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Genesis – Selling England By The Pound


Die stetige Arbeit, die dicht gesäten Album-Veröffentlichungen und unermüdliches Live-Auftreten hatten Genesis den Weg in das Herz der europäischen und nun auch der englischen Fans geebnet. Die Band machte langsam den Schritt vom absoluten Geheimtipp zu einer Kultband mit stetig wachsendem Fan-Kreis. Damit wuchsen aber auch die Erwartungen, und der Druck, der auf der Band lastete. Man erwartete nichts geringeres als ein neues Meisterwerk im Stile von Foxtrot. Heraus kam Selling England By The Pound, ein Album, das Fans bis heute zu den ganz großen Klassikern zählen. Tatsächlich begannen in dieser Zeit aber auch die Spannungen innerhalb der Band zu wachsen…

Der unablässige Einsatz, um den Bekanntheitsgrad der Band zu steigern, hatte neben dem wachsenden Zuspruch auch Schattenseiten. Als die Arbeiten für den Foxtrot-Nachfolger begannen, lagen nicht besonders viele Song-Ideen auf dem Tisch. Um die wachsende Anhängerschar nicht zu lange auf neuen Output warten zu lassen, warf Tony Stratton-Smith gar das von der Band selber als Verlegenheitsprodukt empfundene Genesis Live-Album rasch auf den Markt. Zwischen Oktober 1972 und September 1973 erschienen drei Genesis-Alben – Foxtrot, Genesis Live (Genesis erster Vorstoß in die UK-Top Ten) und Selling England By The Pound. Kreativ schien man in eine Sackgasse geraten zu sein, aus der sich Steve Hackett dadurch zu befreien suchte, dass er weniger an kompletten Songstrukturen arbeitete, sondern vielmehr begann, mit Riffs zu experimentieren. Eins dieser ohne Unterlass auf Soundchecks gespielten Riffs bildete den Ausgangspunkt für I Know What I Like. Ohnehin war Steve Hackett derjenige, der sich, auch aufgrund von Eheproblemen, stark auf die Arbeit innerhalb der Band warf, um Zuflucht vor seiner unerfreulichen privaten Situation zu nehmen. Steves Input für Selling England… wurde größer als bei jedem Album zuvor oder danach und nicht ohne Grund nennt er es gerne als sein Lieblings-Genesis-Album.

Auf der anderen Seite empfand Phil Collins die Lage der Band und die verkrampfte Arbeit am neuen Album als sehr frustrierend. Wie Mike Rutherford und auch Tony Stratton-Smith später zugeben würden, wuchsen in dieser Zeit die Befürchtungen, dass Phil die Band verlassen würde. Stattdessen suchte er sich aber ein musikalisches Ventil in Form der kurzlebigen Band Zox and the Radar Boys, u.a. mit dem früheren Yes-Gitarristen Peter Banks. Genesis schien die Spontaneität verloren zu gehen, die Fähigkeit, beim gemeinsamen Spielen in den Proben die magischen Momente zu erreichen. Die Spannungen innerhalb der Band nahmen zu und resultierten in einer Lagerbildung, in der sich Steve und Phil häufiger unfreiwillig von den drei verbliebenen Gründungsmitgliedern in die Ecke gedrängt sahen.

Letztlich wurde das Album innerhalb von nur sechs Wochen geschrieben, wobei verschiedene Wege zum Ziel führten: vorab ausgearbeitete Stücke (wie Firth of Fifth von Tony Banks), das Zusammensetzen einzelner Stücke, die von verschiedenen Bandmitgliedern eingebracht wurden (Dancing With The Moonlit Knight etwa basierte auf Klavierstücken von Peter Gabriel und einer Gitarrenmelodie von Steve Hackett) oder gemeinsames Herumjammen (Mike, Tony und Phil schrieben so den Instrumentalpart von The Cinema Show). Zugleich war man darum bemüht, sich nicht zu stark zu wiederholen – so wurde der Plan, Dancing With The Moonlit Knight und The Cinema Show zu einem großen langen Song zusammenzufügen, wieder fallen gelassen – die Vergleiche mit Supper’s Ready wollte man lieber vermeiden.

coverDie Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Produzent John Burns zahlte sich in der Genesis-Platte mit dem bis dato besten Sound aus. Die Formation war seit zwei Jahren stabil und das live-erprobte gute Zusammenspiel der einzelnen Musiker spiegelte sich auch auf der Platte wieder. Manch einem erschien es gar zu perfekt und im Vergleich zu seinen Vorgängern und Nachfolgern haftete den Studioaufnahmen von Selling England By The Pound ein etwas steriler Charakter an, der in den exzellenten Live-Darbietungen wieder abnehmen sollte. Die Platte nahm einen wichtigen Platz in der Genesis-Geschichte ein. Der Titel griff die Überschrift des damaligen Parteiprogramms der Labour Party auf und verwies auf das Hauptthema des Albums: den Niedergang traditioneller britischer Kultur und die Sinnkrise des britischen Mittelstands. I Know What I Like wurde zur ersten Pop-Single und zum Charterfolg (immerhin Platz 21 der britischen Charts). Die Band verweigerte sich dem damit möglichen Auftritt in der britischen Hitparaden-Show Top Of The Pops, was Entsetzen bei Charisma auslöste und was die Bandmitglieder heute nicht ohne Stolz, aber auch mit einem gewissen Schmunzeln mit jugendlicher Arroganz erklären. Genesis blieben aber erstmal eine Alben-Band und hatten mit Selling… eine Sammlung von Songs vorgelegt, von denen einige zu den ganz großen Klassikern wurden, andere aber heute fast vergessen sind.


Dancing With The Moonlit Knight

Folkloristisch anmutender Sologesang von Peter Gabriel und sanfte gebrochene Akkorde von 12-saitiger Gitarre, Orgel und Klavier markieren den bemerkenswerten Anfang des Albums. Was wie ein zarter akustischer Song in alter pastoraler Manier beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Tour de Force mit hoher Dramatik. Ein Song wie ein gesamtes Genesis-Konzert in Kurzform – mit allen Dynamik-, Tempo- und Rhythmus-Wechseln, abwechslungsreichen Keyboard-Texturen, treibenden Drums und einem nicht unbedingt sofort zugänglichen Text. Der Song vereint eine Vielzahl von Stilrichtungen und sieht Genesis gegen Ende sogar zu einigen Jazzrock-Ausflügen ansetzen. Das Ende schließlich greift die seit Trespass so prägnanten pastoralen Linien wieder auf. Das zarte sehr atmosphärische Outro wirkt allerdings ein wenig wie im Nachhinein an den Rest des Songs geklebt.


I Know What I Like

Schwirrende, wabernde Sounds eröffnen den unwahrscheinlichsten Anschluss an diese pastoralen Töne. Phil Collins‘ Schlagzeug wechselt zwischen einem eingängig stampfenden Rhythmus und jazzrockigen und teilweise gar World Music-mäßig klingenden Fills. Der Text greift in einer bissigen Satire das spießige britische Mittelstandsleben auf und wird durch die Erzählperson des „lawn mower“ sehr lebendig. Englishness wird hier in skurriler Weise nahezu zelebriert und zugleich ironisch gebrochen. Der Refrain hat zwar Mitgröl-Potenzial, gleitet aber nicht in Pop-Untiefen ab. Der Song besticht gerade durch seine Einfachheit und bietet im Refrain eine der besten Mike-Rutherford-Bass-Linien überhaupt.


Firth Of Fifth

So klassisch klang Tony Banks auf einer Genesis-Platte noch nicht – mit seinem Klavier-Intro setzt er eine in dieser Hinsicht für Genesis neue Marke und greift seine eigene pianistische Ausbildung auf. Der Einsatz der Band ist dann doch etwas sehr abrupt, dadurch aber umso imposanter. Die Strophen wirken durch den breiten Gitarren- und Orgelsound und das wuchtige Schlagzeug sehr massiv und breit – Cinemascope als Musik…erneute Anklänge an Genesis‘ pastorale Linie kommen bei dem von der Flöte geprägten Akustikteil auf, der von der dann doch sehr ProgRock-mäßig daherkommenden Synthesizer-Reprise des Klavier-Intros abgelöst wird. Auch hier wird wieder Phils in dieser Phase starke Vorliebe für den Jazzrock in seinem Schlagzeugspiel hörbar. Die Drums wirken streckenweise zudem wie die geniale perkussive Verlängerung oder Verstärkung der Synthesizer-Melodie. Es folgt Steve Hacketts wohl am besten in Erinnerung gebliebener Moment bei Genesis: Das legendäre und nicht enden wollende Gitarrensolo, welches wiederum die zuvor von der Flöte gespielte Melodie aufnimmt und in eine neue Dimension überführt. Von der Rückkehr der Strophe wird man wieder etwas auf den Boden zurückgeholt, um zum Ausklang Peters Aphorismus zu lauschen „The sands of time were eroded by the river of constant change“. Ein perfekt strukturierter Song, der von seinem Aufbau her der den stärksten symphonischen Charakter im Genesis-Katalog einnimmt und der selbst in zunehmend amputierten Versionen noch bis 2007 zum Live-Set gehören sollte. Unverstümmelter sollte es auch Steve Hackett im Laufe seiner Solokarriere unzählige Male darbieten.


More Fool Me

Ein erneut kontrastreicher Übergang. Von dem Bombast von Firth zu Fifth zu Phil Collins zweitem Auftritt bei Genesis als Lead-Vokalist. More Fool Me hat nicht ganz die Intimität wie For Absent Friends auf Nursery Cryme. Ohnehin geht es um ein für Genesis-Songs dieser Zeit untypisches Thema, denn es handelt sich um einen Lovesong. Nicht mitreißend, aber auf der folgenden Tour ein gefeierter Solospot und nachgerade eine Vorahnung auf das, was Phil und auch Mike (die den Song gemeinsam schrieben) später noch so machen würden.


The Battle Of Epping Forest

Es folgt einer der wohl schwächsten Genesis-Songs dieser Ära. The Battle Of Epping Forest ist der Versuch, mit dem Thema rivalisierender Gangs ein realitätsnäheres und moderneres Thema aufzugreifen. Der Song entstand, wie sich Tony Banks erinnerte, indem endlos täglich neue Teile hinzugefügt wurden – und genauso klingt er dann auch. Peter Gabriel gestand im Nachhinein ein, dass er vom Schreiben des Textes etwas mitgerissen wurde und sich in der Geschichte verlor. Ein Phänomen, das Genesis bei den Aufnahmen zum nächsten Album wieder begegnen sollt, spielte sich ab: Peter brauchte so lange für den Text, dass die anderen Mitglieder die Backing Tracks ohne Melodie und Text bereits fertiggestellt hatten. Es gibt schöne Momente, so wie das kurze Synthesizer-Solo oder das Honky-Tonk-Piano (man sieht den betrunkenen Seemann förmlich durch den Raum wanken), aber insgesamt ist der Song mit Ideen überfrachtet, Text und Musik wollen auf Teufel komm raus nicht zueinander finden. Viele einzelne Passagen wissen zu gefallen, doch bleibt von dem Song kaum etwas so recht in Erinnerung.


After The Ordeal

Es schließt sich das in der Band umstrittenste Stück dieser Platte an. Sowohl Tony als auch Peter wollten dieses von Steve komponierte Instrumental nicht auf der Platte haben. In einer aberwitzigen Kompromissuche landete es dennoch auf der Scheibe – Peter wollte auch den Instrumentalteil von The Cinema Show runterschmeißen, und um den zu retten, stimmte Tony für Steve Stück. Ein Fehler, wie man sagen muss. Der zweigeteilte Song bleibt in seiner anfänglichen pseudoklassischen Manier blass und kann im zweiten Part, als die Band mit einsteigt, nicht gerade an Prägnanz gewinnen. Kein besonderer Höhepunkt der Genesis-Diskographie.


The Cinema Show

Nach diesen drei schwächelnden Stücken folgt ein weiterer Longsong mittlerer Länge. The Cinema Show beginnt im gewohnten akustisch-pastoralen Terrain, die seit Anfangszeiten so bekannten Pickings auf der 12-saitigen Gitarre werden hier von Mike und Steve hier in wunderbarer Atmosphäre wieder aufgegriffen. Die Gesangsmelodie bleibt unmittelbar haften, ohne zu platt zu wirken, im Text treffen Liebesgeschichte, klassische Epen und antike Mythologie aufeinander. Nach dem ersten, eher songartigen Teil geht das Stück wiederum etwas abrupt in einen sich rasch zu großartigen Höhepunkten steigernden Instrumentalteil über. Tony Banks setzt erstmals zu einem voll ausgereiften Synthesizer-Solo an, aber durch die enge Verwebung mit dem von Mike und Phil gesetzten Rhythmus-Part wird dies keine eitle Angeberei Emersonscher Manier, sondern eher ein von der ganzen Band (naja, von drei Mitgliedern…) gespieltem Instrumental.


Aisle Of Plenty

Das Ende von The Cinema Show geht fließend über in Aisle Of Plenty – eigentlich kein Song, sondern eine Geräuschcollage, in der Melodien aus Dancing With The Moonlit Knight nochmal aufgegriffen werden. Hier jagen sich nochmal die Wortspiele gegenseitig, aber durch die fehlende Eigenständigkeit wirkt dies hier mehr wie ein Anhängsel.


Unter dem Strich war Selling… zwar eine mittlere Erfolgsgeschichte für Genesis, aber auch ein deutlich unausgewogeneres Album als etwa noch Foxtrot. Mit Dancing With The Moonlit Knight, I Know What I Like, Firth Of Fifth und The Cinema Show sind nicht umsonst die Stücke am prägnantesten im Gedächtnis geblieben, die zu mittleren (Dancing…) oder ganz großen Klassikern (die anderen drei) der Bandgeschichte wurden. Als Album war es letztlich keine perfekte Zusammenstellung: Alle Longtracks haben in etwa dieselbe Länge, die anderen Stücke sind bis auf I Know What I Like eher als Füllsel zu sehen. Im Gegensatz zu Steve halten Phil und Tony das Album nicht in besonders hohen Ehren – die einzelnen Stücke schon, aber gerade Tony bezeichnete das Album als „lächerlich lang“ – wobei 53:42 Minuten im CD-Zeitalter natürlich nicht beeindrucken. Am Ende wurde wohl klar, dass man in der Linie von Nursery Cryme über Foxtrot zu Selling England By The Pound ein vorläufiges Ende erreicht hatte. Von daher nimmt es auch kaum Wunder, dass Genesis nach dieser Platte und der dazugehörigen Tournee eine andere Richtung einschlagen sollten.

Zunächst aber erreichte man zum ersten Mal mit einem Studioalbum die Top Ten in Großbritannien: Platz 3 stand schlussendlich zu Buche. Genesis hatten einen neuen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit erreicht.

Autor: Jan Hecker-Stampehl


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