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Ungelesen 14.08.2010, 20:55   #327 (permalink)
townman
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Ich kann das sicherlich auch irgendwie nachvollziehen, wenn man das "Abacab"-Album "unausgewogen und widersprüchlich" (Teemeister) findet. Aber nicht die Begründung, dass sich die Band sozusagen nicht zwischen Punk- und Popeinflüssen entscheiden konnte. Da kann ich nur sagen: GOTTSEIDANK HABEN SIE SICH NICHT VOR (ODER GAR HINTER) EINEN STILISTISCHEN KARREN SPANNEN LASSEN!!!
Der Reiz des Albums besteht für mich u.a. in der lebendigen und offenen / autonomen (!) Auseinandersetzung mit neuen musikalischen Trends / Entwicklungen. Die drei haben jetzt nicht den Fehler gemacht, nur auf die veränderte musikalische Landschaft zu REAGIEREN, sondern sie haben offensichtlich gewagt, zu AGIEREN, indem sie neue Elemente in kreativer Weise adaptiert und eigenständig montiert haben. Das Gesamtbild gab dem Album eine für mich sehr greifbare Identität: Es war bunt, experimentierfreudig, humorvoll, selbstironisch, offen zu vielen Seiten hin - und Genesis haben sich selbst dabei nicht verloren, denn es gibt auf "Abacab" bei aller Heterogenität einen roten Faden: den Minimalismus. (Den leben sie jetzt beherzt und fast jugendlich beschwingt nach Lust und Laune aus.)
Dieser Minimalismus war ja wirklich zeitgemäß - sowohl als Antwort auf die eigene Bandgeschichte, die sich nicht in (uninspiriertem) Bombast totlaufen durfte und schon mit "Follow you(...)" sowie "Misunderstanding" usw. mit Erfolg ausprobiert worden war, als auch hinsichtlich der Merkmale von Pop, Punk und Disco.
Was "Abacab" aber eben besser macht als wahrscheinlich die meisten (alle?) Punk- / Disco-LPs - der Minimalismus erschöpft sich eben nicht in stilistischer Gleichförmigkeit, folgt keinem Ausdrucksdiktat der tanzwütigen Masse, sondern korrespondiert fantastisch mit der angesprochenen Vielfalt auf diesem umstrittensten Genesis-Album. In diesem Sinne ist es für mich auch durchaus sehr "progressiv".
Der Teemeister hat ja King Crimson als ein leuchtendes Beispiel angeführt. Das unterstütze ich sehr - und des Meisters Begründung fand ich wunderbar: Das ist eine Band, welche immer auch aktuelle Entwicklungen registriert, aufnimmt, verarbeitet - und einen ganz eigenen musikalischen Standpunkt daraus entwickelt (u.a. eben auch Trends persifliert, aber auch deutliche Gegengewichte schafft).
Hätten Genesis das "Abacab"-Prinzip ernst genommen, dann hätten sie so etwas auch schaffen können. Sie hatten leider, leider keine Lust dazu.
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