „Aisle of plenty“ anwendet. Tonys Motiv wird plötzlich umgedeutet von 1/8-Noten zu 1/16-Noten, sodass das gleiche Motiv nun plötzlich in einen langsamen 4/4-Takt münden und dort auslaufen kann, ohne einen so kurz vor Schluss zu abrupten Kontrast zu provozieren. Wow, wie geil ist das denn?
Firth of fifth: Wir hören zu Beginn eine von Tonys Lieblingsbeschäftigungen: mit gebrochenen Akkorden solieren. Kann äußerst unergiebig sein wie auf dem schlimmen Strictly Inc – Track „An island in the darkness“. Wo aber sind demgegenüber die Stärken beim Genesis-Klassiker?
Die Akkordpassagen bewegen sich über einem lebendigen harmonischen, dynamischen und rhythmischen Hintergrund bzw. haben sie selbst ausgeprägte, interessante rhythmische und harmonische Konturen. Aus den Spitzentönen z.B. ergibt sich so etwas wie eine eigenständige Linie, die man eben auch als greifbares melodisches Element wahrnimmt.
Dieses Klavierintro halte ich durchaus für eine tragfähige Komposition, die dann eben auch so viel Profil und Substanz hat, dass es auch im Mittelteil wiederaufgegriffen und variiert werden kann. Der Ausdrucksgehalt ist somit auch durchaus fein und schillernd anstatt eindimensional. Und die Einheit von Intro, Binnensolo und Outro erzeugt diese wunderbare Geschlossenheit des Stückes, welches durch eine motivische Konzentration eben eine sehr„dichte“ Wirkung bekommt.
Interessant: Trotz der vorhandenen Komplexität weisen die Solo-Passagen auch eine gewisse Eingängigkeit auf, sodass ich hier von einer Art „Ohrwurm“ sprechen würde, den man z.T. fast mitsingen möchte.
Zum Schluss noch ein paar weitere Gedanken zu anderen Solos von Tony:
In the cage: ist mit viel Esprit und Schwung und auch harmonisch lebendig mit einem schönen Schlenker zum Schluss
Slipperman: ist für mich ein unkompliziertes Spaßsolo
Riding the scree: ganz großartig; sehr ausdrucksstark bzw. mit vielen Ausdrucksfacetten und abwechslungsreich; hier werden immer wieder kontrastierende Elemente einander entgegengesetzt, sodass im Endeffekt eine ausgleichende Harmonisierung stattfindet
Entangled: schwebend, fließend; lebt von den Akkordwechseln und Klangfarben
Mad man moon: nicht schlecht, aber auch nicht spitze; bei 3:28-3:39 nur ungenau oder zumindest nicht transparent genug gespielt
Robbery, assault & battery: für meine Begriffe ein Spitzensolo; sehr viel Esprit, sehr witzig, rhythmisch außerordentlich lebendig; passt ausgezeichnet zur humoristischen Note des Songs
Ripples: ist für mich kein Solo, sondern eher ein Gitarren/Keyb.-Duett
Down and out: mit Power und passt absolut zum Stück; schöne rhythmische Ideen vor dem Hintergrund des 5/4-Takts
The lady lies: mit viel Bending, aber wenig Struktur / Kontur und vielen Wiederholungen
Follow you follow me: schöne Linie, die einerseits nett bewegt ist, andererseits aber auch fast kantabel erscheint und somit zu dem Ohrwurmsong gut passt
Inside and out: einfaches, fröhliches Gedudel, aber auch leicht penetrant bis nervig; gibt wenig her
Dodo / Lurker: hochinteressant, weil hier der Bruch mit der Bandtradition fast schon symbolisch in Musik gegossen wird: Tony spielt 5 Mal die gleiche Melodie. Keine Entwicklung. Sinniger kann man den Minimalismus nicht etablieren als das neue musikalische Credo der 80er und auch der 90er. Die Melodik aber ist hier noch gut gemacht, weil rhythmisch nett und motiviert; das Solo fällt auch durch diese große auftaktige Bewegung zu Beginn auf – und natürlich durch den etwas „angeschrägten“ Sound: Es ist das Anti-Solo par excellence, aber eben nicht im abwertenden Sinne; auch die perkussiven Elemente des Backrounds sind echt witzig und nicht so plakativ in Szene gesetzt
That’s all: gutes, nettes Pop-Solo
Second home by the sea: bei 1:18 wieder so eine große, typisch schwelgend-kantable Melodie; dieses Solo verbindet das Ausladende der frühen Siebziger mit dem Minimalismus der 80er.
Tonight, tonight, tonight: bei 4:18 beginnt eine Art polyphones Solo; nette Idee
In too deep (3:08-3:39): billig
Do the neurotic: irgendwie mag ich das Teil – allerdings spielt Tony da echt naive und belanglose Tonfolgen; ab 2:30 ist das rhythmisch die unterste Schublade und klingt echt amateurhaft
I’d rather be you: 1:44-2:05 hat hohes Fremdschämpotenzial; später spielt Tony immer die gleiche Figur, die sich offensichtlich im Ohr festsetzen soll – das nervt allerdings beträchtlich
Feeding the fire: furchtbarer Sound am Anfang, und das ist da auch nur Gedudel; bei 3:21-4:21 nimmt er erst die Gesangsmelodie auf und spielt dann eine Kindermelodie in ¼-Noten mit einem Plastik-Schimmer-Sound, sodass es nur flach und ohne jegliche Entwicklung dahinschimmert
Submarine: interessanter Songansatz, bleibt jedoch auch im Ansatz stecken: zwar interessante Akkordfolgen, aber melodisch-motivisch ist das Käse (schlechte Pink-Floyd-Kopie), weil nur ermüdend und langweilig
The brazilian: „Disco“-Solo: monoton, dämlich-infantile „Melodien“ = richtig blöde Tonfolgen; das „Abacab“-Prinzip (Minimalismus) auf die Spitze der Substanzlosigkeit getrieben: Der Sound wird hier als alleiniger „Ausdrucksträger“ instrumentalisiert
I can’t dance: mein Lieblingssolo der 90er; Tony entdeckt seine Roland-Presets und spielt ein „experimentelles“ Solo damit; zwar absolut plakativ, passt aber wirklich zum Song wie Arsch auf Eimer; das ist für mich guter Pop
Fading lights: guter Einstieg in den Soloteil mit den Aufmerksamkeit weckenden bombastischen Akkorden; wird allerdings auch irgendwann ermüdend mit den ständigen, eher konturlosen 1/8-Passagen und dem grobschlächtigen Plastiksound
There must be another way: kein besonderer Abstieg, da sich das Elend schon zuvor abzeichnete; manchmal liest man im Forum etwas in der Richtung, Genesis habe sich stets „weiterentwickelt“, wobei dieses Stück inkl. Solo eher ein hilfloser stilistischer Abklatsch früherer Zeiten ist („Fading lights“ / „Mama“ / „Domino“ / „Tonight x3“)
townman: In jeder Hinsicht ein herausragender Beitrag! Habe ihn sehr gerne gelesen. Solange es solche User gibt, die sich fundierte Gedanken über unsere Lieblingsband machen, wird das Genesis-Forum auch nicht sterben.
townman: In jeder Hinsicht ein herausragender Beitrag! Habe ihn sehr gerne gelesen. Solange es solche User gibt, die sich fundierte Gedanken über unsere Lieblingsband machen, wird das Genesis-Forum auch nicht sterben.
...dem möchte ich mich gerne 100%ig anschließen ![]()
ZitatIn jeder Hinsicht ein herausragender Beitrag! Habe ihn sehr gerne gelesen. Solange es solche User gibt, die sich fundierte Gedanken über unsere Lieblingsband machen, wird das Genesis-Forum auch nicht sterben.
Dem möchte ich mich anschließen. Möglicherweise der mit Abstand
sowohl emotionalste, als auch sachlich fundamentierteste Beitrag,
den ich hier jemals gelesen habe (ähnlich wie jene
von Max, mit Herzblut geschrieben und ohne Scheu, uns an den
Emotionen beim Hören/Ersthören teilhaben zu lassen). Gekonnt
gekleidet in eine ästhetische Sprache voller Allegorien und einer
interessanten Einbettung in Thomas Mann's Zauberberg.
Im Jahre 2008 verbrachte ich - infiziert mit Tuberkelchen - einen
vollen Frühlingsmonat in der Robert-Koch-Klinik und habe dieses
Werk (obgleich lang schon begeistert von "Joseph und seine Brüder")
infolge des Sachzwangs erstmals, mit zunehmender Begeisterung,
gelesen.
Inhaltlich unterschreibe ich jedes Wort. Danke dafür.
STAGNATION? wenn das gegangen wäre, ICH hätte auch dafür gestimmt!
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Danke für die Rückmeldungen - freut mich, wenn ihr den Kram gerne gelesen habt. Vielleicht kommt ja noch mal irgendwann auch die ein oder andere Beobachtung / Ergänzung / alternative Hörerfahrung dazu.
Colonyslipperman:
ZitatSTAGNATION? wenn das gegangen wäre, ICH hätte auch dafür gestimmt!
Herma auf jeden Fall auch. Vielleicht ist seine Depräsenz ein
stiller Protest gegen die Nichtberücksichtigung seines
Lieblings-Songs ...
Danke für die Rückmeldungen - freut mich, wenn ihr den Kram gerne gelesen habt. Vielleicht kommt ja noch mal irgendwann auch die ein oder andere Beobachtung / Ergänzung / alternative Hörerfahrung dazu.
Danke townman, sehr schöner Beitrag.
Natürlich nicht ganz so gut wie meiner in dem Thread über Phils Tochter und deren Lover, wo ich ja Sachverhalte kurz, aber trotzdem überlegt und niveauvoll auf den Punkt bringe.:cool:
. aber das schaffst Du auch noch (Satire Ende):)
Danke townman, sehr schöner Beitrag.
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Natürlich nicht ganz so gut wie meiner in dem Thread über Phils Tochter und deren Lover, wo ich ja Sachverhalte kurz, aber trotzdem überlegt und niveauvoll auf den Punkt bringe.:cool:. aber das schaffst Du auch noch (Satire Ende):)
OT und nichts zur Diskussion beitragend: Schön, dass man mit dir jederzeit entspannt posten kann, auch wenn's mal kontrovers zur Sache geht. (Ausdrücklich keine Satire!)