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Peter Gabriel - So

So, That Voice Again?


Peter Gabriel macht eigentlich keine Kompromisse. Das legendäre Southbank-Video zeigte seinerzeit, wie sein Klassiker IV (Security) entstand. Gabriel experimentiert und er kreiert, er produziert nicht. Nach IV ging Gabriel wieder einen Schritt weg von seinen World-Music-Vorlieben und widmete sich dem Mainstream. Das besondere daran war, dass er dies vorher noch nie gemacht hatte. Vielleicht wusste er nicht mal, dass er mit So ein lupenreines Mainstream-Werk erschaffen hatte.

Lupenrein, das ist relativ. Der Sound ist poppig, die Melodien eingängig, die Musik trotzdem mitunter schräg. Red Rain, der Opener, ist jedes Mal aufs neue eine Herausforderung für die Live-Band. Der Rhythmus, die gesamte Atmosphäre des Songs baut auf der Vielschichtigkeit auf, die nur eine Studioproduktion erzeugen kann. Auf der 1986/87er This Way Up Tour ist Red Rain grandios gescheitert, auf der Secret World-Tour klang es etwas auf Nummer sicher gespielt, 1998 beim Amnesty Konzert versemmelte er direkt Text und Musik, doch 2002-2004 schaffte Gabriel dann endlich eine schnörkellose Rockversion und vollendete den Song mit 16jähriger Verspätung.

Doch Red Rain, das war der perfekte Aufgalopp für acht Songs (neun auf der CD), die eine Reise durch Gabriels Seele darstellten. Nicht immer war das Thema tiefgründig, oftmals war Gabriel direkt, auf seine Weise aber verschroben, verschränkt, geheimnisvoll. Es ist seine Stimme, die dem Album den letzten Schwung verleiht. Gereift, das sagt man wohl - kräftig, das trifft es besser. Ähnlich wie Collins in den 80ern hatte auch Gabriel eine besondere Zeit, in der er seine Stimme perfekt in Szene setzen konnte. Red Rain ist dafür das perfekte Beispiel.

Anders als der Opener präsentiert sich Gabriel mit knackigen Poprocknummern eher zynisch-direkt - Sledgehammer ist bis heute neben Solsbury Hill der bekannteste Gabriel-Song. Das Musikvideo ist nach wie vor das meistgespielte Musikvideo auf MTV und eine Kunstform an sich. Nur ein Jahr zuvor boten die Dire Straits mit Money For Nothing eine Klötzchengrafik zum Abgewöhnen, Gabriel dagegen animierte mit großem Aufwand gleich fünf Minuten bizarre Kunst zwischen knusprigen Brathähnchen und diffusen Früchten. Sledgehammer, das ist Sex in Reinkultur, vermittelt mit subtilen Mitteln. "I wanna be your sledgehammer (...) come on help me do" - selten war Gabriel so eindeutig. Sledgehammer ist auch seine Liebeserklärung an den Soul, den er immer verehrt hat.

Überhaupt setzt Gabriel auf Anspielungen, visuelle Reize und die Fantasie seiner Fans. Der rote Regen fällt zu Beginn, der Vorschlaghammer kommt danach und auch das Video zu Big Time geizt nicht mit Bildern, die in dieser Fülle und Anhäufung von Merkwürdigkeiten ihresgleichen sucht. Big Time ist vielleicht der poppigste Hit des Albums, die logischste Single und die eindeutigste Liebeserklärung an den Mainstream. Doch Gabriel wäre nicht Gabriel, wenn er einen solchen Song nicht in eine große Portion Zynismus und Ironie verpacken würde. Big Time könnte eine launische Abrechnung mit der Persönlichkeitsveränderung infolge des eigenen Erfolgs sein. Wen er jedoch meint, lässt er wie so oft offen...

Das Duett des Albums heißt Don't Give Up. Gabriel hat nicht den Ruf eines Wiederholungstäters, doch hier kopiert er ausgerechnet Phil Collins. Der hatte sein legendäres Drum-Fill von In The Air Tonight auch auf dem Nachfolge-Album Hello, I Must Be Going! eingesetzt (bei Thru These Walls). Gabriel ließ Kate Bush schon auf seinem dritten Album III (Melt) singen (auf dem Top-10-Hit Games Without Frontiers) und nun darf sie erneut ran. Don't Give Up gehört zweifelsohne zu den streitbarsten Gabriel-Songs - die Fans sind sich hier nicht einig. Von Kunst bis Kitsch, Pathos, geniale Ballade, Meisterwerk, Peinlichkeit - die Liste der Attribute ist lang. Fakt ist - Don't Give Up ist eine Rollenteilung, ein Konzeptsong, eine gute Idee. Gabriel besingt einen Versager, der keinen Ausweg mehr weiß ("I am a man whose dreams have all deserted ... no-one wants you when you lose") und Kate Bush inszeniert mit ihrer Stimme kongenial den Gegenpart und singt ihm Mut zu. Das kann man mögen, muss man aber nicht.

Ein großer Klassiker gelang Peter Gabriel mit In Your Eyes. Es gibt diesen Song mittlerweile in vielen verschiedenen Versionen und paradoxerweise ist die Version auf So völlig in den Hintergrund gerückt. Bereits die Maxi-Single enthielt eine Version mit einem anderen Intro (das berühmte "I want to stand and stare again"-Intro, das auch in der Live-Version gesungen wird) und In Your Eyes erfuhr noch ein weiteres Paradoxon - für die Remaster-Version von So rückte es ans Ende des Albums. Ursprünglich war In Your Eyes in der Mitte des Albums zu finden.

Weitest gehend unbeachtet und sehr selten live gespielt (nur ein paar Mal als Pinao-Version während der Still Growing Up Tour 2004) war That Voice Again. Zwar kann man dem Song auch ein Hit-Potenzial zuschreiben, jedoch ist That Voice Again dafür wohl etwas zu sperrig.

Ganz große Kunst erschuf Gabriel mit Mercy Street, das so etwas wie der heimliche Königsong des Albums sein könnte. Ähnlich wie Red Rain reifte auch Mercy Street mit den Jahren und war 2002/2003 einer der stärksten Songs im Live-Set.

Fünf Singles warf das Album ab - alle spielten fortan in Gabriels Live-Set eine wichtige Rolle. Don't Give Up war mitunter schwierig umzusetzen. Nicht eine Version reichte wirklich an das Original mit Kate Bush heran. Red Rain strapazierte oft die Aufnahmebereitschaft des Konzertbesuchers, Sledgehammer klang auch nicht immer optimal. Big Time spielte er nur 1986/87 und dann wieder überraschend 2007 und In Your Eyes ist nicht totzukriegen - für viele erreichte der Song über die Jahre das fragwürdige Label eines Nerv-Songs a la Sussudio - auf deutsch: Ich kanns nicht mehr hören...

Wenngleich das Album einen fröhlichen und optimistischen Grundton hat, so gibt es eine dunkle Seite. Mercy Street ist eine der stärksten Gabriel-Balladen überhaupt und wurde später ein Favorit vieler Fans. Kurios: Die B-Seite der Sledgehammer-Single, Don't Break This Rhythm, ist so etwas wie die beta-Version von Mercy Street. Ein gutes Beispiel für die Arbeitsweise von Gabriel und wie weit er sich von der ursprünglichen Song-Idee entfernen kann.

Musikalisch ist mit Sicherheit We Do What We're Told (Milgram's '37) der größte Fremdkörper des Albums. In der ursprünglichen Album-Version beschließt dieser Song das Album und hinterlässt das ein oder andere Fragezeichen. Einen wirklichen Schluss stellt der Song nicht dar. Zukunft offen - willkommen in der Welt des Peter Gabriel...

Die CD-Version (und natürlich auch die Remaster-Version) enthält noch einen weiteren Song, This Is The Picture (Excellent Birds). Ähnlich wie We Do What We're Told (Milram's '37) fällt This Is The Picture (Excellent Birds) etwas aus dem musikalischen Rahmen von So und so bilden die beiden Songs auf der CD-Version die Exoten-Ecke.


Man kann es drehen und wenden wie mal will. So ist Peter Gabriels wichtigstes Album. Es katapultierte den musikalischen Nonkompromisten mit einem Schlag in jene Liga, in der sich seine frühren Mitstreiter Phil Collins und Genesis tummel(t)en. So, das sind die 80er. Gabriel kompromittiert seine musikalische Kunst und erschuf einen Klassiker, den er nicht mehr los wurde. Und während sein früherer Kollege Phil Collins extra betonte, dass kein Fairlight auf seinem Album sei, setzte Gabriel genau diesen Musik-Computer perfekt in Szene und stieß damit sogar seine Ex-Band vom Thron der amerikanischen Single-Charts. Im Sommer 1986 musste Invisible Touch Platz machen für Sledgehammer. War dies Gabriels später Sieg über seine Ex-Band oder nur ein Treppenwitz der Musikgeschichte?

Autor: Christian Gerhardts


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