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Phil Collins - "Hello, I Must Be Going!"

The Blue Side


Nur etwas mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung von Face Value erschien 1982 die zweite Soloplatte von Phil Collins. Die Trennungs- und Scheidungserlebnisse, die sein Debütalbum so nachhaltig geprägt hatten, schienen verarbeitet; der Albumtitel Hello, I Must Be Going, den Collins von dem seinerzeit sehr beliebten Vaudeville-Komiker Groucho Marx entlehnt hatte, deutete schwungvolle Hinwendung zu Neuem an.

Musikalisch änderte sich verglichen mit dem Vorgängeralbum in der Tat einiges. Collins holte mehr Gitarren und verbannte den Drumcomputer komplett vom Album – auch um zu verhindern, dass die Platten zu sehr miteinander verglichen würden, wie er im Interview freimütig zugab. Auch schrumpfte die Besetzung; auf Hello... wird Phil nur vom Gitarristen Daryl Stuermer, den Bassisten John Giblin und Mo Foster, Peter Robinson an den Tasteninstrumenten, den Phenix Horns und einigen von Martyn Ford arrangierten Streichern begleitet. Bis auf Mo Foster hatten alle schon Face Value miteingespielt.

Ein Instrument rückt bei den Arrangements besonders weit in den Vordergrund. Liegt es daran, dass es die Wut, das Bedürfnis „dreinzuschlagen“ am greifbarsten illustriert? Oder wollte Collins demonstrieren, dass er, obwohl der Erfolg von Genesis ihn vor allem als Frontmann und Sänger zeigte, in allererster Linie ein Drummer ist? Jedenfalls spielen Schlagzeug und Percussion eine führende Rolle – so sehr, dass man Hello, I Must Be Going gut ein Schlagzeugeralbum nennen darf.


Im Film Animal Crackers singt Groucho Marx das Liedchen Hello, I Must Be Going in der Rolle eines Mannes, der sich, kaum dass er eingetroffen ist, am liebsten schon wieder von einer festlichen Gesellschaft verabschieden möchte. Er befindet sich also gerade zwischen Ankunft und Abschied, zwischen Beginn und Ende, und diese Lebenslage ist es auch, die die Stücke auf Collins zweitem Album abbilden: Es sind Impressionen von Beziehungen zwischen Kennenlernen und Trennung – oder eher umgekehrt zwischen Trennung und Kennenlernen? Ohne das alte Wort, vom Zauber des Neues, das dem Abschied innewohne, bemühen zu wollen, ist es doch wahr, dass nur selten etwas Altes zu Ende geht, ohne dass gleichzeitig schon etwas Neues beginnt. So bewegen sich die Lieder auf Hello I Must Be Going zwischen Versprechungen von Zärtlichkeit (Like China) und trennungsschmerzerfüllter Wut (I Don’t Care Anymore), zwischen der Isolation allein (Thru These Walls) und dem Kommunikationsverlust zu zweit (Why Can’t It Wait Til Morning). Mehr noch als Face Value ist Hello, I Must Be Going ein Trennungs-Album.


Das Album beginnt mit dem trockenen Schlagzeugrhythmus von I Don’t Care Anymore. Vor der Instrumentierung mit lang gehaltenenen Keyboardakkorden und Daryls Gitarrentupfern im Hintergrund lässt da jemand seine Verflossene wissen, dass ihre Verleumdungen ihm jetzt völlig egal seien, weil es selbst ihre Freunde nicht mehr interessiere. Er will nur seine Ruhe vor ihr – oder? Allmählich wird das Arrangement jedenfalls reicher und der „Sprecher“ verliert zunehmend die Beherrschung: Die Sprache wird affektiver („you listen? I don’t care no more“ – „hörste? Is’ mir doch völlig egal“), der Gesang aggressiver bis kurz vor’s Schreien. Gerade der trotz allem recht nüchterne Mix hebt hervor, wie unbändig wütend der Sprecher ist. Wer möchte da noch glauben, dass es ihm wirklich alles egal sei? Der Wutausbruch steigert sich, bis die Worte versiegen, allein das „no more“ bleibt und selbst dieses rasch zum Bestandteil des Rhythmus’ wird.


coverBläser, fröhlich tingelnde Percussion und ein beschwingter Groove zeugen von einem kräftigen Stimmungsumschwung. Nur der Text will so gar nicht zu der fidelen Stimmung von I Cannot Believe It’s True passen. Hier deuten sich die Veränderungen im Leben des Herrn Collins an. In einem Interview erklärte er, I Cannot Believe It’s True beschreibe ursprünglich das Gefühl, das er bei seiner neuen Partnerin hatte: Ich kann kaum glauben, dass es wirklich du bist. Unter dem Eindruck „unerfreulicher Briefe“ von den Anwälten seiner Ex-Frau habe sich die Bedeutung des Refrains geändert: „Ich kann kaum glauben, dass du diejenige bist, die mir das antut.“ Hier leistet jemand einen Offenbarungseid: Du hast schon alles, mehr habe ich nicht. Die Phenix Horns packen bei diesem Song ihre Instrumente mal zur Seite und betätigen sich unter dem Titel Phenix Choir als Backgroundsänger. Die Diskrepanz zwischen Songtext und Musik kann das aber auch nicht übertünchen, und so ist I Cannot Believe It’s True nicht so überzeugend wie der Rest des Albums.


Ein griffiges Gitarrenriff von Daryl führt in das dritte Stück. Like China beginnt als das Lied eines jungen Mannes, der von der ersten großen Liebe überwältigt wird. Nach erstem Zögern macht er ihr mit allerlei Komplimenten den Hof und hält sich doch zurück – sie scheint seine Liebe nicht zu erwidern. Hält er sich zurück? Er verspricht ihr so vorsichtig mit ihr zu sein, als wäre sie aus zerbrechlichem Porzellan („like china“ – mit dem Land hat das nur sehr indirekt zu tun), ihr nicht wehzutun – hält er sich zurück? Mitnichten, er hat ein Ziel: „Ich weiß, dass es dein erstes Mal ist.“ Die Ablehnung, die er durch ihre Familie erfährt, ist ihm bewusst, aber er nimmt sie in Kauf. Erfolg ist ihm wohl trotzdem nicht beschieden, wenn ein wenig Händchenhalten bislang der engste Kontakt war. Vom Arrangement her greift Like China das erste Stück des Albums wieder auf, wirkt dabei aber kräftiger, lebhafter und abwechslungsreicher.

Mit leisen, kurzen Gitarrentupfern und anderen Klängen rollt aus dem Hintergrund eine tosende Soundwelle an und bricht sich in einem kräftigen Rhythmus aus Schlagzeug und Basspedal, der das gesamte Stück dominiert. Die Wut aus I Don’t Care Anymore, hier ist sie wieder, mischt sich mit dem rasenden Schmerz eines Frischverlassenen. Und sogar im Titel klingt der andere Song an: Do You Know Do You Care? ist aber keine Antwort, sondern ein empört-anklagendes „Weißt du, was du mir damit antust?“ Hier ist das ganz große Arrangement aufgefahren: Großer, rollender, raumgreifender Klang – kaum zu glauben, dass bei diesem Stück neben Phil nur Daryl zu hören ist.  Es ist das letzte Auflodern dieser gewaltigen Wut auf Hello, I Must Be Going.

Wer sich an diesem Punkt des Albums thematisch voll auf die Schattenseiten von Beziehungen und musikalisch auf wutvolle Arrangements eingestellt hat, dürfte beim nächsten Stück – dem letzten der ersten Seite – überrascht aufblicken. Ein flotter Schlagzeugbeat purzelt beschwingt aus den Boxen, und Phil erinnert sich daran, was seine Mutter ihm über das Verlieben gesagt: Man kann es nicht herbeizwingen – You Can’t Hurry Love. Das hatten vor ihm schon 1966 die Supremes festgestellt. Ein vergleichsweise fröhlicher Song, der das Thema der zweiten Albumseite einführt, nämlich die Phase zwischen zwei (oder wenigstens vor der nächsten) Beziehung.

Funkige Bläsersounds stehen am Anfang des nächsten Songs. Was in I Don’t Care Anymore nur behauptet wurde, ist hier glaubhaft: Das Ende der Beziehung ist abgeschlossen, die Verleumdungen treffen nicht mehr. It Don’t Matter To Me wirkt viel gelöster als das schmerzverkrampfte erste Stück, mit dem es sich nahezu den Titel teilt. (Und Englischschüler notieren jetzt bitte, dass es selbstverständlich It Doesn’t Matter To Me heißen müsste).

Dann folgt eine ruhige Nummer. Thru These Walls ist das Lied eines Menschen, der sich in seiner Wohnung verkrochen hat und nur noch durch Trennwände an der Welt teilnimmt: Durch Wände, hinter denen er die Nachbarpaare beim Liebesspiel hört, durch Fenster, aus denen er den Rest der Menschheit dabei beobachtet, wie sie miteinander leben. Ein Song über  einen Akustik-Spanner also? Oder das Klagelied eines einsamen Menschen, der, so gerne er Kontakt aufnehmen möchte, doch immer das Gefühl hat, dass niemand Kontakt zu ihm haben möchte: „Verlange ich denn wirklich so viel, wenn ich einfach meinen Arm ausstrecken und jemanden berühren möchte?“ Vielleicht beides, genauso wie musikalisch sparsame, irgendwie bedrohliche wirkende Elemente mit zügigeren, schwungvollen Passagen abwechseln – und Collins hier genau wie in In The Air Tonight quer übers Schlagzeug rumpelt.

Don’t Let Him Steal Your Heart Away fängt an wie eine typische Pianoballade, entwickelt sich dann aber zu einer Nummer für die ganze Band, die aber wiederum nur aus Phil, Daryl, John Giblin am Bass und einigen von Martyn Ford arrangierten Streichern besteht. Vor einem schwerfälligen Honkytonk-Klavier bittet da jemand, der seine Beziehung vernachlässigt hat, seine (Ex-?)Partnerin darum, sich nicht von ihrem Tröster einwickeln zu lassen. Die vorgebliche Besorgnis („du machst doch nur dir selbst etwas vor“) entpuppt sich wieder einmal wie bei Like China als einigermaßen selbstsüchtige Interessenspflege: Stell mir nicht die Koffer vor die Tür – der lässt dich doch eh sitzen. Mit den Streichern, die fast das gesamte Stück untermalen, findet sich hier eine klassische Collins-Ballade.

Das vorletzte Stück auf Hello, I Must Be Going entpuppt sich als die fetzigste Nummer der ganzen LP. The West Side ist heiße, jazzige Musik voller Groove. Das eingängige Altsaxophonspiel von Don Myrick und spritzige Fanfaren der Phenix Horns malen einen heißen Abend in der West Side aus. Collins tobt sich am Schlagzeug aus und singt gelegentlich begeistert über Daryls Gitarren hinüber – wie auch nicht bei solch einem Groove?

Mit einer klassischen Pianoballade beschließt Collins das Album. Oder ist es ein Schlaflied? Lass uns morgen drüber reden, jetzt lass uns erst mal (miteinander?) schlafen. Am Ende des Albums klingt es nicht unbedingt so, als hätte da jemand seine Beziehung besser im Griff. Dafür hat sich die musikalische Stimmung vom nüchternen „Sichtbeton“-Stil des ersten Stücks zu warmen, kuscheligen Schmusemelodien bei Why Can’t It Wait Til Morning? entwickelt.


Hello I Must Be Going war, so kann man in Onlinenachschlagewerken lesen, „Phil Collins kommerziell erfolglosestes Album in den 80ern“. Für drei Platinschallplatten in den USA und über ein Jahr in den britischen Charts (beste Plazierung: 2) hat es trotzdem gereicht. Sicherlich ist es aber unter den Alben, die Collins in den 80ern eingespielt hat, das sperrigste – vielleicht auch deshalb, weil keine richtige Schublade dafür zu finden war: Das Label „Beziehungskrisenplatte“ war ja eben schon von Face Value belegt. Was ist Hello, I Must Be Going also? Für Collins möglicherweise ein kathartisches Album, mit dem er seine Beziehungsprobleme weiter aufarbeitete. Für den Fan sicherlich ein Schlagzeugeralbum, eines, das auf der einen Seite Wut und Verzweiflung herauslässt und andererseits aber auch Einsamkeit und Sehnsucht zum Ausdruck bringt. Kein Album für alle Lebenslagen, aber eines, das aus dem Herzen spricht, wenn man das gerade braucht. Zwischen Face Value und No Jacket Required fällt es vielleicht ein bisschen ab, aber es ist trotzdem immer erstklassig.

Autor: Martin Klinkhardt

Phil Collins


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