Male Intro
Du kennst das. Man sitzt auf dem heimischen Sofa, der für teures Geld zugebuchte Bluechannel bringt nur langweiliges Softcoregerammel und das Wochenende will einfach nicht zu Ende gehen. Was also tun? Man könnte Freunde zum Essen einladen oder mal wieder ins Kino gehen. Aber das kostet alles Geld und seit dir Herma im Suff in den Herd gekotzt hat, wolltest Du eigentlich niemanden mehr in deine vier Wände lassen. Aber hey, da im Regal mit den ganzen gebrannten DVDs und überspielten VHS stehen ja noch einige Livebootlegs oder eventuell sogar originale Aufnahmen von Peter Gabriel Konzerten. Den älteren Herren hast Du dir schon lange nicht mehr angetan und bevor du aus lauter Langeweile deiner Freundin erlaubst vorbei zu kommen, kannst du dir genauso gut mit Peter einen schönen Abend machen. Hmm... ganz schön warm hier...
Female Intro
Du kennst das. Es ist Abend, auf dem Tisch steht eine Flasche Prosecco, doch der gutaussehende Typ mit dem Dreitagebart und dem durchtrainierten Körper hat dir gerade eine SMS geschrieben, das er doch nicht kommen kann. Seine Großmutter ist gestorben. Zum dritten Mal in diesem Jahr. Frustriert öffnest Du den Schrank mit den Pralinen und greifst dir eine der Mon Cherie Packungen die du letztens aus dem örtlichen Supermarkt mitgebracht hast. Den Prosecco trinkst Du gleich aus der Flasche. Scheiß auf Anstand, ist eh keiner da. Wieder mal. Eine Handvoll Pralinen verschwindet in deinem Mund, während dein inzwischen leicht alkoholisierter Blick auf das DVD Regal fällt. Könnte mir mal wieder ein Konzert von Peter angucken, denkst du dir. Der hat mich noch nie enttäuscht. Ein zuckersüßes Gesicht, wunderschöne Augen und eine Stimme aus purem Sex. Eine Art englischer Herma. Außerdem will er nicht bis zum Frühstück bleiben.
Natürlich gibt es noch andere Gründe um sich ein Peter Gabriel Video anzuschauen. Und um ehrlich zu sein, interessieren mich eben jene Gründe überhaupt nicht. Nein wirklich, es geht mir am Arm vorbei. Interessieren würde mich hingegen, welcher PG Livemitschnitt für euch der gelungenste ist. Und, noch viel wichtiger: Warum. Aus diesem Grund habe ich auch auf eine Umfrage verzichtet, ganz einfach um nach Möglichkeit Postings nach dem Motto „Growing Up 2004“ zu vermeiden. Mich interessiert die eigentliche Antwort als solches natürlich auch, aber noch gespannter bin ich auf eure Begründung. Gott, das klingt dermaßen geschleimt, dass ich mir gleich aufs Hemd sabbere oder mich als Redakteur für den Kulturbereich des Deutschlandfunks bewerbe. Aber ich denke ihr wisst was ich meine.
Und da ich von Natur aus eher zu den geltungssüchtigen Labertaschen gehöre, mache ich denn auch gleich den Anfang.
Mein herzallerliebster Liebling, lieblichster Konzertlichkeiten ist in Sachen Peter Gabriel ganz eindeutig der Rockpalastauftritt von 1978. Das Konzert hat einfach alles, was ein guter Livekonzertmitschnitt für mich haben muss.
Da wäre zunächst natürlich die Setlist. Von On the Air bis zu The lamb lies down on Broadway als Zugabe bietet eben jenes Konzert keine wirklichen Längen. Lediglich Waiting for the big one könnte kürzer sein, aber da entschädigt das Geschehen auf der Bühne. Das es damals noch keinen Unfug wie in your eyes, shaking the tree oder Don´t give up gab, ist sicherlich ein weiterer positiver Aspekt des Konzertes, hätten diese, von mir innigst verachteten Stücke, doch das Niveau arg gedrückt.
Noch wichtiger erachte ich aber die Energie, die dieses Konzert ausstrahlt. Ich habe ja schon einiges von PG sehen müs... äh... dürfen, aber weder davor (mit Genesis) noch danach, erreichte er je wieder diese Aggressivität. Zumindest wurde sie meines Wissens nirgendwo anders so grandios eingefangen, wie hier. Selbst die ruhigeren Stücke wie Here comes the flood (dankenswerter Weise in englisch), White Shadow oder Humdrum wirken um einiges frischer als auf späteren Touren oder gar auf den entsprechenden Studioalben.
Ein weiterer Pluspunkt dieses Konzerts liegt sicherlich in der äußerst spärlichen optischen Inszenierung. Von den Warnwesten und einer (ziemlich hohen) Leiter mal abgesehen gibt es keinen visuellen „Firlefanz“ wie man ihn vorher von Genesis kannte und wie ihn Gabriel auch später wieder zu Hauf verwendete. Überhaupt scheint Gabriel zu jener Zeit eher mit dem Publikum interagiert zu haben, als ein „musikalisches Theater“ (nein, ich meine das nicht abwertend
) aufzuführen. Dies wird besonders bei Waiting for the big one deutlich. Peter turnt durchs Publikum und Sid McGinnis raucht auf der Bühne in aller Ruhe. Ich möchte mir gar nicht den empörten Aufschrei der Gutmenschen (übrigens Vizeunwort des Jahres 2011. Meinen Glückwunsch an dieser Stelle) vorstellen, wenn ein Musiker heutzutage den Tabakkonsum so offen propagiert. Auch im Publikum ist hier und da ein Glimmstängel zu erblicken. Wie auch immer: Die ganze Band macht besonders während diesen Stücks einen ungeheuer entspannten Eindruck. Das mag Absicht sein, kommt aber nicht so rüber. Mir auf jeden Fall sympathischer als spätere Shows.
Zu guter Letzt bleibt dann noch ein Faktor, welcher einem normalerweise nicht sofort bei Konzerten einfällt. Nämlich der Humor. Damit meine ich nicht unbedingt die Scherze und Albernheiten der Band auf der Bühne (welche in meinen Augen deutlich weniger peinlich wirken als Collins’ entsprechendes Kasperletheater). Nein, mein schlichtes Gemüt erfreut sich an anderen, kleinen Herrlichkeiten. Zum einen wäre da das, dem Konzert nachfolgende Interview, welches schon rekordverdächtig peinlich ist. Die beiden Moderatoren (deren Namen mir dankenswerterweise nicht geläufig sind) wirken als hätten sie sich vor, während und nach dem Konzert mit irgendwelchen illegalen Substanzen zugedröhnt und blicken demzufolge wie zwei kokainsüchtige Karnickel ins weite Rund und belästigen Peter mit Fragen über deren Sinn ich im nüchternen Zustand nicht nachzudenken wage.
Ein weiteres Highlight ist das Publikum. Selten habe ich einen solch phlegmatischen Haufen auf einem Konzert gesehen und das will was heißen. Immerhin bin ich, wenn’s mich mal zu einem Liveauftritt verschlägt, auch nicht gerade dafür bekannt der erste im Moshpit zu sein. Aber vielleicht war ihnen auch ihre eigene Optik peinlich. Während Band und Peter selbst zwar eher unscheinbar aussehen, bekommt man beim Publikum einen Lachflash nach dem anderen. Vokuhila und Schnauzbärte in denen sich ganze Bienenschwärme verirren könnten wohin man schaut. Hier und dort noch mit einer (getönten) Pilotenbrille verziert. Bei der Eintönigkeit des schlechten Geschmacks beschleicht mich manchmal das Gefühl, vor dem Konzert wären falsche Bärte und Perücken verteilt worden. Meine Fresse, so kann und konnte man doch nicht rumlaufen. Aber man kann es sich angucken und sich die fette Plauze vor lachen festhalten.
Obskures: Naja, nicht wirklich, aber deutsche Übersetzungen bzw. Untertitel sind ja immer ein Quell der Verzweiflung. So erfuhr ich erst vor wenigen Wochen, dass der Gitarrist der Band nicht Sid McGuiness, sondern Sid McGinnis heißt. Langsam wird mir auch klar, warum ich jahrelang nichts zu ihm fand...
So, nun habe ich in wenigen Worten und total laienhaft beschrieben, was mich am Rockpalastvideo so begeistert. Nun seid ihr dran. Also besor... äh... schreibt mir recht viel, damit das bald folgende Wochenende nicht ganz so trostlos wird. Mir gehen die Videos aus. ![]()
Falls ich jemandem aus versehen Lust gemacht haben sollte, auf eben jenes Video, hier mal die Songliste und die Musiker. Allerdings ohne Instrumente, da dies auch mal wechselt (vor allem bei Waiting for the big one).
Musiker: Peter Gabriel, Tony Levin, Sid McGinnis, Larry Fast, Jerry Marotta und Timmi Capello,
Setlist: On the Air, Moribund the Burgermeister, Perspective, Here comes the flood, White Shadow, Waiting for the big one, Humdrum, I don’t remember (anderer Text), Solsbury Hill, Modern Love, The lamb lies down on Broadway (Zugabe)